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Neuruppin Betreuer soll Jugendliche attackiert haben
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Betreuer soll Jugendliche attackiert haben
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01:19 01.12.2018
Ein 54-Jähriger wehrt sich gegen ein Urteil. Vor dem Landgericht Neuruppin wird nun der Fall neu aufgerollt. Quelle: dpa
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Neuruppin

Er sei kein einfacher Junge gewesen, sagte ein heute 20-Jähriger vor Gericht. „Wir waren alle keine unbeschriebenen Blätter“, bestätigte ein 22-Jähriger. Deshalb befanden sie und andere Gleichaltrige sich in einer inzwischen geschlossenen Jugendeinrichtung in Frehne (Prignitz).

Vom Amtsgericht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt

Dort wurden sie unter anderem von einem heute 54-jährigen Mann betreut. Dieser soll zu drastischen Maßnahmen gegriffen haben, um die Jugendlichen zur Räson zu bringen. So jedenfalls hatte es das Perleberger Amtsgericht im vergangenen Jahr gesehen und den Mann wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen und vorsätzlicher Körperverletzung – begangen in den Jahren 2012 und 2013 – zu einer Strafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt.

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Angeklagter ging in Berufung

Das akzeptierte der 54-Jährige nicht und ging in Berufung. Nun muss sich das Landgericht Neuruppin erneut mit dem Fall beschäftigen.

Der Angeklagte bestritt am Mittwoch, gegenüber den Jugendlichen, die ihm anvertraut waren, handgreiflich geworden zu sein. Ausführlich schilderte er die Arbeit mit den jungen Leuten, die teilweise extrem gewaltbereit, teilweise nicht geeignet gewesen wären für ihre Einrichtung. „Gewaltbereitschaft und Kriminalität – damit hatten wir zu tun“, sagte er.

Fehler eingestanden

Er gestand ein, Fehler gemacht zu haben, aber nicht in der Form, wie sie ihm vorgeworfen worden wären. Demnach soll er einen Jungen mehrfach geschlagen und ihm, als er am Boden lag, in den Bauch getreten haben.

Grund: Der Junge und ein Mitbewohner sollen sich in der Küche geprügelt und dabei ein Stück Putz beschädigt haben. Das Bild, wie sich der Junge vor Schmerzen krümmte und weinte, hatte ein ehemaliger Heimbewohner noch vor Augen. Ihm selbst sei etwas derartiges nie passiert, sagte der heute 22-Jährige. Aber der Betreuer „habe mit Drohungen und Schlägen gearbeitet“, hieß es in einer früheren Vernehmung.

Einrichtung inzwischen geschlossen

Der Vorfall, der letztlich zur Schließung der Einrichtung führte, ereignete sich am 8. Juni 2013. Der 54-Jährige hatte entdeckt, dass aus seinem Büro Zigaretten gestohlen worden waren. Er stellte die in Betracht kommenden Übeltäter zur Rede. Der 14-Jährige bekannte sich dazu. Wie er vor Gericht sagte, um die anderen vor Strafe zu bewahren.

Er sagte, dass der Erzieher nach einer Weile auf die Weide gekommen sei, wo er mit anderen Sauerampfer ausstach. Dort habe der Angeklagte eine ein Meter hohe Brennnessel ausgerissen und ihm damit auf den nackten Rücken geschlagen. „Er hat mich ausgepeitscht“, sagte der heute 20-Jährige. Er sei dann ins Dorf gerannt und habe bei einer ihm bekannten Familie geklingelt.

Mit Brennnesseln malträtiert

„Er war total aufgelöst. Er sah wirklich schlimm aus“, sagte die 47-Jährige, bei der der Junge Zuflucht gesucht hatte. Der Junge habe noch in der Tür gestanden, als der Betreuer vorgefahren sei und ihn mitnehmen wollte. Dieser habe behauptet, der Junge sei in die Brennnesseln gefallen. „Das war gehauen, definitiv. Man sah die Streifen“, sagte die Zeugin. Sie behielt den Jungen in ihrer Obhut und informierte Polizei. Sie und ihr Mann hatten die Verletzungen fotografiert, „damit man uns glaubt“.

Vor Gericht blieb der Angeklagte bei der Version, dass sie beide im Verlauf eines Gerangels, in dem er sich durch den Spaten des Jungen bedroht gefühlt habe, in dem Unkraut gelandet seien.

Die Verhandlung wird am 12. Dezember fortgesetzt.

Von Dagmar Simons