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Neuruppin 6. Fontane-Lyrik-Projekt fasziniert über 500 Gäste
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin 6. Fontane-Lyrik-Projekt fasziniert über 500 Gäste
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00:20 05.06.2019
Gösta Knothe, Heikko Deutschmann, Valerie Niehaus und Dominic Raacke (v.l.) sind Akteure des 6. Fontane-Lyrik-Projekt bei den Fontanefestspielen in Neuruppin. Quelle: Regine Buddeke
Neuruppin

Fontane hat einen Gedichtschatz hinterlassen, der schier unerschöpflich scheint. So wird auch das mittlerweile 6. Fontane-Lyrik-Projekt wieder zur Spielwiese für Fontane-Entdecker und Fans des märkischen Wanderers.

Tolle Texte, schöne Stimmen: Das ist das Erfolgsrezept des Fontane-Lyrik-Projekts, das gerade seine 6. Auflage erlebte. Die Akteure waren Gösta Knothe, Heikko Deutschmann, Dominic Raacke, Valerie Niehaus und Peter Pichler am Trautonium.

Und nicht nur immer wieder neue Gedichte sind hierbei zu erleben, sondern auch immer wieder neue Schauspieler verleihen bei der lyrischen Lesung dem Dichter eine Stimme. Mehr als 500 Gäste drängten sich am Samstag in der Neuruppiner Kulturkirche, um Valerie Niehaus, Heikko Deutschmann und Dominic Raacke auf Fontanes lyrischen Spuren zu begleiten.

66 Gedichte – gegliedert in vier thematische Blöcke – stehen im Programm, das in bewährter Tradition der Schauspieler und Regisseur Gösta Knothe zusammengestellt hat. Er leitet denn auch die Lesung, schafft Übergänge und bereichert mit einigen Informationen rund um Fontanes Leben und Werk.

Selten: das Trautonium als musikalische Begleitung

Für die musikalische Begleitung sorgt in diesem Jahr Peter Pichler mit seinem Trautonium. Ein Instrument, das keiner kennt: der Vorläufer des Synthesizers, gebaut im Jahr 1930.

„Ein Instrument, dass damals für Schock sorgte – so wie auch etliches, was Fontane schrieb“, spannt Peter Pichler den Bogen. Er schwärmt für sein Instrument, das weder Tasten noch eine wohltemperierte Stimmung hat – anders als etwa Klaviere oder Orgeln. Passend zu den Texten untermalt er zart bis dramatisch, sphärisch und klar, harmonisch bis expressiv – natürlich hat er sich in alle Gedichte vorher ausgiebig vertieft.

Lyrische Hausapotheke

Dass Fontane einst Apotheker war, weiß mittlerweile fast jeder. Dass seine Gedichte indes gut als – gar nicht bittere – Medizin taugen, wird im ersten Block des Abends deutlich. „Lyrische Hausapotheke“ ist er überschrieben. Die, die fürchten, nie ihr Glück zu finden, wird „Nichts Glückes bar sind deine Lenze“ ans Herz gelegt.

Der sich von Feinden verspottet wähnt, dem hilft womöglich der Vers „Tritt ein für deines Herzens Meinung“. Und für alle, die am Leben und der Welt verzweifeln wollen, taugt „Lass ab von diesem Zweifeln“.

Gösta Knothe nennt die „Krankheit“ – Niehaus, Raacke und Deutschmann antworten abwechselnd mit der passenden Medizin: tröstende und aufbauende Worte. Fontane hat auf alles eine Antwort. „Er musste in seinem Leben immer gegen Sturm und Klippen kämpfen“, plaudert Gösta Knothe, „aber er bewahrte sich sein Leben lang eine heitere, freundliche Weltsicht.“

Heilende Kraft der Lyrik

Er schrieb für die Jugend, die es in die Ferne zieht: „Mit 18 Jahr und roten Wangen“ – ein altersweises Resümee, dass man das Glück nicht immer in der Fremde findet. Für Choleriker hatte er ein entspanntes „Überlass es der Zeit“ in petto.

Spannend – ist es doch eines der Gedichte, die vor ein paar Wochen in Reinhard Repkes „Club der toten Dichter“ von Sängerin Katharina Franck gesungen wurden. Und es bleibt auch nicht das einzige des Abends. Es ist schön, Fontane von so unterschiedlichen Stimmen beleuchtet zu erleben.

Das Publikum lauscht sehr interessiert. Quelle: Regine Buddeke

Vivaldi klingt aus dem Trautonium – das zweite Set ist mit „Jahreszeiten“ überschrieben und lässt Fontane als poetischen und sehr genauen Naturbeobachter lebendig werden. Er hat viele Liebe in die Zeilen gelegt, die Stimmung knistert bei Versen wie „Im Mai“, „Der erste Schnee“, „Alles still!“, „Winterabend“ und „Was werden die Tage bringen“.

Ein Zauber liegt darüber – und sehr viel kluge Metaphern erschließen sich aus Fontanes Zeilen, der die Natur benutzt, um menschliches Sehnen, Hoffen und Zweifeln zu beschreiben.

Lebenslust und Lebenskunst

“Lebenslust und Lebenskunst“ – so heißt der dritte Block. Lange bevor Fontane als gefürchteter Theaterkritiker in Erscheinung trat, hat er schon eine allererste Kritik zu Schillers „Jungfrau von Orleans“ eines Wandertheaters verfasst – gereimt. Sie ist so bissig-böse wie viele seine späteren, als er für die Vossische Zeitung Theaterrezensionen schrieb.

„Er war damals gerade nach Burg gezogen und suchte, der gähnenden Kleinstadtlangeweile durch den Theaterbesuch zu entfliehen“, beschreibt es Gösta Knothe genüsslich. Das Publikum lacht amüsiert bei Fontanes vernichtenden Worten wie „Totschlag der Poesie“. Die Musik vergleicht er mit 600 Katern, die um die Wette jaulen.

Viel Applaus am Ende. Quelle: Regine Buddeke

Ein kleines Juwel ist auch „Berliner Landpartie“. Heikko Deutschmann steigert sich fast in Rausch, als er das Gedicht zelebriert – süffisant, voll triefender Ironie, scharfe Zunge nach scharfem Blick.

Eine Szene, die die Gesellschaft hübsch karikiert: Ein Zuckerstück für jeden Schauspieler. Deutschmann lässt es sich genüsslich im Munde zergehen. Das Publikum saugt es nicht weniger genussvoll auf.

Viele neue Fontane-Facetten

„Das sind ganz andere Facetten als sonst“, schwelgt Elisabeth Mewes, die mit ihrem Mann bisher noch kein Fontane-Lyrik-Projekt verpasst hat. „Die ersten leisen Töne haben mich richtig doll berührt“, gesteht sie.

Aber auch die heiter-bissigen Verse mag sie gern. „Wir freuen uns jedes Jahr aufs Neue darauf“, sagt sie und lobt die wunderbaren Schauspieler. „Das erschließt uns den Fontane immer wieder neu“, schwärmt sie – auch wenn sie ihn in Schulzeiten eher „bäääh“ fand.

Ribbeck“- Gedicht als Zugabe

Noch ein paar gesammelte Altersweisheiten zum Schluss. „Die Alten und die Jungen“ etwa: „Dieses am Ruder bleiben wollen“, schreibt Fontane da und schon fühlt man sich ins Hier und Jetzt versetzt mit Parteiquerelen und Politiker-Skandalen. Fontane hat fein beobachtet, mit einem Hauch Melancholie, aber niemals Bitterkeit.

Mit solcherart Worten für Geist und Seele entlassen die Akteure ihr Publikum. Das klatscht wie wild. „Weil Sie ein so freundliches Publikum sind, haben wir eine Zugabe für Sie“, offeriert Gösta Knothe das berühmte „Ribbeck“-Gedicht. Friede, Freude, Birne.

Von Regine Buddeke

Neuruppin und das Land Brandenburg vergeben erstmals in diesem Jahr gemeinsam den Fontane-Literaturpreis als Stipendium. In der Neuruppiner Kulturkirche erhielt ihn am Freitagabend die Autorin Peggy Mädler.

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