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Neuruppin Bernd W. Seiler las in Neuruppin aus „Fontanes Sommerfrischen“
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Bernd W. Seiler las in Neuruppin aus „Fontanes Sommerfrischen“
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10:25 19.02.2019
Bernd W. Seiler las aus seinem Buch "Fontanes Sommerfrischen" in der Neuruppiner Fontanebuchhandlung
Bernd W. Seiler las aus seinem Buch "Fontanes Sommerfrischen" in der Neuruppiner Fontanebuchhandlung Quelle: Regine Buddeke
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Neuruppin

Mehr Luft! Und bessere. Fontane ging es da nicht anders als heutigen Großstädtern. Ab Anfang der 1870er Jahre zog es den großen Dichter in den Sommermonaten zunehmend fort aus Berlin. Besser gesagt, er flüchtete: Vor den stinkenden Fluten des Landwehrkanals, dessen pestilenzialischen Gerüche ihn in seiner Berliner Wohnung in der Potsdamer Straße mehr und mehr enervierten. Bernd W. Seiler lässt den Gestank in der Luft plastisch werden und erzählt, dass zu dieser Zeit noch die Abwässer der Stadt in den Landwehrkanal flossen – in ein stehendes Gewässer.

Bernd W. Seiler, Germanist und langjähriger Professor an der Uni Bielefeld, hat sich indes weniger mit den Gründen sondern stattdessen mit den Sommerfrischen des reise- und wanderlustigen Dichters beschäftigt. Und das eingehend. Am Montagabend stellte er sein Buch in der Neuruppiner Fontanebuchhandlung vor – in der Reihe „Immer 18. bei uns!“ „Die Fontanebriefe sollte man schon kennen“, erzählt er zur Recherche.

Fontane flüchtete jeden Sommer aus Berlin in die Sommerfrische

Aber der Dichter habe ja ohnehin recht aufschlussreich und detailgetreu von seinen Sommerreisen berichtet. Schon deshalb, weil Ehefrau Emilie zumeist anderswohin fuhr. Sie wusste, dass ihr Gatte in der Sommerfrische ohnehin viel am Schreibtisch saß und arbeitete und hatte darauf wenig Lust. „Er war heikel, was die Berliner Luft betraf – sie zuckte nur die Schultern“, sagt Seiler. Zumal sie oft auf ein Gut von Freunden fahren durfte, das ihr weit mehr Platz bot als die beengten Pensionen, in denen ihr Gatte sommers logierte.

Fontanes Sommerreisen dauerten bis zu vier Monaten. „Zusammengerechnet über die Jahre waren das insgesamt ganze vier Jahre Sommerfrische“, sagt Seiler. Deshalb berichtete Fontane seiner Frau und anderen ausführlich in Briefen, was ihm so widerfuhr an Nord- und Ostsee, im Harz und Riesengebirge, in Kurorten wie Karlsbad oder Bad Kissingen. Und nahm dabei kein Blatt vor den Mund – in der ihm eigenen Schreibart, die den literarischen Realismus nachdrücklich prägte. „Handfest und verständlich“, nennt Seiler es. Das kommt derzeit gut an.

Ziele waren Harz und Riesengebirge, Ost- und Nordsee und andere Kurorte

Gut an kommt auch Seilers Lesung, die man fast einen Vortrag nennen kann. Seiler hat nicht nur seine Fontanebriefe im Kopf sondern auch mit selbigen im Gepäck ausgiebig recherchiert. Er ist zu allen Orten hingefahren, an denen Fontane in der Sommerfrische weilte und hat geschaut, welche Pensionen, Hotels oder Lokale noch stehen und wie sie heute aussehen. Ein Jahr hat das gedauert.

Glücklicherweise lägen alle Orte mehr oder weniger in Deutschland, oder dicht dran, erklärt Seiler. Das lag auch daran, dass Fontanes Mittel knapp waren. Das macht er schon beim ersten Reiseort deutlich, der Nordsee-Insel Norderney. Fontane habe sich da nie recht wohlgefühlt, berichtet Seiler. Das Pflaster war ihm zu teuer. Sein Zimmer im „Hus Süderdün“ kostete 60 Mark pro Woche. „Das können Sie mit 15 multiplizieren, um eine ungefähre Preisvorstellung zu haben.“ Als er einmal im Strandcafé ein Stück Kuchen essen ging, kostete ihn das winzige Stück siebeneinhalb Silbergroschen, schrieb er. „Das wären heute so 10 bis 15 Euro.“

Fontane reiste zumeist allein

Witzig die Reisebeschreibungen. Fontane fuhr – aus pekuniären Gründen – Holzklasse. Der Zug sei damals eine Art Gefängnis gewesen: Auf Bahngestelle gesetzte Kutschenkästen, beschreibt es Seiler. Kein Entkommen aus dem Abteil möglich, außer an Bahnhöfen. Auf seiner ersten Fahrt ins Riesengebirge – das war 1888 – hatte Fontane einen Pastor und dessen todkranke Frau als Abteilnachbarn. Natürlich mussten alle Fenster geschlossen bleiben. „Eine riesige Pastorenunverschämtheit“, schrieb Fontane entrüstet. Man könne beim besten Willen nicht von ihm verlangen, dass er sich – trotz allen Mitleids – quasi mit ins Sterbebett legen solle, um die letzten Atemzüge mitzumachen. „Inmitten der süßlichen Miasmen des Lungenauswurfs der schwindsüchtigen Frau.“

Die gut 40 Zuhörer schütteln sich voll Ekel und lachen gleichsam über Fontanes bissigen Sarkasmus. Wenn Fontane krittelt, dann stets amüsant und witzig. Auch über sich selbst. Etwa wenn er im Brief an seine Frau schreibt, er fühle sich in Norderney wie der Hospitalist draußen auf einer grünen Bank, während alle anderen ganztags Hummer und Austern in der „Giftbude“ schlemmen würden.

Viel Urlaubspost

Viel Mühe hat sich Bernd W. Seiler mit der Bebilderung gegeben – viele alte Postkarten hat er aufgetan, etwa von den Nacktbadekarren und den Strandkörben, welche Fontane Korbhütten nennt, erzählt Seiler. Dazu alte Ansichtskarten der Unterkünfte Fontanes, so vorhanden. Seiler liest aus einem Brief. „Ich weiß einfach nicht, wie ich eine Tischunterhaltung beginnen soll“, klagte Fontane, der die Essenstafeln im Hotel, die table d'hôte, nicht mochte. Erst wenn er guten Anschluss fand, blühte er auf. Und schrieb voll Euphorie darüber.

Im Harz war Fontane neun Mal. Immer an anderen Orten. Das Bodetal faszinierte ihn – das Rauschen des Flusses übertönte jedwedes Zivilisationsgeräusch. Just dort entstand sein Roman „Cécile“. Man kann sich den Roman erwandern, so Seiler. „Aber oben auf der Rosstrappe ist Fontane nicht selbst gewesen – auch wenn er seine Roman-Gesellschaft dort hinaufsteigen ließ“, ist sich Seiler ziemlich sicher und begründet seine Theorie: „Den legendären Hufabdruck rund um die Sage vom Ritter Bodo und der schönen Brunhilde hätte er in Cécile mit Sicherheit erwähnt, wenn er ihn gesehen hätte.“

Von Regine Buddeke