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Lindow Five Gentlemen begeistern in Vielitz
Lokales Ostprignitz-Ruppin Lindow Five Gentlemen begeistern in Vielitz
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12:44 09.07.2018
Goldkehelen: Die Five Gentlemen in der Musikscheune Vielitz
Goldkehelen: Die Five Gentlemen in der Musikscheune Vielitz Quelle: Regine Buddeke
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Vielitz

Die Scheune ist voll, Reinhard Hagen hat a Sonntag alles an Stühlen gestellt, was er noch auftreiben konnte. Der Grund für das überbordende Interesse: Die Five Gentlemen sind wieder einmal in der Musikscheune Vielitz zu Gast. 2015 waren sie da – das Publikum scheint auf eine Wiederholung gewartet zu haben. Denn die Gentlemen – geschniegelt und gebügelt – sind die Reinkarnation der Comedian Harmonists und haben sich deren Liedgut sowie Schlagern der Zwanziger, Dreißiger Jahre verschrieben – die sie präzise in Diktion, Habitus und Stimm-Timbre wie die legendären Vorgänger darbieten.

Jahrelang haben die Tenöre Michael Schaffrath, Matthias Mehnert – der für die meisten Arrangements der Five Gentlemen zeichnet – Bariton Tobias Leißner, Bass Andreas Konrath und Pianist Christoph Wiatre am Sound und an der Optik gefeilt, um den Originalen so nahe wie nur möglich zu kommen. Das scheint gelungen.

„Der Blumentopf“ eröffnete den heiteren Liederreigen. Im fröhlichen Tremolo trällern sich die Männer mit der eleganten weißen Fliege durch die hohen und tiefen Passagen. Eine hochgezogene Augenbraue hier, ein paar verdrehte Augen da – die Optik stimmt, jeder Ton sitzt perfekt. Die vierstimmigen Passagen sind passgenau ineinander geschachtelt. Dass die Männer nicht nur Melodie und Background, sondern auch die Bigband singen, versteht sich von selbst. Im schönsten ba-ba-ba-ba-bab mäandert Andreas Konraths Stimme als Kontrabass – auch Trompeten, Posaunen und die Tuba sind für die virtuosen Zungen der Herren keine Hürde. Auch bei „Wochenend und Sonnenschein“. Der Saal ist hingerissen.

Five Gentlemen zählen zu den führenden Vokalensembles des Genres

„Wir haben uns der Liebe als Motto verschrieben“, erklärt einer der Herren. „Liebe in den verschiedensten Varianten und Ausprägungen.“ Das umfasst im weitesten Sinne sogar die liebe Verwandtschaft. Wenngleich es sich im Fall von „Tante Klara“ denn doch eher um freundliche Zuneigung, als um Lippenbekenntnisse handelt, die später besungen werden. Wobei Schaffraths Art, der Tante Klara eine achtzigjährige Diven-Stimme zu verleihen, durchaus ein Küsschen verdient hätte.

„Wir sind von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, säuseln die Gentlemen in einem Arrangement, wie man es noch nie gehört hat. Der erste Tenor lässt seine Stimme in Höhensphären aufsteigen, die die Dietrich vor Neid erblassen lassen würden. Der Bariton lässt entzückt-erschöpft das Haupt auf des Basses Schulter sinken und blinkert ihn schmachtend an. Der rollt mit den Augen und lässt es geschehen. Seligkeit im Saal.

Die Comedian Harmonists wurden, so erfährt man, allseits wegen ihrer technischen Perfektion und brillanter Gesangsmanier geschätzt. Sie haben damals einen Sound erfunden, der quasi einem völlig neuen Musikstil zum Durchbruch verhalf. „Die Menschen waren begeistert“, erklärt ein Gentleman. Das Publikum in Vielitz ist es auch. Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass die Nachfolger den Harmonists in nichts nachstehen. Mit absoluter Passgenauigkeit verschmelzen die vier Sänger zu einem wunderbaren Ganzen, in dem immer wieder pointiert eine Einzelstimme aufblitzt.

Das Vokalensemble verfügt über ein Riesen-Repertoire aus dem Schaffen der Comedian Harmonists

Sie fallen einander ins Wort, rauben einander die Melodiestimme – alles ist natürlich genauestens arrangiert. Die Art der Intonation lässt ein Fünkchen Ironie durchschimmern, so a la: wir singen euch jetzt diese Rundum-Sorglos-Texte, aber so ganz ernst nehmen wir sie nicht. Wir wollen nur Spaß. Dem Publikum macht das genauso viel Spaß – etwa bei „Schöne Isabella von Kastilien“. „Die Frivolität und die ironischen Texte der Harmonists passten nicht ins Weltbild der Nazis“, erklärt einer der Herren. „Deswegen wurden sie 1935 verboten. Auch wenn die offizielle Version war, dass drei der Sänger jüdischer Abstammung waren.“

Der absolute Brüller ist „Wenn Sonja russisch tanzt“. Die Stimmen mutieren zu zirpenden Balalaikas, russische Donkosaken-Stimmen mit viel Seele branden auf. „Chai chai“ grollt der Bass – imaginäre Wodkawolken strömen durch die Scheune.

Aber auch schlichte Volkslieder wurden bei den Harmonists – und werden bei den Gentlemen – zu absoluten Ohrwürmern: Gänsehaut kommt auf bei „In einem kühlen Grunde. Auch die legendäre Auswanderer-Hymne der beginnenden Nazi-Zeit „Irgendwo auf der Welt“ – eigentlich ein Film-Song aus ‚Der blonde Traum‘ – verströmt wunderbare Melancholie und einen Hauch Geschichte. Den ersten Teil beschließt Dvoraks wunderbare „Eine kleine Frühlingsweise“.

Mit „Veronika, der Lenz ist da“ startete 1994 der musikalische Weg der Gentlemen

„Die Stimmgewalt ist überwältigend“, schwärmt Gabriela Hüning in der Pause. Die Lindowerin erlebt die Gentlemen zum ersten Mal und ist begeistert von den schönen Melodien und der perfekten Vortragsweise, die sie quasi in die Zeit der Harmonists zurückversetzt.

„Für nen richtigen Mann gibt’s keinen Ersatz“, schnappt der erste Tenor in Sopranlage, bevor er – um das Gegenteil zu beweisen – mit seinem Tenorkollegen das Geschlecht wechselt. Im Tratschbasenjargon trillern und flöten beide „Meine aller-aller-allerbeste Freundin“ – das ist filmreif. „Netter Versuch – aber was für ein Gepiepse“, moniert der Bass und wirft sich in die breite Brust. „Verzeihen Sie bitte die Aufdringlichkeit unserer Tenöre – es liegt in der Natur der Gattung, sich derart in den Vordergrund zu singen.“

Es folgt der virtuose Zungenbrecher „Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen“ – es ist zugleich das Motto des Konzerts. Das Publikum würde auch am liebsten singen – tut das aber allerhöchstens flüsterleise. Dann ein Smooth-Jazz-Song von der Bar-Lounge: mit beseelt drippelndem Bass, schmetternden Posaunen – die Tuba quakt, die Trompete trumpft auf. Johanna wird besungen – dann geht es direkt in den Hühnerstall. Köstlich, wie Männer gackern können.

Nur der Bass schießt quer – er will lieber Hahn im Korbe sein. Mit „Lebewohl und gute Reise“ läuten die Gentlemen säuselnd den Abschied ein – natürlich lässt man sie nicht ohne Zugabe gehen. „Veronika“ schmelzen die fünf und – klar, da war doch noch was? „Mein kleiner grüner Kaktus“ – der Ohrwurm schlechthin.

 

Von Regine Buddeke