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Neuruppin Gentzrode: aufgeben oder enteignen?
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Gentzrode: aufgeben oder enteignen?
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17:43 21.06.2019
Die reich verzierten Mauer haben bisher allen Widrigkeiten weitgehend widerstanden. Doch bald werden auch sie nachgeben.
Die reich verzierten Mauer haben bisher allen Widrigkeiten weitgehend widerstanden. Doch bald werden auch sie nachgeben. Quelle: Peter Geisler
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Neuruppin

Für eines der schönsten Baudenkmale weit und breit gibt es nun wohl keine Aussicht auf Rettung mehr. Auch die Denkmalbehörden geben das historische Gentzrode bei Neuruppin nun dem Verfall preis. Nachdem das Land es abgelehnt hat, sich einzumischen, sieht nun auch die unteren Denkmalbehörde bei der Kreisverwaltung in Neuruppin keine Möglichkeit, etwas zu unternehmen.

Seitdem die russische Armee das Gelände Mitte der 90er Jahre geräumt hat, verfällt Gentzrode immer mehr. Die Kaufmannsfamilie Gentz hatte die einmalige Gutsanlage mit maurischen Stilelementen im 19. Jahrhundert bauen lassen. Nach einer Wirtschaftskrise musste Unternehmer Alexander Gentz aber 1880 Konkurs anmelden und Gentzrode samt dem Tempelgarten in Neuruppin verkaufen.

Das Gut hatte danach diverse Eigentümer, bis sich 1945 die Rote Armee dort einrichtete. Nach deren Abzug versuchten sich verschiedene Investoren – ohne Erfolg.

Das „Schloss Gentzrode“ auf einer Postkarte aus dem Jahr 1914. Quelle: Peter Geisler

Die letzten Eigentümer des Gutes und der gut 500 Hektar Wald rundherum waren Unternehmen aus der Türkei. Sie hatten 2017 in der Stadtverordnetenversammlung von Neuruppin Ideen für ein riesiges Golfressort vorgestellt.

Sie hatten versucht, die abgelegene Anlage vor dem weiteren Verfall zu sichern, konnten gegen Vandalismus aber wenig ausrichten. Das Baudenkmal verfällt immer weiter.

SPD bringt mögliche Enteignung ins Spiel

Neuruppins SPD-Fraktionschef Nico Ruhle will nicht einfach zusehen. Er wollte von der Stadt jetzt wissen, ob sie keine Möglichkeit sieht, die Eigentümer zur Sanierung zu zwingen. Ruhle bringt sogar eine mögliche Enteignung ins Spiel.

Seit 2015 habe sich nichts verändert, räume Bürgermeister Jens-Peter Golde ein. Doch ganz hat er die Hoffnung offenbar noch nicht aufgegeben, dass sich in Gentzrode noch etwas tun könnte. „Da ist Bewegung drin“, sagte er, ohne ins Detail gehen zu wollen. Der Bauausschuss könnte ausführlicher darüber sprechen, schlägt er vor.

Im Mai hatte sich sogar der Landtag in Potsdam mit dem Baudenkmal befasst. Die AfD wollte erreichen, dass die Landesregierung etwas zur Rettung des Gutes unternimmt. Kulturministerin Martina Münch (SPD) hatte das vehement abgelehnt und auf die zuständige Denkmalbehörde beim Landkreis verwiesen.

Zum Gut gehörte auch ein großer Kornspeicher. Er ist inzwischen halb in sich zusammengefallen. Quelle: Peter Geisler

Theoretisch könnte der Kreis eine sogenannte Ersatzvornahme anordnen: Er könnte die Sicherung des Baudenkmals auf eigene Kosten vornehmen und dem Eigentümer die Kosten später in Rechnung stellen. In Einzelfällen hat der Kreis das schon getan, etwa bei der Obermühle in Rheinsberg.

In Gentzrode lehnt er das aber ab. „So schlimm es ist, wird man nicht jedes Denkmal auf Dauer erhalten können“, sagt Kreissprecherin Britta Avantario jetzt. „Insbesondere dann, wenn es weitab jeder anderen Bebauung steht und auch keine Nutzung hat.“

Denn selbst wenn es erhalten würde: Was aus Gentzrode einmal werden könnte, ist völlig unklar. Zurzeit gibt es für das Gelände gar kein Baurecht und nicht einmal Wasser-, Abwasser- oder Stromleitungen. 

Von Reyk Grunow