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00:19 25.07.2018
Rudi Mixdorf studiert Tiermedizin. Im Nebenerwerb ist er Landwirt in Schönberg bei Lindow.
Rudi Mixdorf studiert Tiermedizin. Im Nebenerwerb ist er Landwirt in Schönberg bei Lindow. Quelle: Cornelia Felsch
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Schönberg

Die Kartoffeln verwelkt, das Getreide nicht brauchbar – Rudi Mixdorf ist deprimiert. Im Licht der Scheinwerfer hat er im Frühjahr nachts seine Flächen in Schönberg bei Lindow bestellt. Tagsüber musste er sich seinem Veterinärmedizin-Studium widmen.

Der 40 Jahre alte Trecker hat immer mal wieder gestreikt und musste im Scheinwerferlicht repariert werden. Die Landwirtschaft betreibt Rudi Mixdorf im Nebenerwerb. Als er am 14. April seinen Sommerweizen gedrillt hat, war der Boden noch etwas feucht. Mixdorf ahnte nicht, dass seine Pflanzen mit dem bisschen Rest-Wasser bis zum Juli klar kommen müssen.

Sonnenblume mit Bienen Quelle: Cornelia Felsch

„Den Sommerroggen hab ich Anfang Mai schon im Staub gedrillt“, sagt er. „Er hat innerhalb einer Woche gekeimt, doch dann sind viele Pflanzen vertrocknet. Auch im Sonnenblumenfeld sind viele Bestandslücken. „Die Wildhecke, die wir angelegt haben, ist auch hin.“ Ein trauriges Bild – selbst das Unkraut ist verkümmert.

Noch vor einem Jahr blühten auf der Wiese um diese Zeit Borretsch, Nachtkerzen, Rainfarn Schafgarbe und Phacelia, die Sonnenblumen waren eine Pracht. Die Bienen tummelten sich in den Zucchini-Blüten und auf den Wiesenblumen.

Schon jetzt finden die Bienen keine Nahrung mehr

„In diesem Jahr sieht es schlecht aus, Schon jetzt finden die Bienen nichts mehr“, sagt Rudis Mutter, Bettina Mixdorf. Brandenburgs Imker klagen seit vielen Jahren darüber, dass es den Bienen zum Sommerende an Nahrung mangelt.

1994 zog die Familie Mixdorf von Berlin nach Schönberg. Dort betreiben die Mixdorfs einen Hof mit einer Ferienwohnung und einem Ferienhaus. Seit Januar vergangenen Jahres ist Sohn Rudi Landwirt im Nebenerwerb. Er ist Mitglied bei Bioland, will Ökolandbau betreiben und befindet sich seit März vergangenen Jahres in der Umstellungsphase. Ab März 2019 darf Rudi Mixdorf seine Produkte als Bioprodukte verkaufen.

Rudi Mixdorf im Leindotterfeld mit Vivian Böllersen, die der Walnuss zum Comeback verhelfen will. Quelle: Cornelia Felsch

Der 25-Jährige wird im Februar kommenden Jahres sein Studium abschließen. Er möchte später gern mit Tieren arbeiten, und auch zu seinem Landwirtschaftsbetrieb sollen sie dazu gehören. Doch dafür fehlt ihm momentan die Zeit.

Genau weiß er nur, dass es alte, vom Aussterben bedrohte Rassen sein sollen, um die wertvollen Eigenschaften zu nutzen und ihre Genreserven zu erhalten. Der Nebenerwerbslandwirt ist bereits Mitglied in der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen. Bisher gibt es auf dem Hof der Mixdorfs allerdings nur Bienen und Hühner.

Auch bei den Pflanzen will Rudi Mixdorf auf alte Sorten setzen. Er baut seit einem Jahr Öllein und Leindotter an, um daraus Öl zu gewinnen. Im April 2017 hat der junge Landwirt erstmals Leindotter und Öllein mit insektenfreundlicher Blühmischung ausgebracht.

Handgepresstes Leindotteröl gehört zu den Spezialitäten, die auf dem Hof Föhrenlicht verkauft werden. Quelle: Cornelia Felsch

„Wir haben hier so ziemlich den schlechtesten Boden in Deutschland und müssen deshalb Sachen anbauen, die auch auf Sandböden wachsen“, sagt er. Leindotter ist eine sehr alte Nutzpflanze, die bereits in der Jungsteinzeit genutzt wurde. Schon die Kelten haben aus dieser Kulturpflanze Speiseöl hergestellt.

Inzwischen ist Leindotter nahezu in Vergessenheit geraten. Deshalb wird er oft mit dem bekannteren Lein (auch Flachs genannt) verwechselt, doch dabei handelt es sich um zwei verschiedene Pflanzen.

Der zarte, gelb blühende Leindotter ist tolerant gegenüber Trockenheit und Frosteinbrüchen und in der Bodenwahl sehr anspruchslos. Sowohl auf Sand- als auch auf stark kalkhaltigen Böden ist der Anbau möglich. Allerdings muss beim Leindotter auf Anbaupausen geachtet werden. Anbaupausen von drei Jahren werden empfohlen. „Besser sind fünf Jahre“, sagt Rudi Mixdorf. „Wenn man wenig Flächen hat, wird es schwierig.“

Roter Roggen bei Rudi Mixdorf Quelle: Cornelia Felsch

Das Öl enthält einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren. Seit Oktober besitzt der Landwirt eine eigene Ölpresse. In den Regalen stehen die Flaschen mit dem edlen kaltgepressten Öl – naturbelassen, vom Hof Föhrenlicht.

Von seiner 0,8 Hektar großen Fläche hat er rund eine Tonne Samen geerntet. Sie enthalten 30 bis 40 Prozent Öl, das mit der Schneckenpresse aus den reifen Samen gewonnen wird und eine gelbliche Farbe hat. Es ähnelt in Farbe und Geschmack dem Rapsöl. Auch der Presskuchen des Leindotters kann nach der Auspressung des Öles genutzt werden. Presskuchen enthält neben den Ölresten viele Rohfasern, Vitamine, Mineralstoffe und Proteine.

Beim 2. Kulinarischen Solanum-Festival, das im Mai in Rheinsberg statt fand, war auch Rudi Mixdorf mit seinem Öl und der Presse dabei. „Ich habe dort Schaupressen gemacht, es war ein großer Erfolg“, erzählt er. „Schon am Mittag waren alle Öl-Vorräte verkauft.“ Mittlerweile gibt es Nachschub – zu erwerben auf dem Hof Föhrenlicht in 100-, 250- und 500-Milliliter-Flaschen.

Mixdorf hat die Anbaufläche für Leindotter verdoppelt

In diesem Jahr hat er seine Anbaufläche für Leindotter verdoppelt. Noch stehen die Pflanzen auf dem Feld. Seine Ölpresse kann Rudi Mixdorf in dieser Zeit auch anderweitig nutzen.

Eine junge Frau aus Herzberg bei Neuruppin hat sich an ihn gewandt. Die 30-jährige Vivian Böllersen hat in Velten einen 4,5 Hektar großen Walnusshain angelegt und forscht nach Walnussstandorten in Brandenburg. Sie will der Walnuss zum Comeback verhelfen.

Zum Abschluss ihres Öko-Agrarmanagement-Studiums hat sie ihre Masterarbeit zu diesem Thema verfasst. Bereits ein Jahr nach ihrem Studienabschluss hat sie ihren Landwirtschaftsbetrieb für Gemüseanbau und Walnüsse gegründet.

Zwei Visionäre wollen zusammenarbeiten

Um Walnussöl herzustellen, benötigt sie allerdings eine Ölpresse und diese hat sie nun bei Rudi Mixdorf gefunden. Die beiden jungen Leute wollen auch künftig enger zusammenarbeiten. Vivian Böllersen benötigt für ihren Gemüseanbau Flächen und auch die bekommt sie von Familie Mixdorf.

Doch erst einmal ist sie auf der Suche nach einer Knackmaschine für ihre Nüsse, denn diese per Hand zu knacken, kostet viel Zeit. „Die Nüsse haben jetzt Priorität“, sagt Vivian Böllersen.

Die fruchtbare Zusammenarbeit der beiden soll noch ausgeweitet werden. Sie würden gern mit anderen Kleinbauern zusammen eine Arbeitsgemeinschaft gründen und vielleicht auch gemeinsam eine Mühle pachten oder kaufen, um bei der Verarbeitung ihrer Produkte unabhängig zu sein und sich weite Wege zu ersparen.

Der künftige Tierarzt geht beim Anbau auch Risiken ein

„Es gibt so viele Möglichkeiten, wenn man es gemeinsam anpackt“, sagt der künftige Tierarzt, der bei seinen Anbauversuchen auch Risiken eingeht. „Ausschlaggebend ist für uns, im Einklang mit der Natur zu leben.“

Der Hof der Familie Mixdorf befindet sich in Schönberg (Mark), Dorfstraße 69. Weitere Infos zum Anbau und Bestellmöglichkeiten unter Tel. 0151/53 74 76 24, per E-Mail unter info@hof-foehrenlicht.de oder auf der Internetseite www.hof-foehrenlicht.de.

Von Cornelia Felsch