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Neuruppin Der groteske Glockenturm von Molchow
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Der groteske Glockenturm von Molchow
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08:40 20.07.2019
An den Rändern gestutzt: die alte, baufällige Brücke über den Rhin in Molchow. Quelle: Robert Rauh
Molchow

Rund 40 Meter trennen das River Café von Molchow. Aber der Weg über den Rhin ist nicht passierbar, weil die alte Brücke seit 2016 gesperrt ist. Ortsfremde, die von Molchow gern in das idyllisch am anderen Ufer gelegene Café wollen, werden auf Zetteln an Bäumen oder von den Molchowern über das Brücken-Desaster aufgeklärt. Das Hickhack um den Neubau hält seit zehn Jahren an.

Molchow-Brücke ein teures Trauerspiel

Fontane kam im Herbst 1873 ungehindert über den Rhin in „das alte Dorf Molchow“ – über „eine Schmalung des gleichnamigen Sees hinweg“. Ob es sich dabei um eine Brücke handelte, kann nur gemutmaßt werden. Historische Postkarten aus dem 20. Jahrhundert zeigen eine Holzbrücke. Sie wurde Mitte der 1980er Jahre durch eine Stahlkonstruktion ersetzt, die nun nicht mehr tragfähig war und abgerissen wurde.

Historische Brücke mit Ausflugsdampfer: Postkarte aus Molchow um 1930. Quelle: Regionalverlag Ruppin

In Molchow, heute ein Ortsteil von Neuruppin, fand Fontane „alles hell und licht“, schreibt er in den „Wanderungen“. Mit Ausnahme eines rondellartigen Grasplatzes „inmitten des Dorfes“. Auf ihm werde begraben, „mehr in Unkraut als in Blumen hinein“. Aus der Mitte dieses Platzes „wächst ein Turm auf, unheimlich und grotesk, als hab ihn ein Schilderhaus mit einer alten Windmühle gezeugt“. Unheimlich wie der Turm sei auch „die alte Glocke“.

Molchower hätten die Glocke zwischen zwei Bäumen hängend gefunden

In seinem Notizbuch vermerkt Fontane hingegen nüchtern „Glockenthurm. Holz“. Und berichtet über die Herkunft der Glocke: Die Molchower hätten sie „bei Eggersdorf, zwischen zwei Bäumen hängend, gefunden“. In den „Wanderungen“ poetisiert der Dichter wie gewohnt: Die Molchower fanden die Glocke „auf einer halb Heide gewordenen, halb waldbestandenen Feldmark zwischen zwei Bäumen aufgehängt“. Sie „erbarmten sich des Findlings und bauten ihm diesen Glockenturm“.

Die Autoren: Gabriele Radecke & Robert Rauh

Gabriele Radecke, geboren 1967, studierte Germanistik, Politik- und Rechtswissenschaft und promovierte zu Fontane. Sie ist Trägerin des Preises des Stiftungsrates der Universität Göttingen. Seit 2010 leitet sie die von ihr gegründete Fontane-Arbeitsstelle der dortigen Universität. Seit 2010 ist sie Mitherausgeberin der „Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe“ und hat gerade sämtliche Notizbücher Fontanes digital ediert. Die digitalen Notizbücher kann man hier einsehen.

Robert Rauh, geboren 1967 in Berlin, ist Historiker, Lehrer und Seminarleiter. Er arbeitet als Herausgeber von Lehrbüchern und Träger des Deutschen Lehrerpreises. 2017 veröffentlichte er sein Buch „Fontanes Fünf Schlösser“, 2018 „Fontanes Frauen“, in denen er die Werke Fontanes unter die heutige Lupe nimmt. Gerade ist sein neues Buch „Fontanes Ruppiner Land“ erschienen. Weitere Rechercheergebnisse und Ausflugstipps gibt es hier.

Tatsächlich ist die Herkunft der Glocke von 1522 ungewiss. Aber Fontane war im Turm, der 1692 errichtet und zu DDR-Zeiten 1985 restauriert wurde. Mit Ortsvorsteher Uwe Schürmann folgen wir den Spuren des Wanderers nicht über „eine Leiter“, sondern über eine moderne Holztreppe. Die Glocke verunzieren angeschlagene Ränder und ein Riss. Aber die Inschrift ist noch zu erkennen und stimmt mit der von Fontane notierten überein: „Ave Maria, gratia plena“ [Ave Maria, voll der Gnade].

Glockenturm mit Kriegerdenkmal: Postkarte von 1926. Quelle: Regionalverlag Ruppin

Keine Gnade jedoch für Molchow. In den „Wanderungen“ wird der Ort zwar erwähnt, aber erhielt kein eigenes Kapitel. Dafür bekam das Dorf Fontane. Schürmann hatte 2016 eine der Figuren des Künstlers Ottmar Hörl erworben und wollte sie in der Dorfmitte aufstellen. Weil sich sechs Ausschüsse mit dem Ansinnen befassen mussten, stand der gelbe Fontane ein Jahr in seinem Wohnzimmer. „Der Prozess der Genehmigung sei auch „eine Art von Kunst“, sagt Schürmann schmunzelnd und schaut aus seinem Haus zu Fontane, der seit 2017 vor dem Glockenturm steht.

Aufstellung der Fontane-Figur eine Provinzposse

Während die Story um die Aufstellung der Fontane-Figur einer Provinzposse gleicht, ist die Geschichte über die Molchow-Brücke ein teures Trauerspiel. Zunächst rechnete Neuruppin mit 750.000, jetzt sind es 2,5 Millionen Euro. Zunächst war die Fertigstellung für das Frühjahr geplant, dann sollte die Brücke Ende Juli eingeweiht werden. Auch dieser Termin ist geplatzt: Vor Ende Oktober läuft gar nichts. Wenn aber die ersten Molchower über die fontaneske „Schmalung“ flanieren, wird der Ärger Geschichte sein.

Molchow in Fontanes Notizbuch von 1873. Quelle: Digitale Notizbuchedition

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Lesen Sie dazu aus unserer Reihe „Wandern nach Fontanes Notizen“:

Meseberg in Fontanes Notizbüchern

Gentzrode – ein ungewöhnliches Gut

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Kein Kapitel in den „Wanderungen“, aber Kunst am Bau: Glockenturm von 1692 mit Fontane-Figur. Quelle: Robert Rauh

Ebenfalls finden Sie hier auch unsere Reihe „Fontanes vergessene Orte“:

Wulkow – ersatzlos gestrichen

Wildberg – das Dorf mit dem höchsten Kirchturm

Wie Bechlin in den Bann geriet

Buskow Trauma des Husarengenerals Zieten

Kampehl – Ritter Kahlbutz spukte auch bei Fontane

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Von Gabriele Radecke und Robert Rauh

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