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Neuruppin Von Amerika über Afrika nach Neuruppin
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14:25 10.09.2019
Hedi Rossow lebt mit ihrem Mann und fünf Kindern in Seehof am Ruppiner See. 15 Jahre lang war Afrika ihre Heimat. Quelle: Gabriele Elstermann
Seehof

Es ist einer der letzten warmen Spätsommertage. Ich sitze auf einer Terrasse. Zwischen den Blättern glitzert der Ruppiner See. Vor mir ein weitläufiger Garten mit alten Obstbäumen, nebenan ein Gewächshaus voller Kakteen – das Hobby des Hausherrn.

Überall im Garten die Spuren von Kindern: Spielzeug, ein Baumhaus, ein etwas windschiefes Trampolin, vor der Garage eine Tischtennisplatte. Ein eingezäuntes Gehege wird von etwas Flauschigem bewohnt, das sich nicht zeigen will.

Die Hausherrin kocht Kaffee, während ich einen Blick ins Wohnzimmer werfe. Mitten im Zimmer hängt eine bunte Hängematte von der Decke, dahinter eine Musikecke mit mehreren Instrumenten, auf dem langen Esstisch noch ein paar Krümel der letzten Mahlzeit, auf der Couch ein vergessener Teelöffel. Stille überall. Das Haus scheint durchzuatmen, sich zu erholen, bevor in ein paar Stunden wieder das Leben in allen Räumen pulsiert.

Der Kaffee ist fertig. Hedi Rossow setzt sich zu mir. Eigentlich heißt sie Hedwig, doch so nennt sie niemand. Dass die rothaarige Frau mit dem hellen Teint und dem sympathischen Lächeln aus Paraguay stammt, würde man nicht vermuten. Lediglich ihre ponchoartige farbenfrohe Bluse und das bunte Band im Haar könnten südamerikanisches Temperament vermuten lassen – oder auch Zufall sein.

Hedi Rossow Quelle: privat

Ihr Deutsch ist fast perfekt – ebenso wie ihr Englisch, ihr Spanisch, ihr Portugiesisch und ihr Plattdeutsch. „Mein Hebräisch und mein Somali sind aber schon mächtig eingerostet“, gesteht sie, als wäre es selbstverständlich, dass jeder sieben Sprachen spricht.

Seit 2014 lebt Hedi Rossow in Deutschland – erst in Neuruppin, jetzt im kleinen Ortsteil Seehof. Stets engagiert für Menschen, die Hilfe brauchen oder in Not sind, hat sie sich um Flüchtlinge gekümmert, Christliche Bildung an Schulen unterrichtet und sich in vielen Bereichen des kirchlichen Lebens eingebracht. Deutschland ist zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden. „Ich habe mich schnell eingelebt, mag die Menschen und sogar den Winter.“

Die Vergangenheit in Südamerika und Afrika

Geboren wurde Hedi 1970 in einer kargen Ecke von Paraguay – mitten hinein in eine behütete Gemeinschaft von Mennoniten – einer Gruppe gläubiger Christen, die sich dem ländlichen Leben verschrieben haben. Ihre Großeltern, die bereits in Deutschland in einer Mennonitengemeinschaft lebten,waren nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin ausgewandert. Bis heute ist das Plattdeutsche ihre gemeinsame Sprache.

Hedi war noch ein Kind, als der Wunsch entstand, nach Afrika zu gehen, um dort zu helfen. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester – und behielt ihr Ziel im Blick. Mit 26 Jahren stieg sie zum ersten Mal in Kenia aus dem Flugzeug. Die folgenden Jahre waren wunderbar, ereignisreich, voll prägender Begegnungen – und schrecklich zugleich, erinnert sie sich.

Hedi arbeitete für christliche Einrichtungen, bildete sich auf psychologisch-therapeutischem Gebiet weiter, arbeitete mit traumatisierten Menschen – und lernte die Liebe ihres Lebens kennen. 2004 heiratete sie. Doch schon kurze Zeit später – sie war damals mit ihrer Tochter schwanger – wurde ihr Mann Colin von Kindersoldaten erschossen. „Heute weiß ich, dass ich damals leiden musste, um heil zu werden.“

Die Gegenwart in Deutschland

Hedi Rossow und ihr zweiter Mann Matthias wohnen mit ihren fünf Kindern noch nicht lange im Haus Seehof – einer früheren Pension mit viel Platz für die siebenköpfige Familie. Die Patchworkfamilie gibt es seit fünf Jahren.

Bereits Jahre zuvor waren sich das deutsche Arztehepaar und die Südamerikanerin im Sudan begegnet. Die beiden Frauen hatten von Anfang an einen besonderen Draht zueinander. Die Beziehung war so eng, dass die vierfache Mutter kurz vor ihrem Tod Hedi darum bat, ihre Familie zu adoptieren.

„Durch diese Bitte, der ich mich nicht entziehen konnte, schlug mein Leben eine völlig neue Richtung ein.“ 2014 heiratete sie Matthias Rossow. Aus der aus Sorge um die Kinder geborenen Beziehung wurde Liebe. „Wer schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, ist unendlich dankbar dafür, eine zweite Chance zu erhalten und noch einmal einen Menschen zu treffen, mit dem er sein Leben teilen möchte. Diese Erfahrung hat es uns einfach gemacht, zueinander zu finden“, weiß Hedi heute.

Schwere Zeiten liegen hinter der Familie

Ganz anders empfanden die Kinder die damalige Situation. Nach dem Tod ihrer Mutter wollten sie keine neue Mutter, „keine zweitbeste Lösung“. Und Hedis Tochter wollte Paraguay nicht verlassen, dort war ihre Heimat.

Heute hat das Wort „Patchwork“ seinen Schrecken verloren. Alle Sieben sind in ihrem neuen Leben angekommen. „Wir haben eine schwere Zeit hinter uns. Es sind viele Tränen geflossen – auch bei mir. Ich weiß aber auch, dass ein Trauma nicht das Ende ist, dass das Leben weitergeht und dass Gott immer an unserer Seite ist.“

Hedi Rossow sieht sich heute als leidenschaftliche Mutter, hat ihre Arbeit zurückgestellt. „Das Wohl unserer Kinder ist für uns momentan am wichtigsten. Was nicht heißt, dass nach Deutschland nicht wieder Afrika kommen könnte – aber dann nur gemeinsam mit Matthias.“

Über ihr Leben hat Hedi Rossow jetzt ein Buch geschrieben.

Mama Shekinah

Seit wenigen Tagen ist es im Buchhandel erhältlich: „Mama Shekinah“ heißt das Buch, in dem Hedi Rossow über ihr Leben schreibt.

Weil sie im vergangenen Jahr während einer Krankheit das Gefühl hatte, vielleicht nicht mehr überall hinreisen zu können, sollte wenigsten ein Buch von ihr überall hingelangen.

Schon längere Zeit hatte sie den Plan, ihre jahrelangen, in englischer Sprache verfassten Tagebuchaufzeichnungen zu einem Buch zu vereinen. Jetzt setzte sie die Idee in die Tat um.

Der SCM-Verlag verhalf ihr zu einer professionellen Co-Autorin. Und so entstand gemeinsam mit der Berliner Soziologin und Redakteurin Anna Lutz innerhalb eines Jahres das Buch „Mama Shekinah – Afrikas Kindersoldaten nahmen mir den Mann – ich antwortete ihnen mit Liebe“.

Von Gabriele Elstermann

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