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Neuruppin Seit 20 Jahren begleitet der Hospiz-Verein schwer kranke Menschen
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Seit 20 Jahren begleitet der Hospiz-Verein schwer kranke Menschen
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00:23 16.05.2019
Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter feiern das 20-jährige Bestehen des Ruppiner Hospiz-Vereins. Mit dabei waren die Leitende Palliativärztin Maren Thierock (1. Reihe, ganz l.), Tages-Hospiz-Leiterin Juliane Schößler (1. Reihe 4. v. r.) und Renate Schwarz (2. Reihe 3. v. r.) Quelle: Anja Reinbothe
Neuruppin

Und wieder ist ein Gast gegangen, wie die Menschen genannt werden, die zum Sterben ins „Haus Wegwarte“ des Ruppiner Hospiz-Vereins kommen. Eine Mitarbeiterin steckt den Kopf zur Tür herein und bittet Renate Schwarz, die Abschiedsrede zu halten. „Gleich“, sagt die Leiterin des stationären Hospizes und erklärt: „Wir zünden für jeden eine Kerze an und lesen einen Text.“

Renate Schwarz leitet das Hospiz „Haus Wegwarte“, benannt nach der blauen Blume, in Neuruppin. 2006 hat sie dort als Festangestellte begonnen, 2002 hatte sie bereits ihren Abschluss als ehrenamtliche Hospiz-Begleiterin gemacht. Quelle: Anja Reinbothe

Seit 20 Jahren gibt es den Ruppiner Hospiz-Verein. „1999 wurde er gegründet mit dem Ziel, das Sterben von Menschen würdevoll zu gestalten“, sagt Renate Schwarz. Ärzte und Pflegekräfte der Ruppiner Kliniken sowie engagierte Bürger kamen zu dem Schluss, dass das Krankenhaus oft nicht der richtige Ort für die letzte Lebensphase ist.

Damals, vor 20 Jahren, waren Hospize noch nicht so weit verbreitet wie heute. „Erst mit der Wende kamen die sogenannten Feierabendheime dazu“, erzählt Renate Schwarz. „Das erste deutsche Hospiz wurde 1986 in Aachen eröffnet.“ Aktuell gibt es bundesweit rund 230 stationäre Hospize.

Anfangs provisorisch auf Klinik-Station

„Unser Hospiz befand sich ab 2001 zuerst provisorisch auf einer Station im Haus S der Ruppiner Kliniken. Es gab Platz für fünf Personen“, so Schwarz, die 2002 ihren Abschluss als ehrenamtliche Hospiz-Begleiterin machte und seit 2006 als Angestellte im „Haus Wegwarte“ arbeitet. 2004 wurde dieses schließlich mit insgesamt zwölf Zimmern auf dem Klinikgelände eröffnet.

Die meisten Sterbenden wurden und werden jedoch nicht im stationären Hospiz auf ihrem letzten Weg begleitet, sondern zuhause oder im Pflege- beziehungsweise Altersheim. Das betont der Vereinsvorsitzende Dieter Nürnberg bei seiner Eröffnungsrede am Freitagabend.

Das „Keimzeit Akustik Quintett“ trat bei der 20-Jahr-Feier des Ruppiner Hospiz-Vereins im Kornspeicher Neumühle auf. 100 Karten von den 200 standen zum freien Verkauf. Quelle: Anja Reinbothe

Der Ruppiner Hospiz-Verein feierte im Kornspeicher Neumühle bei Alt Ruppin mit einem Konzert des „Keimzeit Akustik Quintetts“ sein 20-jähriges Bestehen. 100 Karten gingen an Ehrenamtler und Mitarbeiter, die anderen standen zum freien Verkauf.

„55 ehrenamtliche Hospiz-Begleiter sind es im Moment, die uns unterstützen“, sagt Nürnberg. Andrea Wolf ist eine von ihnen. 2008 belegte die 56-Jährige aus Neuruppin den 160-Stunden-Kurs, der für das Ehrenamt notwendig ist und vom Verein gezahlt wird. Andrea Wolf leistet schwerkranken Menschen Gesellschaft, Frauen wie Männern. „Bei Bedarf betreue ich zuhause, entlaste somit die Familien und gehe auch ins Tageshospiz.“

Andrea Wolf aus Neuruppin arbeitet seit 2008 als ehrenamtliche Hospiz-Begleiterin. Bei Bedarf ist sie im Tages-Hospiz und betreut auch Sterbende zuhause. Quelle: Anja Reinbothe

Warum sie das macht? „Ich habe für mich eine sinnvolle Aufgabe gesucht neben meinem Hauptberuf“, erzählt die Neuruppinerin. „Sterbebegleitung war mir am nächsten.“ Dankbarkeit bekäme sie zurück. Mit dem Tod beschäftige sie sich selbst nicht mehr.

„Ich bin da und helfe, mache mir nicht zu viele Gedanken“, sagt Andrea Wolf bescheiden. Wenn ihr doch mal etwas zu nahe geht, entweder weil jemand jünger ist als sie oder im gleichen Alter, nimmt sie das Angebot der Supervision an. „Dort kann man alles erzählen.“

Wie eine Hebamme für Engel

„Wir müssen weiter, immer weiter, was soll’s“, ertönt gerade die Liedzeile. Das „Keimzeit Akustik Quintett“ präsentiert den Song „Singapur“ und Gabriele Kienast spielt sich mit ihrer Geige mitten in die Herzen der Zuhörer. Ja, immer weiter müssen wir, so sieht es auch Hospiz-Verein-Ehrenamtlerin Silke Schuh (Name v. d. Red. geändert): „Wir sind alle auf der Durchreise.“ Die 52-Jährige, die selbst mehrere Nahtoderfahrungen gemacht hat, engagiert sich seit zehn Jahren im Verein.

Zwei Mal pro Woche geht sie ins Tageshospiz und begleitet auch häuslich. „Ich bin wie eine Hebamme. Ich mache nur keine Babys, sondern Engel.“ Sie lebe total gerne, sei aber auf alles gefasst. „Die Aufgabe ist sehr berührend. Man muss von Anfang an klar darüber sein, dass man Menschen zum Sterben begleitet.“

Rentner Dieter Leisebein aus Alt Ruppin arbeitet seit zehn Jahren als ehrenamtlicher Hospiz-Begleiter für den Ruppiner Hospiz-Verein und begleitet sterbende Männer. Quelle: Anja Reinbothe

Keine leichte Sache sei dies, versichert auch Dieter Leisebein aus Alt Ruppin. „Das Bewusstsein muss da sein, dass die Person bald weg ist.“ 2008 hat der gebürtige Leipziger die Hospiz-Ausbildung gemacht, begleitet seitdem männliche Schwerkranke im Pflegeheim und zuhause.

„Ein Mann sagte mir mal, dass er nicht gedacht hätte, dass das Sterben so schwierig ist, weil täglich um ihn herum gestorben wurde.“ Leisebein wirkt nachdenklich. Er ist ein ruhiger, besonnener Mensch. Still dabeizusitzen, wenn es demjenigen nicht gutgehe, sei seine Aufgabe.

Demut dem Leben gegenüber

Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde weiß, wovon Dieter Leisebein spricht. Golde ist Schirmherr des Ruppiner Hospiz-Vereins. Am Anfang wäre er beim Thema Tod noch befangen gewesen, vor allem, wenn es sich um einen Bekannte handelte.

„Was sollte ich sagen: Hallo, wie geht es dir? Da sagte mir jemand, ich sollte wirklich fragen, wie es demjenigen gerade geht.“ Das half. Demut dem Leben gegenüber hätte Golde durch seine Schirmherrschaft gelernt.

Das empfinden wohl alle Ehrenamtlichen. Thomas Gonsiorczyk aus Radensleben ebenfalls. Seit 2005 fährt der 52-Jährige regelmäßig in den Senioren-Wohnpark nach Radensleben.

Thomas Gonsiorczyk aus Neuglobsow ist seit 2005 ehrenamtlich für den Hospiz-Verein tätig. Er betreut männliche Bewohner im Senioren-Wohnpark Radensleben. Quelle: Anja Reinbothe

Im Moment leistet er dort einem etwa 80-jährigen Mann Gesellschaft. „Er hatte einen Schlaganfall, liegt im Bett, wird künstlich ernährt. Nur Augenkontakt ist möglich. Letztens habe ich ihm die Hand massiert, da drückte er meine Hand.“ Sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen und authentisch zu bleiben, das sei wichtig, meint Gonsiorczyk.

Das Konzert des „Keimzeit Akustik Quintetts“ war ein kleines Dankeschön vom Ruppiner Hospiz-Verein an ihn und all seine ehrenamtlichen Kollegen. Wenn es nach Renate Schwarz ginge, müssten sie viel mehr bekommen. „In manchen Kommunen gibt es Ehrenamtskarten, damit können sie umsonst den Personennahverkehr benutzen.“ Das wäre eine schöne Geste für all die Menschen, die andere auf ihrem letzten Weg begleiten.

Von Anja Reinbothe

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