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Neuruppin Der Mann, der den Haftbefehl gegen Stasi-Chef Mielke ausstellte
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14:17 01.11.2019
Richter Gunter Scharf (63). Quelle: Andreas Vogel
Neuruppin

Wäre es nach Gunter Scharf gegangen, hätte er die wohl spektakulärste Aktion als Richter nicht erlebt: Er stellte im Dezember 1989 in Berlin den Haftbefehl gegen den Chef der DDR-Staatssicherheit Erich Mielke aus, und zwar wegen Missbrauchs der Dienstbefugnisse.

Dass es dazu kam, liegt daran, dass Scharf nach seiner Ausbildung als Fahrzeugschlosser bei der Deutschen Reichsbahn in Berlin erst die Offiziershochschule in Löbau absolvierte, die gut 80 Kilometer östlich von Dresden liegt, und Fallschirmjäger wurde und dann auch noch im Dienst der Nationalen Volksarmee (NVA) ab 1981 ein vierjähriges Jurastudium an der Berliner Humboldt-Uni dranhängte. „Ich war der einzige von den drei Jurastudenten der NVA, die mit sehr gut abgeschlossen haben“, sagt Scharf.

Straftaten von Stasi-Mitarbeitern geahndet

Die Folge war, dass er als Richter beim Militärgericht in Berlin landete, das für das Ahnden von Straftaten von Militärpersonen zuständig war. Dazu zählten nicht allein NVA-Angehörige, sondern, was viele nicht wussten, ebenfalls Angestellte des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi). Dort gab es ebenfalls Diebstähle, Körperverletzungen, sexuellen Missbrauch und Verkehrsunfälle. „Die Leute waren ein Querschnitt der Bevölkerung.“

Gleichwohl zog es Scharf nach dem Studium eigentlich nach Dresden, weil es dort auch ein Militärgericht gab. Denn Scharf ist im Erzgebirge, in Hohenstein-Ernstthal geboren, keine 20 Kilometer vom heutigen Chemnitz entfernt, das damals Karl-Marx-Stadt hieß. Im Erzgebirge wohnt Verwandtschaft. Doch vom Nationalen Verteidigungsrat der DDR wurde Scharf zum Richter am Berliner Militärgericht gewählt.

Aus dem Zimmer von Mielke geflogen

Mit sogenannten Republikflüchtigen habe er zum Glück nie etwas zu tun gehabt, dafür eher mal mit „Fahnenflüchtigen“, die die NVA verlassen hatten, um beispielsweise die Freundin in Prag zu besuchen.

In diese Zeit fiel auch Scharfs erste Begegnung mit Stasi-Chef Mielke. Dabei ging es um ein Verfahren gegen einen Oberstleutnant der Staatssicherheit, „ein richtig hohes Tier“, der wie ein Rabe geklaut habe, so Scharf. Verhandelt wurde der Fall in der Dienststelle des Ertappten, in der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße. Mielke wollte nicht allein direkt von den Vorbereitungen des Prozesses informiert werden, sondern versuchte, auch Einfluss zu nehmen, was bei dem Verfahren rauskommen müsse. Das verbat sich Scharf – der daraufhin umgehend aus dem Dienstzimmer von Mielke rausgeflogen ist. „Mielke hat keinen Widerspruch geduldet.“

Den Haftbefehl im Gefängnis überreicht

Scharf rechnete damit, sofort seine Uniform an den Nagel hängen und sich einen neuen Beruf suchen zu müssen. Doch zu seiner Überraschung passierte gar nichts. Für Scharf ist das der Beleg dafür, dass die Unabhängigkeit des Richters in der DDR festgeschrieben war und daran selbst Stasi-Minister Mielke nichts ändern konnten.

Gut ein Jahr später überreichte Scharf dem einstigen Stasi-Chef im Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen den Haftbefehl. „Er hat mich übel beschimpft, er war ein kleiner Choleriker“, sagt Scharf. Geändert hat das an dem Strafbefehl nichts.

Jurastudium als „minderbemittelte Ostausbildung“ abgetan

Doch für Scharf änderte sich wenige Monate später eine ganze Menge – weil erst alle DDR-Militärrichter entlassen wurden und dann ihn die Berliner Justiz nicht übernahm – wegen der „minderbemittelten Ostausbildung“, wie es hieß. „Das war schon deprimierend“, so Scharf. Er bewarb sich beim Land Brandenburg und begann im Juni 1992 beim damaligen Bezirksgericht Potsdam, ehe er am 1. Dezember 1993 zu den ersten Richtern des neuen Landgerichtes Neuruppin gehörte. „Die Strafkammer befand sich damals in einer Baracke in der Nähe des heutigen Ruppiner Einkaufszentrums.“

Seitdem hat sich viel getan. Der Armee ist Scharf, der Sportpilot ist, treu geblieben. Er ist Oberst der Reserve und war lange Landeschef der Reservisten in Brandenburg. 2002 gehörte er zu den Helfern beim Hochwassereinsatz an der Elbe bei Lenzen in der Prignitz und er war 2011 für drei Monate im afghanischen Kunduz, als bei einem Anschlag zwei Deutsche getötet und mehrere verletzt wurden.

MAD stört sich an den Kontakten zu Mielke

Als Richter war er sowohl bei den Verfahren gegen die Neuruppiner XY-Bande dabei als auch bei dem, bei dem es um die verschwundene Leiche der schwangeren Maike Thiel (17) aus Hennigsdorf ging.

Derzeit beschäftigt Scharf, der pro Jahr mehr als 200 verschiedenste Verfahren am Landgericht Neuruppin betreut, etwas ganz anderes: Seit nunmehr drei Jahren prüft der Militärische Abschirmdienst (MAD), inwieweit Scharf getraut werden kann. Der Grund: Scharf hatte zweimal direkten Kontakt zu Stasi-Chef Erich Mielke.

Stasi-Chef Erich Mielke bei seiner Rede am 13. November 1989 in der DDR-Volkskammer. „Ich liebe doch alle Menschen." Quelle: Archiv Paul Glaser

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Von Andreas Vogel

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