Neue Gedenktafel erinnert an Kyritzer Bürger, die in der NS-Zeit ein jüdisches Ehepaar versteckten
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Kyritz Neue Gedenktafel erinnert an Bürger, die in der NS-Zeit eine jüdische Familie versteckten
Lokales Ostprignitz-Ruppin Kyritz

Neue Gedenktafel erinnert an Kyritzer Bürger, die in der NS-Zeit ein jüdisches Ehepaar versteckten

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14:44 27.09.2020
Herbert Brandt (r.) hat die Gedenkveranstaltung mit organisiert und den Kontakt zu vielen der anwesenden Angehörigen hergestellt.
Herbert Brandt (r.) hat die Gedenkveranstaltung mit organisiert und den Kontakt zu vielen der anwesenden Angehörigen hergestellt. Quelle: André Reichel
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Kyritz

Am Wochenende wurde in Kyritz in der Johann-Sebastian-Bach-Straße, am Haus Nummer 36, eine Gedenktafel enthüllt. Weit mehr als 50 Personen nahmen an dieser feierlichen Veranstaltung teil. Organisiert wurde diese von Stadthistoriker Herbert Brandt und dem Kyritzer Heimatverein.

In der NS-Zeit zeigten einige Kyritzer Bürger Courage, in dem sie ein jüdisches Ehepaar vor den Nazis versteckten. Ihnen zu Ehren wurde nun eine Gedenktafel enthüllt. An der Veranstaltung nahmen mehr als 40 Nachfahren der Helfer von einst teil.

Geehrt wurden mehrere Kyritzer Bürger, die während der Zeit des Nationalsozialismus ein jüdisches Ehepaar versteckten und es somit vor der Deportierung und dem sicheren Tod bewahrten.

Stadtverordnetenvorsitzender Thomas Settgast begrüßte die Gäste

Thomas Settgast, Vorsitzender der Kyritzer Stadtverordnetenversammlung, begrüßte zu Beginn die Anwesenden. „Herzlich Willkommen zu der Veranstaltung, mit der wir an mutige Menschen erinnern wollen“, sagte Thomas Settgast. Er betonte, dass es eine wahrhaft mutige Tat einzelner beherzter Bürger war. „Die große Masse aber hielt bis zum Schluss dem Regime die Treue“, fügte er an.

Horst Dräger und Eva Hanisch enthüllten die Gedenktafel. Quelle: André Reichel

Ein Großteil der Teilnehmer an der Gedenkveranstaltung waren Nachfahren jener mutiger Bürger, die sich damals in Lebensgefahr begaben, um das Ehepaar Steigerwald zu retten.

Auch die Kyritzer Bürgermeisterin Nora Görke sprach kurz ein paar Grußworte und dankte bei der Gelegenheit dem Hauseigentümer, Michael Marschner, dafür, dass er es erlaubte, die Gedenktafel an seinem Haus anzubringen. Mehrere Schülerinnen der Jahrgangsstufe 12 des Kyritzer Jahn-Gymnasiums beteiligten sich, in dem sie Gedichte vortrugen und Blumen an der Gedenktafel niederlegen. Sie kamen in Begleitung ihres Geschichtslehres Andreas Müller. Eine Musikern aus dem Amt Neustadt spielte auf ihrer Violine Klezmermusik.

Stadthistoriker Herbert Brandt berichtete

Zu Wort kam selbstverständlich auch der Heimatforscher Herbert Brandt, auf dessen Initiative hin es überhaupt zu dieser Veranstaltung mit Gedenktafelenthüllung gekommen war.

Brandt berichtete, dass er bereits Mitte der 1960er Jahre von der Geschichte der Rettung des Ehepaares Steigerwald erfuhr. „Damals in der DDR sollte ich darüber aber schweigen“, sagte Herbert Brandt.

Auch nach der politischen Wende geschah zunächst lange Zeit nichts in dieser Angelegenheit. „Fast hätte man dieses Kapitel der Stadtgeschichte vergessen“, sagte Brandt.

Der Heimatverein unterstützte die Aktion

Doch anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus und Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai diesen Jahres, begann der 78-jährige Kyritzer im Vorfeld intensiv die Ereignisse jener Tage zu erforschen. Er sprach mit Zeitzeugen und schließlich kam auch wieder die Geschichte um die Rettung der Familie Steigerwald zu Tage. Zunächst allein, dann mit Unterstützung des Heimatvereins, machte Brandt diverse Nachkommen der Retter von einst ausfindig – und mit ihrer Hilfe konnten sie schließlich auch die ganze Geschichte in Erfahrung bringen.

So konnte Herbert Brandt am Sonnabend berichten, dass der jüdische Rechtsanwalt Theodor Steigerwald und seine Frau Alice aus Hamburg seit dem 1. August 1943 vom Kaufmann Paul Dräger und dessen Frau Frida auf dem Dachboden ihres Hauses versteckt wurden. Weil Theodor Steigerwald krank war, wurde der Kyritzer Arzt Andreas Maertens ins Vertrauen gezogen. Die Seelsorge übernahm damals Pfarrer Johannes Friedrich Schlicht.

Zeitzeugen berichteten

Die heute 87-jährige Tochter des Arztes, Eva Hanisch, erzählte, dass sie den Versteckten regelmäßig Essen brachte. „Nicht einmal meiner besten Freundin habe ich davon je erzählt.“ Zusammen mit Horst Dräger, einem der anwesenden Enkeln des Kaufmanns, enthüllte sie schließlich die Gedenktafel.

Anschließend gab es noch ein Zeitzeugengespräch im Saal von Bluhms Hotel. Bei Kaffee und Kuchen kam noch so manche Episode zu Tage.

Von André Reichel