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Lindow Gratwanderung zwischen Jazz, Lyrik und Mendelssohn
Lokales Ostprignitz-Ruppin Lindow Gratwanderung zwischen Jazz, Lyrik und Mendelssohn
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14:45 22.07.2019
Sängerin Katharina Burges und Saxofonist Sebastian Pietsch haben Lyrik von Grasnick und Lieder von Mendelssohn-Bartholdy zu einem feingesponnenen Programm verwoben: Das kam beim Konzert in der Musikscheune Vielitz beim Publikum gut an. Quelle: Regine Buddeke
Vielitz

Klassik oder Jazz? Oder vielleicht einfach Lieder? Chansons? Oder schlichtweg pure Lyrik – wunderbar emotional und feinsinnig exzentrisch? Das, was Katharina Burges und Sebastian Pietsch da musikalisch machen, ist irgendwie alles zusammen – und lässt sich kaum in Worte fassen, geschweige denn in eine Schublade pressen.

Sebastian Pietsch ist vielen Zuhörern in der Vielitzer Musikscheune gut bekannt. Sein Saxofon hat dort schon so manches Glanzlicht gesetzt – bei einem der dort regelmäßig umjubelten Konzerte des Jacaranda-Ensembles, einem Zusammenschluss aus Musikern der Brandenburger Symphoniker, die sich in dieser Formation speziell der Musik aus aller Herren Länder widmen. Pietsch schreibt selbst Arrangements und komponiert – so entstand auch der Schulterschluss zu Katharina Burges.

Programm voll düsterer Romantik

Er habe, so erklärt es der Sympathikus mit dem ansteckenden Lächeln den 80 Zuhörern am Sonntag in Vielitz, Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy neu interpretiert – die romantische Komponente hätte ihn gereizt. Mendelssohn Bartholdy war der wohl bedeutendste Musiker der Romantik – er, Pietsch, sei der „dunklen Grundtönung der Romantik“ verfallen, „unter derer scheinbar heilen Oberfläche permanente Unruhe brodelt“. Die Liste der Lieder, die Mendelssohn für eine Gesangsstimme und Klavier komponiert hat, ist ellenlang.

Den Part der Stimme übernimmt in diesem Konzert Pietschs Saxofon: Herzzerreißend dunkel, samtig und verwunschen singt es etwa das traurige Lied über den beklagenswerten „König in Thule“, später „O Täler weit, o Höhen“ nach einem Text des Romantik-Dichters Eichendorff. „Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute“ – wer kennt es nicht, das kleine Frühlingslied von Heinrich Heine – auch er romantischer Sohn seiner Zeit.

Mendelssohn-Bartholdy mochte Heines Ironie und Wesensart nicht sonderlich, schätzte aber dessen Lyrik und vertonte sie. Katharina Burges spinnt das Piano ums Saxofon – und oftmals singt sie auch – mit einer Stimme, die sich ebenso wenig definieren lässt, wie der gesamte Sound des Konzerts.

Stimme quer durch alle Genres

Sie säuselt und sehnt zart und leise, sie kann die gesamte Palette des Jazzgesangs, sie verfällt ins dramatische Operntremolo, sie gibt die Chansonniere und sie kann losröhren wie Tina Turner und Christina Aguilera in Personalunion – sie singt sich schier die Seele aus dem Leib. Kein Lied wie das andere – man fällt von einem Schauer in den nächsten. „Tolle Symbiose von von Jazz und Klassik – und ein wunderbarer Sound“, schwärmt Zuhörer Carsten Thies in der Pause.

In der Tat – wenn das Saxofon leise klagt, tröstet das Piano, wenn Burges‘ Stimme auf die Tränendrüsen drückt, legt sich das Lied des Saxofons wie Balsam auf die wehe Seele.

„Sie trug einen Falken auf ihrer Hand“ – Lyrik voll „Hingabe bis zur Halluzination“, erklärt Pietsch. Er erzählt von Mendelssohns Schwester Fanny, der wohl bekanntesten verhinderten Musikerin, der selbst vom eigenen Bruder verboten wurde, zu veröffentlichen – es galt als unschicklich. Ihr Lied „Die Nonne“ hat Mendelssohn dann unter seinem Namen veröffentlicht.

Moderne experimentelle Musik

Es gibt aber noch eine andere Seite des Programms: Katharina Burges‘ Vertonungen von Lyrik des Berliner Poeten Ulrich Grasnick, ein Nachbar von Pietsch. Und hier schließt sich ein Kreis der Künste. Pietsch holt weit aus: Sein Vater sei Maler gewesen und habe einst – verrückte Sache – eine Collage über Tragik und Gewöhnlichkeit von Tosca – der Oper und dem gleichnamigen Parfüm – geschaffen. Die habe Ulrich Grasnick zu einem Gedicht inspiriert. „Das habe ich Katharina gezeigt und sie hat es, ohne mein Wissen, vertont.“ Und später noch so einige mehr, wie das Konzert offenbart.

„Es ist moderne experimentelle Musik“, sagt Burges über die Tosca-Komposition und lächelt sphinxisch. „Aber ich kann Sie beruhigen – es hat auch ein Ende.“ Das Publikum lacht mit und genießt – das Lied hat durchaus schöne melodische Seiten: düster und majestätisch und gleichzeitig triumphal. Große Oper halt.

Ein Frühlings- und ein Herbstlied

Das letzte Lied, das Mendelssohn schrieb, war das „Altdeutsche Frühlingslied“. Eine frohe Lenz-und-Liebe-Vision, in der nur einer gram- und schmerzgebeugt zurückbleibt, als habe der Komponist seinen Tod geahnt und dass das Leben danach weitergeht. Pietsch und Burges zelebrieren es und danach ein vertontes Grasnick-Gedicht: „Ein Herbstlied, in dem der Zauber des Frühlings schimmert – auf dass der Kreis sich schließe“, offeriert Pietsch.

Um eine Zugabe kommen die beiden wunderbaren Musiker nicht herum, das Publikum klatscht auch danach noch begeistert weiter.

Von Regine Buddeke

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