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Neuruppin Fontanes Notizbücher enthüllen Erstaunliches zu den Wanderungen
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Fontanes Notizbücher enthüllen Erstaunliches zu den Wanderungen
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00:19 26.03.2019
Gabriele Radecke erforscht und publiziert seit 25 Jahren Leben und Werk Fontanes – als Leiterin der Fontane-Arbeitsstelle an der Uni Göttingen Quelle: Regine Buddeke
Neuruppin

Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ müssen neu bewertet werden – das steht für Gabriele Radecke und Robert Rauh felsenfest.

Beide sind auf Fontanes Spuren unterwegs – wenn auch auf bislang unterschiedliche Art und Weise. Und beide werden im Fontanejahr exklusiv für die MAZ-Leser in einer Artikelserie aus dem Fontane-Nähkästchen plaudern. Sie haben sich intensiv mit Fontanes Notizbüchern befasst. Die fördern, so Radecke, bisher unbekannte Details zu Tage. Sie werden einiges widerlegen, was bisher als Tatsache gegolten hat.

67 Notizbücher werden digital publiziert

Radecke, Literaturwissenschaftlerin und Editorin, ist seit Jahren mit dem Leben und Werk des großen Dichters, Romanciers, Publizisten und Theaterkritikers beschäftigt und vertraut – sie hat über Fontane promoviert und leitet die von ihr 2010 begründete Fontane-Arbeitsstelle an der Uni Göttingen. Sie ist zudem Mitherausgeberin der „Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe“.

Fontanes Zeichnung vom Kornspeicher mit Wohnturm in Gentzrode Quelle: Digitale Notizbuch-Edition

Ihre jüngsten Projekte sind die vierbändige Ausgabe aller Theaterkritiken Fontanes sowie die kommentierte digitale Edition der Notizbücher Fontanes: 10 000 Seiten aus dem Nachlass, die bislang noch nie als Gesamtwerk veröffentlicht wurden. Zehn sind bis jetzt zu sehen – alle übrigen sollen bis Ende 2019 folgen. „Kostenlos im Internet“, verspricht Radecke.

Robert Rauh, Geschichtslehrer und Buchautor, hat „Neue Wanderungen“ gemacht – besser gesagt: Er macht sie noch. Rauh nimmt sich Fontanes Bücher vor und begibt sich auf Spurensuche: Er beschreibt, was heute noch zu entdecken ist und erzählt, was seit Fontanes Besuch alles passiert ist. 2017 sind „Fontanes Fünf Schlösser“ erschienen, 2018 „Fontanes Frauen“.

Notizbücher voller Skizzen und Detailzeichnungen

Rauh hat mit den verschiedensten Leuten gesprochen, Akten in Archiven gewälzt und sich unter die Leute gemischt – sein Stil ist zugleich heiter als auch dokumentarisch – moderner Zeitgeist vermischt mit historischen Fakten. Derzeit bereist er auf ebenjene Art die Orte des ersten „Wanderungen“-Bandes – „Die Grafschaft Ruppin“: Sein Buch erscheint im April – pünktlich im Fontanejahr.

Eines von Fontanes Notizbüchern. Quelle: Digitale Notizbuch-Edition

Ganze 21 Notizbücher hat Fontane während seiner Streifzüge durch die Mark gefüllt. Für Gabriele Radecke, die ihre 25 Jahre währende Fontane-Lust vorher eher aus Biografie und den Romanen fütterte, war das eine völlig neue Spielwiese. „Die haben mich zu den ‚Wanderungen‘ gebracht.“ Für sie ist es eine Herzenssache, ihre eigene Begeisterung auch an die Jugend weiterzugeben. „Fontane gilt als trocken und langweilig. Und klar, die ‚Wanderungen‘ haben lange Strecken. Aber auch viel Sprachwitz und Ironie.“ Für einige Orte sind sie die einzige Quelle aus dem 19. Jahrhundert.

„Die Notizbücher haben erbracht, dass man die ‚Wanderungen‘ neu bewerten muss“, sagt sie entschieden. Warum das? Fontane hat in seinen Kladden, deren Handschrift – so Radecke – oft schwer zu entziffern war, vieles auch zeichnerisch festgehalten: 600, zum Teil bisher nicht veröffentlichte Skizzen von Herrenhäusern, Kirchen, Eingangsportalen, von Grabmalen und Kunstgegenständen. In den „Wanderungen“ werden diese Details jedoch oft nicht erwähnt. „Er hat also viel diffiziler gezeichnet, als später geschrieben“, resümiert Radecke.

Robert Rauh veröffentlicht gerade sein Buch: Er ist darin auf den Spuren von Fontanes Wanderungen durch die Grafschaft Ruppin. Quelle: privat

Für die Nachwelt ein unschätzbarer Mehrwert. In Karwe etwa habe man nur aufgrund der Notizbuch-Skizzen die nicht mehr existenten Linden des Knesebeck’schen Grabes lokalisieren können – sie werden heute am historischen Ort nachgepflanzt. Und auch Bernd Donner vom Förderverein des Gutshauses Köpernitz weiß erst Dank einer Skizze, wie das Gutshaus bei Fontanes Besuch 1873 aussah.

Oder die fehlende Stufe von Brunn: „Robert Rauh und ich haben in dem kleinen Ort das Romberg-Denkmal gefunden. Aber an ganz anderer Stelle als in Fontanes ‚Wanderungen‘ beschrieben. Außerdem: Auf der Skizze hatte das von Drake geschaffene Denkmal drei Stufen – am Denkmal gab es nur zwei. Die unterste fand sich am ursprünglichen Platz – im verwilderten Gutspark.“

Robert Rauh hat für sein Buch auch das Schloss Gentzrode besucht. Quelle: Regine Buddeke

Nun ja, mag mancher denken. Ist doch egal, ob zwei oder drei Stufen. Aber gerade für die, die sich um Authentizität der Fontane’schen Orte bemühen, dürften die Notizbücher ein unschätzbares Juwel sein. „Die Skizzen helfen zu verifizieren, zu lokalisieren und eine räumliche Vorstellung zu bekommen“, betont die Fontane-Expertin. Und auch Robert Rauh haben die Zeichnungen bei den Recherchen zu seinem Buch große Dienste erwiesen. Einige von ihnen will er darin abbilden.

Auch im Gegenschluss verraten die Notizbücher so einiges – nämlich in der Unterlassung: „Fontane scheint an manchen der beschriebenen Orte überhaupt gar nicht selbst gewesen zu sein“, lässt Radecke die Bombe platzen. „Die Notizbücher geben Aufschluss, wo er wirklich war.“ Manch einer der in den „Wanderungen“ beschriebenen Plätze scheint der Dichter nie bereist und nur aus zeitgenössischen Quellen, Briefen und Berichten anderer gepickt zu haben.

Wanderungen“ sind Reisebericht aber kein Reiseführer

„Die meisten lesen die ‚Wanderungen‘ ja wie einen Tatsachenbericht oder einen Reiseführer“, sagt sie. „In den ‚Wanderungen‘ suggeriert Fontane, vor Ort gewesen zu sein. Dem war aber nicht immer so.“ Robert Rauh hat herausgefunden, dass Fontane beispielsweise nie in Gottberg war – zumindest haben sich keine Notizen darüber gefunden.

War Fontane ein Schwindler? „Ich werde ihn nicht vors Landgericht zerren“, sagt Robert Rauh und schmunzelt. „Der Wanderer hat Leerstellen mit poetischem Kitt gefüllt. Und ist dabei entlastet: Schließlich hat er nirgendwo behauptet, dass er den Ort nicht besucht hat. Aber auch nicht, dass er nicht dort war.“ Kutschfahrten waren damals teuer und Fontane oft knapp bei Kasse.

Alles über die verschwundenen Orte

Noch ein drittes Geheimnis bergen die Kladden: Die verschwundenen Orte. Buskow, Wildberg, Bechlin etwa tauchten sowohl in den Notizen als auch in der zweiten Auflage der „Wanderungen“ von 1865 auf. „Zehn Jahre später, in der dritten Auflage, hat er sie wieder rausgenommen“, wundern sich Rauh und Radecke. Warum? Darüber kann man nur mutmaßen. Die vergessenen Orte werden den Auftakt der MAZ-Serie von Gabriele Radecke und Robert Rauh bilden. Dabei wird auch die ein oder andere Abbildung aus Fontanes Notizbüchern zu sehen sein, versprechen beide.

Wer die bisher veröffentlichten Notizbücher in ihrer Gesamtheit durchschmökern will, dem sei das Notizbuchportal der Uni Göttingen (http://www.fontane-notizbuecher.de) empfohlen: „Nicht nur für Ortschronisten hoch interessant“, versprechen Gabriele Radecke und Robert Rauh. Auch in den geplanten Ausstellungen zum Fontanejubiläum bilden die Notizbücher eine entscheidende Grundlage. Sie können in der Neuruppiner Leitausstellung fontane.200/autor besichtigt werden.

Von Regine Buddeke

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