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Lindow Minuten aus Jahrhunderten: Octavians geben Konzert
Lokales Ostprignitz-Ruppin Lindow Minuten aus Jahrhunderten: Octavians geben Konzert
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14:35 15.07.2018
Die Octavians sind nach drei Jahren wieder bei den Lindower  Sommermusiken zu Gast: Die Kirche war rappelvoll.
Die Octavians sind nach drei Jahren wieder bei den Lindower Sommermusiken zu Gast: Die Kirche war rappelvoll. Quelle: Regine Buddeke
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Was muss Musik haben, um zeitlos zu sein? Dieser Frage stellen sich die Octavians in ihrem aktuellen Programm „Minuten aus Jahrhunderten“. Proppenvoll ist am Sonnabend die Lindower Kirche, wo das preisgekrönte Gesangsensemble – bestehend aus ehemaligen Mitgliedern des Knabenchors der Jenaer Philharmonie – bereits vor drei Jahren sang.

Stimmgewaltig und mit viel Liebe zur Musik: Die Octavians versuchen mit einem spannenden Programm, den göttlichen Funken in der Musik zu finden, der diese zeitlos macht.

Mit Liedern aus der Renaissance beginnt die Zeitreise: langsam, majestätisch und ein wenig mystisch. Dank der Countertenöre ist das Klangbild gewaltig und deckt das komplette Spektrum von ganz hoch nach ganz tief bestens ab – innig verschmolzene Stimmen in feinsinnig und raffinierten Arrangements.

„Haben Sie auch das Gefühl, dass diese Musik, obschon sie so alt ist, uns auch heute noch etwas vermitteln kann – viel mehr als Worte sagen können“, fragt einer der Sänger nach dem wunderbaren Stück „Tu solus“ von Josquin Desprez. Oh ja, die 200 Zuhörer können – ganz still ist es in der Kirche. Viele sitzen mit geschlossenen Augen und genießen. „Die Nacht“ – süße Melodie von Franz Schubert. Auch „Greensleaves“ – heute ein Ohrwurm – ist ein uraltes Stück eines unbekannten Komponisten.

Dann geht es mit „Il est bel et bon“ auf einen französischen Marktplatz, wo die Marktfrauen ihre Männer durchhecheln – mehr oder weniger liebevoll, mehr oder weniger stimmgewaltig. Hier dürfen die Countertenöre zur Hochform auflaufen – sie werfen sich in die Brust, während die anderen im Background einen tok-tok-Hühnerstall imitieren. Das ist witzig. Überhaupt bieten die Stimmen viel Potenzial für gekonnte Untermalung durch Beatboxing und Instrumenten-Imitationen.

Die Octavians gibt es bereits seit zwölf Jahren

Der Brückenschlag in die Moderne gelingt mit Ivan Moody – ein zeitgenössischer britischer Komponist. Sein „Supplication for Peace“ verschmilzt kontrastreich zwei Gebete: ein „grummelnd ukrainisches sowie ein sphärisches griechisch-orthodoxes“. Die Sänger stellen sich in zwei Gruppen wie zum Duett an zwei Ecken der Bühne auf.

Überhaupt sind die Positionen der Akteure sehr flexibel – immer wieder mischen und gruppieren sie sich neu – mal wie eine Vogelformation, mal in Linie, mal in zwei gegenüberstehenden Fronten, mal im versetzten Block. Die Sänger loten so die Tiefe des Raums in unterschiedlicher Weise aus und schaffen so spannende akustische Raum-Effekte.

Lowell Masons „Näher mein Gott zu dir“ ist ein bittersüßer Schwanengesang. „Über die Freiheit, die der Tod gibt“, erklärt ein Sänger. „Down to the River to pray“ kommt als Gospel – die Stimmfarben der Sänger sind reich. Das und das folgende wunderbare „Lullaby“ von Pianoman Billy Joel ist von Philipp Lawson arrangiert. Die Octavians greifen viel auf Sätze von anderen Komponisten zurück, manche schreiben sie selbst, für viele beauftragen sie auch welche.

Sie haben sich sämtlich im Knabenchor der Jenaer Philharmonie kennengelernt

Etwa Ieva Klingenberga, eine musikalische Freundin, die Filmmusik schreibt: Hauptsächlich für – man höre und schaudere: Horrorfilme. „Insomnia“ ist ein Zuckerstückchen für die Octavians: Sie schnippen und pfeifen, stampfen und summen, quietschen und zählen Schäfchen. Das ist witzig und irritierend zugleich.

Stings „Field of Gold“ bezaubert, ebenso „Blackbird“ von Paul McCartney. Ein ungewöhnliches „Scarborough fair“ und das wunderbare „Schöne Nacht“ läuten ins Finale.

Was zeichnet zeitlose Musik aus? „Wird man in 300 Jahren noch die Beatles kennen? Wird man Helene Fischer hören oder gar die Octavians?“, fragt der Tenor. Beantworten kann man es nicht. Genauso wenig, wie man in einem Konzert erklären kann, was der göttliche Funke in der Musik ist. Die Octavians versuchen es, in jedem ihrer Stücke. Man hört ihnen gerne dabei zu.

Von Regine Buddeke