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Lindow Leidenschaftliches Konzert begeistert Zuhörer
Lokales Ostprignitz-Ruppin Lindow Leidenschaftliches Konzert begeistert Zuhörer
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10:08 22.07.2018
Lindower Sommermusiken Susanne Ehrhardt, Thomia Ehrhardt, Martin Stephan
Lindower Sommermusiken Susanne Ehrhardt, Thomia Ehrhardt, Martin Stephan Quelle: Regine Buddeke
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Lindow

Con brio – mit Leidenschaft – so das Motto des Programms. Wer Susanne Ehrhardt kennt, und das dürften am Samstagabend in der Lindower Kirche einige sein, weiß, das das voll und ganz zutrifft. Immerhin spielt die Blockflötistin und Klarinettistin bereits seit vielen Jahren bei den Lindower Sommermusiken auf und hat stets für verzückte Gesichter und ungläubiges Staunen gesorgt, wenn ihre Finger schwindelerregend rasch über Blockflöte und Co. schwirren. Es verwundert nicht, dass sie seit fast 20 Jahren die Blockflötenklasse der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin leitet –neben ihren Konzertreisen in alle Welt.

Mit Leidenschaft – das ist nur die eine Seite der Medaille bei diesem Konzert. Was an diesem Abend besonders auffällt: Es ist ein Abend voller Kontraste.

An ihrer Seite hat sie an diesem Abend ihre Tochter Thomia – die im Gegensatz zu ihrer Mutter die tiefen Tonlagen bevorzugt: Die 20-Jährige studiert derzeit Fagott. Als Organist war eigentlich Matthias Eisenberg, ehemaliger Gewandhausorganist und berühmter Bach-Improvisateur, angekündigt – auch er ist regelmäßiger Gast in Lindow und zog die Zuhörer mal als Solist, mal zusammen mit Ehrhardt oder auch anderen Musikern in Bann.

Leider wurde er krank – schlug als Ersatz indes seinen Kollegen Martin Stephan vor. Beide waren zeitgleich ein Jahr lang auf Sylt Kantoren-Kollegen. Beide kannten sich indes bereits schon aus Studienzeiten und haben einander immer geschätzt und gemeinsam musiziert. Auch mit Susanne Ehrhardt pflegt er eine langjährige Zusammenarbeit.

Mit Leidenschaft –das ist nur die eine Seite der Medaille. Was an diesem Abend besonders auffällt: Es ist ein Abend voller Kontraste. Im eröffnenden Bartholdy-Konzertstück deutet es sich allenfalls zart an, wenn die Klarinette der Mutter und das Fagott der Tochter miteinander ins Duett gehen. Dann folgt Bach – den hätte wohl auch Eisenberg gespielt. Martin Stephan lässt die Orgel in Präludium und Fuge brausen – das ist Bach in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit.

Susanne Ehrhardt war bereits viele Jahre lang in Lindow zu erleben

Carl Maria von Webers Rondo – Allegro ist ein furioser Rausch: Susanne Ehrhardt steigert sich in neckisch beschwingten Trillern und Läufen in Höhenrausch. Es ist, als treibe sie die Orgel voran, die mal düster grollt, mal wie eine fröhliche Jahrmarkts-Spielorgel klingt. Dann der erste Kontrast: Eine betörend süße, schwermütige Vivaldi-Melodie – der samtig dunkle Klang des Fagotts beruhigt die von vorher erhitzten Gemüter.

Die Atempause währt nur kurz, dann tauchen Gegensätze von hoch-tief, schnell-langsam, Dur-Moll die Zuhörer in ein atemberaubendes Wechselbad der Emotionen und Klangfarben: Susanne Ehrhardt greift zur Blockflöte und spielt Variationen über einen Eyck’schen Choral. „Gigantisch“, entfährt es einem Zuhörer ob der Brillanz – man glaubt, einem ganzen Vogelschwarm zu lauschen, vor allem wenn die Virtuosin zur winzigkleinen Sopranino greift. Es zwitschert wie ein ganzer Wald – dann grollt die Bassnachtigall: Thomia Ehrhardt spielt das Kontrafagott – abgründig tief, knarzig und manchmal pupsen sie sogar.

Für den erkrankten Matthias Eisenberg sprang sein Kollege Martin Stephan ein

Dann haut Martin Stephan mit eigenen Improvisationen von „Der Mond ist aufgegangen“ in die Tasten – auch er ist wie Eisenberg ein versierter Improvisateur. Die Sopranino löst mit Vivaldis „Stieglitz“ ab – Ehrhardts Finger scheinen mit ihr verschmolzen. Ein Stieglitz, der so zwitschern kann, muss erst noch geboren werden. Bei einer Telemann-Sonate kommen alle drei wieder zum schönen Stelldichein zusammen. Harmonie pur: Mal gibt die Flöte die Melodie vor, mal das Fagott.

„Wie kann man den ’Mond’ noch schöner machen? Und das noch ganz ohne Noten? Traumhaft! Matthias Eisenberg hätte es nicht besser machen können“, schwärmt Norbert Soika, Stammgast bei den Sommermusiken. „Und auch die beiden Frauen! So wunderbar habe ich es noch nie erlebt.“

Von Regine Buddeke