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Hausboot-Geschäft um Neuruppin boomt – hat aber auch mit Corona zu kämpfen

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18:00 21.04.2021
Der Saisonstart steht wegen Corona noch auf der Kippe. Dennoch bereitet Ulrich Horstkott an seiner Molchower Floßverleihbasis jetzt schon alles fürs Ins-Wasser-Stechen vor.
Der Saisonstart steht wegen Corona noch auf der Kippe. Dennoch bereitet Ulrich Horstkott an seiner Molchower Floßverleihbasis jetzt schon alles fürs Ins-Wasser-Stechen vor. Quelle: Henry Mundt
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Der Sommer auf dem Boot ist gut gebucht. Das tage- oder wochenlange Schippern auf den Seen der Ruppiner Region liegt schon seit Jahren im Trend, keine Frage. Wegen Corona boomt die Branche jetzt aber noch stärker als in den Vorjahren.

„Wir haben 80 Prozent mehr Buchungen als 2019, unserem absoluten Rekordjahr“, sagt zum Beispiel Stefanie Knöß, Marketing-Managerin bei Le Boat, der sich als Marktführer in Sachen Hausbooturlaub sieht. „Die Nachfrage ist größer als je zuvor.“

Le Boat: dickes Plus auch schon für die Saison 2022

So sei für August kaum noch ein Hausboot zu haben. Im Juli liege die Auslastung bei etwa 75 Prozent, im September ähnlich hoch. Es gibt nun sogar schon Buchungen für 2022: Sie liegen derzeit bei 55 Prozent über dem Buchungsniveau von 2019. Und weil das Interesse da ist, hat die Firma jetzt auch das Reservierungsportal für 2023 eröffnet. „Da gibt es auch schon einige Buchungen.“

Über 900 schwimmende Unterkünfte des Unternehmens liegen in acht europäischen Ländern und in Kanada. Davon alleine 62 in der Marina Wolfsbruch nördlich von Rheinsberg. Der Standort in Kleinzerlang ist die wichtigste Basis des einzigen deutschen Reviers von Le Boat, das sich zwischen Potsdam und Jabel in Mecklenburg-Vorpommern erstreckt.

ADAC: 90 Prozent der Boote im Sommer ausgebucht

In diesem Jahr wurde dieses um einen weiteren Anlegehafen in Fürstenberg ergänzt – als Reaktion auf das stark gewachsene Interesse an der Freizeitkapitänerie. 16 Charterboote warten dort nun auf Touristen. Sieben hat das Unternehmen neu bauen lassen. Den Rest vor allem aus Frankreich abgezogen und auf dem Landweg an den neuen Startpunkt gebracht.

Auch der Automobilclub ADAC meldet diese Woche, dass die Belegung bei seinem Reisebüropartner für die Hauptsaison bombastisch ist. So liege die Auslastung bei Bootsreisen24.de von Juni bis August in den Regionen Berlin-Brandenburg und Mecklenburgische Seenplatte bereits bei rund 90 Prozent.

Urlaub auf dem Wasser wird immer beliebter. In der Nähe von Marina Wolfsbruch nördlich von Rheinsberg kann es deshalb im Sommer an Schleusen zu Staus kommen. Quelle: Peter Geisler

Klar, die Touren auf dem Wasser sind kontaktarm – und somit coronakompatibel: Deutlich mehr als eine Bootsbreite trennt die Ausflügler im Normalfall voneinander. Auch in der Schleuse gerät man selten körperlich auf Tuchfühlung. Und die Versorgung erfolgt meistens aus der selbst befüllten Kombüse direkt an Bord.

Das gesteigerte Interesse wegen der Pandemie merken auch andere Anbieter – wenn auch nicht ganz so stark. Ulrich Horstkott von der Firma Treibgut erzählt zum Beispiel, dass seine Flöße im Sommer schon zu zwei Dritteln ausgebucht sind. „Das ist aber völlig normal.“ Die Menschen planen erfahrungsgemäß einen Bootsurlaub am Anfang des Jahres.

25 dieser seetüchtigen Fortbewegungsmittel besitzt Ulrich Horstkott insgesamt, sechs davon liegen in Molchow vor Anker. Der Rest legt in Fürstenberg, Brandenburg an der Havel und sogar in Holland ab.

Viele zögern die Buchung wegen Corona noch hinaus

Sein Kollege Robert Baumgart von den Eisvogel-Touren hat in Lindow 15 Hausboote in Mini- und Maxi-Ausführung sowie acht Yachten stationiert. Denn die Hütte auf dem Wasser gibt es aufgrund der großen Nachfrage mittlerweile in allen Varianten: als Floß für die Abenteuerlustigen, als Yacht für die Luxusverwöhnten oder auch im familienkompatiblem Format des Typs Bungalow.

Auch Robert Baumgart zieht ein ähnliches Fazit wie Horstkott. „Wir sind besser gebucht als im Vorjahr“, sagt er. „Aber es ist noch was frei im Sommer.“ Er glaubt, dass die Lücken locker gestopft werden. „Es gibt genügend Leute, die gerne mieten würden, jetzt aber noch unsicher sind.“ Sobald Lockerungen verkündet werden, werden diese die letzten freien Termine belegen.

Robert Baumgart, der Eigentümer der Kremmener Seelodge, verleiht in Lindow Hausboote. Quelle: Jeannette Hix

Im Moment ist der Eisvogel-Touren-Chef genauso wie alle anderen in seiner Branche, die normalerweise am 1. April in die Saison gestochen wäre, mit etwas anderem beschäftigt: mit der Rückabwicklung der für April oder Mai gebuchten Urlaubstage. Die Verordnungen verbieten derzeit immer noch touristische Schiffsausflüge. Weil viele Kunden glauben, dass es auch in einigen Wochen so sein wird, sagen sie nun auch die Touren im Spätfrühjahr ab. „Das ist nicht schön“, sagt Baumgart, der auch Chef der Seelodge in Kremmen ist.

Zumal schon das Herbstferien-Geschäft wegen des Lockdowns für die Tourismusbranche ins Wasser gefallen ist. Und weil nun die langsame Anlaufphase flachfällt. „Die brauchen wir aber: Wenn ein Boot nach dem Überwintern wieder eingesetzt wird, dann kann damit immer irgendetwas sein. Das ist wie bei einem Auto, das man ein halbes Jahr nicht fährt. Da steckt man nicht drin.“ Probleme im größten Sommertrubel zu lösen, sei schwieriger als am Start der Saison. Denn da haben die Anbieter noch nicht so viele Buchungen – und somit Ausweichmöglichkeiten im Fall eines Bootausfalls.

Treibgut-Chef: Keiner bucht gerne ins Blaue hinein

Baumgart hofft nun, dass er spätestens zum Himmelfahrtstag Mitte Mai die ersten Kunden wieder in Empfang nehmen kann. Oder zumindest eine Woche später am Pfingstwochenende.

Ulrich Horstkott hat gerade von einer Behörde erfahren, dass er Tagestouren nun doch anbieten dürfte. Für die wenigen Anfragen lohne es sich aber noch nicht, die Mitarbeiter an den Start zu schicken. Er will im Mai mit einem Haushalt pro Boot und einer Anweisung auf Abstand loslegen – wenn Corona es zulässt. Und wenn er dann mehr Reservierungen hat. Denn die trudeln derzeit sehr zögerlich herein. „Keiner bucht gerne ins Blaue hinein“, sagt der Treibgut-Chef.

Idylle pur an der Ablegestelle in Molchow: Diese zieht immer mehr Menschen magnetisch an. Quelle: Henry Mundt

Er selbst ist überzeugt, dass seine Flöße weniger Ansteckungsgefahren bergen als die meisten anderen Orte derzeit: „Auf dem Boot ist es wie in der Quarantäne.“ Das einzige Argument, das für ein Verbot seines Geschäftszweiges aus seiner Sicht spricht: Dass einige Gäste von weiter her kommen – und dann auf dem Weg vielleicht mal tanken müssen.

Auch Baumgart findet, dass die Bootsbranche anders behandelt werden sollte als beispielsweise Hotels. Bisher habe aber keiner die Politik überzeugen können, nicht einmal die starke Ferienhauslobby, die viele Bootsvermieter als Vorkämpfer für ihre Interessen sehen.

Finanzieller Schlingerkurs droht, wenn Urlaub lange ausfällt

Wenn es nicht bald losgeht, könnte sein Unternehmen mit den vier fest angestellten und zwei freien Mitarbeitern finanziell auf einen Schlingerkurs geraten, sagt Ulrich Horstkott. Jetzt sei noch alles in Ordnung, trotz der Ausfälle 2020, weil die Menschen im Voraus für ihren Urlaub bezahlt haben. „Wenn aber alles abgesagt wird, dann müssen wir das Geld zurückerstatten. Das wäre ein ernsthaftes Problem.“

Auch die Vermarkterin von Le Boat träumt davon, dass die Coronaregeln wieder gelockert werden. Oder dass zumindest klar ist, wann es sicher losgehen kann, auch wenn es erst der 1. Juni sein sollte. Mit der Inzidenzregelung jedenfalls könne ihr Unternehmen nicht arbeiten. „Was ist, wenn am Startpunkt alles okay ist, der Gast aber irgendwo anlegt, wo die Inzidenz über 100 liegt?“

Auch Großverleiher rechnet mit saftigen Verlusten

Den wirtschaftlichen Ausfall könne die Firma aufgrund ihrer Größe zwar verkraften. Doch der Boom bei den Buchungen im Sommer scheint nicht unbedingt für einen adäquaten Ausgleich insgesamt zu sorgen.

Denn die Steigerung, die Stefanie Knöß eingangs nannte, bezieht sich alleine auf die Buchungen von Deutschen in Deutschland. In anderen Fahrgebieten der Firma fehlen wegen Corona die Gäste aus Deutschland, aber auch aus Österreich, der Schweiz oder Amerika. Selbst wenn es rund um die Marina Wolfsbruch 2021 optimal laufen sollte, werde das nicht den Verlust an anderen Standorten wettmachen können, schätzt sie.

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Von Celina Aniol