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Lindow Leben ohne Konsum: Der Eremit, der in einer Kirche wohnt
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10:40 04.08.2019
Pater Jürgen Knobel lebt als Eremit in der Klause St. Bernhard in Lindow. Quelle: Regine Buddeke
Lindow

Die Kirche heißt St. Joseph, die Klause St. Bernhard. Und der, der dort lebt, heißt Jürgen Knobel – Pater Jürgen Knobel. 2014 hat er sich im Anbau der Katholischen Kirche in Lindow angesiedelt – als Eremit. Das Wort stammt aus dem griechischen – „eremos“ bedeutet Wüste, Einsamkeit, Rückzug.

Als eine Wüste kann man das märkische Städtchen Lindow eher nicht bezeichnen. Und einsam ist Jürgen Knobel hier auch nicht wirklich. Sein Rückzug ist keiner aus der Welt an sich – eher einer, der ins eigene Innere zielt. Ein Rückzug aus der grellen, lauten Welt der Werbung, der Selbstdarstellung, des Konsums.

Klein, aber nicht karg: Pater Jürgen Knobel hat im Kirchenanbau und seinem „Garten der Mystik“ alles, was er zum Leben braucht. Ohnehin geht es ihm wenig um materiellen Besitz.

Ist es im Winter nicht viel zu kalt, um in einer Kirche zu wohnen? Pater Knobel lächelt und zündet eine Kerze im warm-orangefarben gemalerten Besprechungszimmer an. Nein, er schlafe ja in einem Anbau, dem Küsterhäuschen, erklärt er. Das sei renoviert und nach normalem Wohnungsstandards ausgestattet.

Früher war Knobel Maler und Restaurator

Knobel, glatt rasiert, kurzer Haarschnitt, Brille – gekleidet in weiße lockere Hose und Sweatshirt, weiße Kappe, sieht kein bisschen so aus, wie man sich einen Eremiten vorstellt. Für ihn sei das Küsterhäuschen ideal, er hätte direkten Zugang von der Wohnung aus zur Kirche. Und dort ist er oft.

Jürgen Knobel liebt „seine“ Kirche, ihre Schlichtheit, die bunten Glasfenster, die wunderbaren Kreuzweg-Tafeln und die Josef-Skulptur einer Bauhauskünstlerin der 30er Jahre. Er schwärmt von der Backstein-Architektur: „Baujahr 1930: eine Kirche des neuen Bauens. Sie hat ein bisschen was klösterliches – aber moderner, abstrakter. Ganz frühes Bauhaus“, sagt er, lobt die dekorativen Details: die wie zufällig und doch perfekt durchbrochenen Kreuze im Giebel, begeistert sich für die wunderbar vollendete Rosette über dem Tor. „Die könnte von Mondrian sein“, schwelgt er. Knobel kennt sich aus in Kunst und Kunstgeschichte – in seinem früheren Leben war er Kunstmaler und Restaurator.

Knobels Küche sieht aus wie in einem „normalen“ Haushalt. Quelle: Regine Buddeke

Insofern verwundert es nicht, dass Jürgen Knobel nicht der Mann für nackte leere Wände und spartanisches Nichts ist. In seiner Küche und im Gesprächszimmer hängen Bilder, Wanddekorationen und christliche Symbole an den Wänden, man findet Trockenblumen und andere Dinge, die ihm schön, wertvoll, wichtig sind. Er hat sich seine eigene Welt geschaffen, so wie andere es auch in ihrer Wohnung tun.

Er hat auch Internet und Mobiltelefon und nutzt beides. Einen Wecker, den er nicht braucht. Er hat eine Heizung, fließend warmes Wasser, eine Waschmaschine und ein Auto. Mit dem fährt er zuweilen in den Baumarkt, denn Knobel werkelt fast alles selbst in seiner Kirche und der Wohnung. Die Kirche hat er innen selbst gestrichen, seit er eingezogen ist. Und auch seinen „mystischen Garten“ hat er selbst angelegt und pflegt ihn. „Ich freue mich schon auf die Anschaffung einer Heckenschere“, sagt er.

Sein Haus steht offen für alle „Suchenden“

Alles dürfen seine Gäste sehen. Nur ins Obergeschoss seiner Klause lässt er keinen: Da sind Bad und Schlafzimmer. Und ein Altar, der ihm teuer ist. In Form einer Gebetsnische der frühen Eremiten in der ägyptischen Wüste, die Nischen in Kalksteinfelsen dafür nutzten, erklärt er über den Platz, der ihn am meisten inspiriert. So wie der verborgene Platz in seinem Garten, wo er sich wie ein Eremit fühlen kann: Da sieht mich keiner.“ Ansonsten gilt: Kein Luxus, keine unnützen Dinge. Alles muss funktional sein – „nach dem Prinzip der Einfachheit.“

Eine Glocke am Tor für Besucher. Quelle: Regine Buddeke

Ein Garten, der zum Meditieren taugt: mit wellenförmig angelegten Holzgerüsten, die langsam von Rankpflanzen erobert werden sollen, dazwischen eine gläserne Kugel, die das Licht bricht, Nischen mit geschichteten Steinen laden zum Schauen, ein hölzernes Blumenkreuz, das wie ein Mandala ausschaut mit seiner Seerose im Zentrum. Er kann zu diesem Glorienkreuz – oder Auferstehungskreuz – viel erzählen: Eine Symbiose aus Transzendenz und Immanenz - die frühen Eremiten des 3. und 4. Jahrhunderts hätten es vor ihren Klausen gehabt.

Das Gesprächszimmer ist warm-orangefarben gestrichen. Hinter dem Vorhang geht es direkt in die Kirche. Quelle: Regine Buddeke

Ist er einsam so ganz allein den ganzen Tag? Schon wieder lächelt er. Er lächelt viel, das Leben in der Klause scheint ihm gut zu frommen. Die Eremitage sei ja ein öffentlicher Raum, erklärt er. „Der Eremit schottet sich nicht ab – er ist nahbar.“ Immer wieder kommen Menschen – Suchende – zu ihm, die das Gespräch suchen: „Meine gelebte geistliche Erfahrung“, sagt er. Gastfreundschaft sei bei Mönchen und Eremiten heilig. „Irgendwie paradox“, sagt er. „Ich bin ja nicht ganz geheim in der Wüste, sodass keiner weiß, dass es mich gibt. Und ich öffne die Kirche ja ganz bewusst.“

Knobel ist auch Autor – vier Bücher hat er schon veröffentlicht

Knobel hält katholische Gottesdienste ab, er ist quasi Priester-Eremit. Die gibt es selten, sagt er, er wisse von keinem weiteren. Knobel beherbergt vier, fünf Gäste pro Jahr, die ein paar Tage „mit dem Eremiten leben“ wollen. Über einen jungen Mann, mit dem er viele Gespräche hatte, hat er gerade sein viertes Buch geschrieben – Knobel ist auch Autor. „Eine tragische Geschichte“, sagt er.

Aber die Wege des Lebens seien nun mal verschlungen. Auch seine. „Es gab auch in meinem Leben Krisen – auch Glaubenskrisen.“ Der gebürtige Süddeutsche – vom Bodensee – habe mit 16 Nietzsche gelesen. „Das hat mich an die Grenze des Atheismus, sogar Nihilismus gebracht“, erinnert er sich. „Aber nach zwei, drei Jahren war der Spuk vorbei – dank der griechischen Philosophen. Die haben mich wieder auf den christlichen Weg geführt.“

Die 14 Kreuzweg-Tafeln in der Kirche restauriert Knobel selbst – sie stammen aus einer Berliner Krankenhauskapelle. Die noch unfertigen hängen als Fotos dazwischen. Quelle: Regine Buddeke

Jetzt hat ihn sein Weg nach Lindow geführt. Er versucht, ein Leben zu führen, dass die Außenreize minimiert. Kein Fernsehen, kein Radio. Auch keine Musik? Nein, sagt er, nicht in der Klause. „Die schönste Musik ist für mich die Stille.“ Die reicht ihm. Er habe gemerkt, dass er die Musik nicht brauche, so wie andere, die damit vor der Leere der Stille fliehen wollen. Er hört die Vögel, das gefällt ihm.

„So viel Dichter haben die Stille besungen“, sagt er erklärend. Nur ganz selten, wenn er Auto fährt – er gibt dann und wann Seminare für christliche Zen-Meditation – hört er geistliche Musik-CDs, verrät er. Und natürlich bei seinen Kursen. „Der Weg zur Stille ist der Weg nach innen“, hat er gelernt. Mein Leben ist ein kontemplatives.“

Eremit bedeutet nicht mittelalterliche Selbstbestrafung

Dennoch weiß er durchaus, was in der Welt passiert. „Ich bin glücklich, dass die Jugend aufsteht“, sagt der 57-Jährige zu den Fridays-for-Future-Demos. „Ich hatte schon befürchtet, es sei vorbei mit unserer Jugend.“ Er liest – „keine Spiegel-Bestseller“, sagt er, sondern Werke der Theologie, Philosophie. „Weltliche Literatur interessiert mich nicht.“

Sieht er denn Verzicht in seinem Leben? „Es geht hier nicht um mittelalterliche Selbstbestrafung“, erklärt er lächelnd. „Sondern um Befreiung – von den unwesentlichen Dingen.“ Ein bewusster Verzicht sei natürlich das Leben in Ehelosigkeit. Aber das habe eine uralte Tradition, um sich aufs Spirituelle fokussieren zu können.

Stille Ecken zum Meditieren im „Garten der Mystik“. Quelle: Regine Buddeke

Manchmal zieht er seine Kukulle – eine Art Übergewand – an und greift zum Priesterstab: wenn er einen Gottesdienst abhält. Das muss er nicht, tut es aber gern, auch das Glockenläuten. „Es ist keine Pfarrei“, betont er. Als Eremit könne er auch Jeans und Karohemd tragen – er habe sich aber für weiß entschieden.

Ein schlichtes, prinzipientreues Leben. Er unterhält sich gern mit Menschen, die nicht nur plappern. Er ist ein guter, freundlicher Zuhörer und er lacht gern. „Eigentlich sind wir Eremiten ganz normal“, schmunzelt er. Nur eines ist womöglich anders: „Die Sehnsucht nach mehr Einsamkeit ist immer da.“

Warum Pater Jürgen Knobel in einer Kirche leben darf

Jürgen Knobel wuchs am Bodensee auf.

Er studierte nach dem Abitur Kunst und war bis zu seinem 30. Lebensjahr als Maler und Restaurator tätig.

Er trat er für kurze Zeit in ein Franziskanerkloster ein, begann dann aber auf Anraten des Erzbischofs von Berlin im Zisterzienserkloster Heiligenkreuz bei Wien 1994 ein Theologiestudium.

2002 wurde er durch Kardinal Sterzinsky zum Priester geweiht, wirkte als Kaplan in einigen Gemeinden des Erzbistums und absolvierte diverse Ausbildungen – etwa zum Exerzitien- und Meditationsleiter sowie als geistlicher Begleiter.

Mit Unterstützung des Erzbistum Berlin, der Kirchengemeinde Neuruppin und dem Bonifatiuswerk errichtete Pater Jürgen Knobel 2014 in Lindow auf dem Gelände der Kirche St. Joseph die Klause St. Bernhard – als erste Eremitage im Land Brandenburg seit rund 500 Jahren.

Der Eremit untersteht nicht der Kirche – nur dem Ortsbischof. Pater Jürgen Knobel hat sich eigene Regeln entworfen, nach denen er sein Leben ausrichtet. Miete und Grundausstattung finanziert ihm die Kirche.

Jürgen Knobel legte vor Kardinal Woelki, der die Eremitage segnete, und in der Öffentlichkeit das Gelübde auf die evangelischen Räte ab und lebt nun als Priester-Eremit und Seelsorger.

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