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Ostprignitz-Ruppin „Man behandelt Kinder heute individueller“
Lokales Ostprignitz-Ruppin „Man behandelt Kinder heute individueller“
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17:50 02.02.2018
Nicole Hartwig (m.) leitet seit Oktober die Kita Wiesenzwerge in Wildberg. Quelle: Peter Geisler
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Wildberg

Sie prägen die Entwicklung eines Kindes oft wie kein zweiter. Sie sind Tagesmutter, Bezugsperson und Vorbild: die Erzieher. Nicole Hartwig (29) aus Kränzlin ist ausgebildete Erzieherin. Sie leitet seit Oktober 2017 die Kindertagesstätte Wiesenzwerge in Wildberg. Im Interview spricht sie über die Veränderungen im Erzieherberuf, über anspruchsvolle Eltern und darüber, wie eine Kita der Zukunft aussehen könnte.

In der Kindertagesstätte „Wiesenzwerge“ in Wildberg werden täglich 56 Kinder betreut. Quelle: Peter Geisler

Frau Hartwig, was muss eine Erzieherin heutzutage können?

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Sie muss kreativ sein. Jeder Tag ist anders und eine Erzieherin muss manchmal einfach aus dem Stegreif heraus etwas organisieren. Man muss auf jeden Fall spontan sein.

Außerdem sollte man Einfühlungsvermögen besitzen, damit man auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen kann.

Manchmal muss man auch Handwerker sein und etwas reparieren. Und man darf selber manchmal noch ein wenig Kind sein und mitspielen. (lacht)

Wo ist da der Unterschied zwischen Mutter und Erzieherin?

Es ist eine andere Bindung. Die Kinder haben in der Regel einen gewissen Respekt vor den Erziehern. Die Beziehung zur Mutter ist für jedes Kind einmalig und kann durch eine Erzieherin nicht ersetzt werden. Eine Erzieherin arbeitet nach dem was sie gelernt hat eine Mutter geht mit ihrem Kind viel spontaner um und handelt nach ihrem Gefühl. Außerdem hat wohl keine Mutter so viele Kinder Zuhause, wie hier in der Kita sind.

Warum ist das so? Geben sich Eltern zu wenig Mühe?

Nein, ich glaube man kommt Zuhause einfach kaum dazu. Hier in der Kita ist der Vormittag dafür da, dass die Kinder etwas machen. Hier kann man dann auch mal etwas Besonderes tun.

Andere Anforderungen an die Erzieher

Hat sich der Erzieherberuf im Vergleich zu früher verändert?

Ja, ganz enorm. Früher ging es viel mehr darum, dass alle Kinder das gleiche machen. Heute schaut man anders auf die Kinder. Man behandelt sie individueller und lässt sie auch mal ein paar Dinge selbst entscheiden.

Aber einige Dinge sind doch immer noch gleich.

Ja natürlich. Zum Beispiel, dass man zum Ausflug gemeinsam losgeht, oder beim Essen zusammen am Tisch sitzt. Und auch noch andere strukturelle Dinge, im Tagesablauf. Das ist auch gut so, denn ohne eine gewisse Ordnung läuft alles aus dem Ruder, gerade in großen Gruppen.

Stellen Eltern heute andere Anforderungen an eine Kita, als früher?

Ja, Eltern schauen heute genauer hin und fragen mehr nach, möchten Fotos sehen. Sowas war früher natürlich nicht möglich. Manche Eltern wünschen sich, dass ihr Kind in ganz bestimmten Bereichen individuell gefördert wird und dass es jeden Tag etwas besonderes tut oder erlebt.

Das Leben in der Kita

Das klingt so, als ob das Leben in der Kita kaum einen ruhigen Alltag kennt.

Spielen ist das Wichtigste überhaupt. Beim gemeinsamen Spielen lernen die Kinder am meisten. Und das reicht den Kleinen auch oft aus.

Inzwischen rückt man in vielen Kitas wieder von dem Konzept ab, jeden Tag ein besonderes Angebot parat zu haben, weil es für Kinder wichtiger ist, dass sie mit Gleichaltrigen zusammen spielen können, als dass sie aufwendige Projekte machen.

Stellen die Eltern vielleicht auch zu hohe Erwartungen an die Kinder? Etwa was das Zählen oder Schreiben im Vorschulalter angeht?

Ja das kommt vor. Oft wird auch das eine Kind mit dem anderen verglichen, so als ob jedes Kind das gleiche können müsste. Das ist nicht gut, denn jedes Kind ist anders. Natürlich haben wir auch gewisse Richtlinien, anhand derer wir bewerten können, wie weit ein Kind entwickelt ist. Aber auch wenn laut Richtlinie ein Kind nicht weit genug entwickelt ist, muss das noch nichts heißen. Das müssen wir dann in Gesprächen mit den Eltern klären.

Touchscreens und digitale Medien

Was würden Sie davon halten, wenn es Touchscreens oder Tabletcomputern in der Kita geben würde?

Das ist schwierig. Ich denke, die Kinder wachsen damit Zuhause schon genug auf. Da muss das in der Kita nicht auch noch sein. Wichtiger ist, dass sie kreativ spielen können. Ein Bildschirm schränkt die Kreativität ein. Deswegen gehen wir auch gerne und viel nach Draußen. Am liebsten sind mir Spielzeuge ohne Elektronik.

Aber die digitalen Medien sind unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Was bedeutet das für die Kita?

Auf jeden Fall Schulungen für uns Erzieher! (lacht) Nein, also in gewisser Weise kann die Kita da auch ihren Part spielen.

Wie genau könnte das aussehen?

Wenn die Kita in Zukunft eine immer größere Rolle im Leben der Kinder spielt, weil die Eltern die Kinder immer früher abgeben müssen, um arbeiten zu können, dann wird die Kita auch mehr zu einem Zuhause für die Kinder. Dann könnte man auch in Bezug auf die digitalen Medien Präventionsarbeit leisten. Die Kita könnte bereits anfangen, den Kindern das Internet beizubringen.

Gehen Ihre eigenen Kinder eigentlich in die Kita, in der Sie arbeiten?

Nein, das wäre nicht gut, denke ich. Die sollen ihre Zeit auch ohne die Mutti erleben. Sie müssen auch lernen, sich zu beweisen. Und sie könnten mir sonst abends ja gar nicht erzählen, was sie den ganzen Tag über so alles gemacht haben. (lacht)

Von Jonas Nayda