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Ostprignitz-Ruppin Legendenreicher Abenteuerspielplatz
Lokales Ostprignitz-Ruppin Legendenreicher Abenteuerspielplatz
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16:08 27.02.2018
Durch den Wald führte eine Eisenbahn. Die Strecke demontierten die Russen. Verladerampen blieben übrig. Quelle: Mattias Anke
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Dreetz

Die letzte Bunker-Party kann nicht lange her sein. Wochen vielleicht, Monate maximal. Unklar ist auch, wie viele Fans solcher Untergrundfeiern sich zuletzt inmitten des Dreetzer Waldes in diesem tarnfarben gestrichenen Betonklotz zur Techno-Musik einen abgezappelt haben. Oder war’s eine Geburtstagsparty? „Happy B“ steht leuchtfarbend auf einem Podest. Daneben erhebt sich ein Tresen Marke Eigenbau. Im Raum verteilt stehen etliche, von Zigarettenqualm durchtränkte, sperrmüllreife Sofas. Im Saal nebenan ist es stockfinster.

Happy Birthday? Vor nun genau 70 Jahren fand dort alles eigentlich sein Ende. Damals um diese Jahreszeit arbeiteten vermutlich noch weit mehr als 2500 Menschen in dieser Sprengstofffabrik, von der heute nur ungezählte, im Wald verstreute Betonelemente übrig sind sowie einige unscheinbare Gebäude und vier riesige, kreisrunde Hügel. Aber auch eine Gräberfeld-Gedenkstätte in Sichtweite zum Dreetzer Friedhof weist noch auf diesen Teil der Ortsgeschichte hin. Denn für einige Werksarbeiter war das Ende ihrer Fabrik nicht erst im Mai 1945 mit der Übergabe an die Rote Armee gekommen, sondern schon am 3. April. Französische Zwangsarbeiter sollen eine Explosion ausgelöst haben. Die Namen von knapp 40 Toten, darunter Polen, Niederländer, Russen und Italiener, stehen auf zwei Tafeln zu Füßen eines Obelisken.

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Die Rüstungsfirma

  • Das Unternehmen Deutsche Sprengchemie betrieb in Deutschland über ein Dutzend Werke, darunter neun baugleiche Pulverfabriken.
  • Die Sprengchemie war seit 1934 eine Gemeinschaftsfirma der Dynamit Nobel AG und der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-Actien-Gesellschaft (Wasag). Gearbeitet wurde im Auftrag der reichseigenen Verwertungsgesellschaft Montan-Industrie.

„Zu DDR-Zeiten war obendrauf statt des Kreuzes ein roter Stern. Als Pioniere mussten wir hin, wenn die Sowjets Ehrensalven schossen. Sie dachten damals, dort würden ebenfalls Soldaten liegen. Aber später kam die Wahrheit irgendwie ans Licht“, erinnert sich der Dreetzer Joachim Ribbe und blickt aus dem Fenster seines Arbeitszimmers: „Im Ort wusste man das schon immer besser, aber keiner hatte was gesagt.“

Überhaupt sei jahrzehntelang nicht viel gesagt worden über diese Zeit. Dabei blieb sie immer allgegenwärtig. „Der weiße Pfeil da drüben zeigt auf einen Luftschutzkeller“, sagt Ribbe. Der 63-Jährige weist aufs Gebäude gegenüber. An dessen Fassade lässt sich tatsächlich ein verblasster Pfeil ausmachen. Und auch an Ribbes Haus muss mal einer gewesen sein. Dessen Keller ist ebenso bombensicher. Alle Häuser dieser Siedlung entstanden in den 1930er Jahren schließlich für die Ingenieure der Fabrik. Und jederzeit war mit einem Fliegerangriff auf das Areal zu rechnen. Den Ernstfall gab es nie. Zu gut versteckt und verteilt lagen die 300 Einzelgebäude und Anlagen im angrenzenden Wald.

Ein Bild davon haben die meisten Dorfbewohner jetzt jedoch nur noch vom Hörensagen. Vor acht Jahren gab es im benachbarten Neustadt zwar ein Schulprojekt darüber. Trotzdem ist das Thema Sprengstoffwerk für die Öffentlichkeit bis heute nicht vollständig aufgearbeitet. Dreetz wollte lieber kein Wallfahrtsort für Hobby-Kriegsforscher oder Nazi-Kundler werden. Und es wurden eben auch zu viele Zwangsarbeiter beschäftigt, die von zu vielen Anwohnern bewacht worden sein sollen. Wer nicht nach Sibirien verschwinden wollte, schwieg da lieber.

Einiges findet sich im Dorfmuseum, in der Dreetzer Heimatstube, mittlerweile dennoch. Joachim Ribbe, der sich seit Kurzem fürs Museum engagiert, verweist auf eine Schrift von Jürgen Petras, der sich einst an die Aufarbeitung machte. So sind in dessen „Informationsmappe zur Deutschen Sprengchemie“ alle Einrichtungen aufgelistet und die Funktionen dieser Fabrik zur Pulverherstellung erklärt. Demnach entstanden zwei identische Werke. Ihre markanteste Hinterlassenschaft sind die Berge. In denen wurde Sprengöl produziert. Am Ende entstand Pulver in Röhren- und Plättchenform. Eine solche Munitionsfabrik hieß schlicht Muna. In Dreetz lautete ihr Tarnname „Aue“.

Darüber, wie alles begann, hat Revierförster Roland Protz Unterlagen. In einem mit „Geheim!“ überschriebenen Brief von 1937 steht: „Am 3. September 1937 wurde mit Vertretern der Wehrmacht und der Sprengstoffchemie die Fläche in der Revierförsterei Lüttgen-Dreetz besichtigt, die die Landesplanungsgemeinschaft Brandenburg für Zwecke der Wehrmacht in Anspruch nehmen will.“ Im Jahr darauf begann der Bau.

Gut die Hälfte der Arbeiter wurde in Baracken untergebracht, die zeitweise auch als Judenlager galten. Diese Gebäude standen einst hinter dem heutigen Baumlehrgarten „Arboretum Lüttgen-Dreetz“.

Nebenan hat Förster Protz sein Büro. Von dort aus koordiniert er die Bewirtschaftung dieses Landeswaldes. Die ist möglich, obwohl das Gelände derart bebaut wurde, dass es über ein eigenes Elektro-, Trink- und Abwassersystem samt Kraftwerk verfügte. „Hier ist aber nichts verseucht oder so“, sagt Protz. Dazu gab es in den 1990er Jahren Untersuchungen. „Die meisten unterirdischen Anlagen und Gänge sind verfüllt. Hin und wieder stoßen wir noch auf so was und machen es dann zu“, erzählt der Förster – der sich besonders über die vielen Winterquartiere für Fledermäuse freut.

Nicht bewirtschaften lassen sich besagte Ölberge. Zu DDR-Zeiten waren sie mal eingezäunt. „Um Mufflons auszuwildern“, sagt Protz, dessen Büro so einige Jagdtrophäen zieren, darunter auch der Kopf eines solchen Tieres. Protz räumt mit der Legende auf, die Mufflons hätte man zur Tarnung einer militärischen Anlage dorthin gebracht, auf das also noch Sprengstoff im Ölberg liege.

Und wurden in Dreetz gar Gefechtsköpfe der „V2“ befüllt? Solche Spekulationen verbreiten sich im Internet auf Portalen wie „Forum der Wehrmacht“, „Geheimnisvolle Orte“ oder „Schatzsucher“.

Neben sogenannten Schrottern als Sammler metallischer Reste suchen sogenannte Geocacher tatsächlich nach „Schätzen“. Bei ihrem Hobby fahnden sie mit Satellitenhilfe und GPS-Signalen nach bewusst versteckten Objekten. Der Finder macht einen Eintrag in ein Logbuch und packt den Fund für den nächsten Suchenden zurück.

Wie so viele Dreetzer entdeckte auch Joachim Ribbe das Gebiet in seiner Kindheit als Abenteuerspielplatz. Gewiss sei es manchem verboten worden, dort zu spielen. Doch dass es Fälle gegeben haben soll, in denen Kinder nicht wiederkamen, „davon habe ich noch nie gehört“, sagt Ribbe. „Viel Unfug wurde schon erzählt.“

Verbrieft sei indes, was in Unterlagen zur Anlage steht. Einige Dreetzer durften sich Originale in Berliner Archiven einst – nur – ansehen. Und mancher andere Einwohner, so heißt es, behalte sein Material zum Werk bis heute für sich. Dabei prägten dessen Reste auch später noch das Dorfbild mit. Denn die Betonwege wurden nicht nur von den Russen aufgenommen und in Neuruppin für Flugplatz- und Kasernenbau verwendet. Dreetzer Bauern holten sich Teile für den Rad- und Gehweg in der heutigen Wilhelm-Pieck-Straße, der Friedensstraße und zur Befestigung des Feldweges in Verlängerung der Triftstraße. Auch so bleibt die „Muna“ allgegenwärtig. Und die nächste Bunker-Party kommt bestimmt.

Von Matthias Anke

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