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Neuruppin Jürgen Kuttners Fontane-Videoschnipsel-Projekt
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Jürgen Kuttners Fontane-Videoschnipsel-Projekt
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09:20 10.06.2019
Jürgen Kuttner redet in seinem Fontane-Videoschnipsel-Projekt die Zuhörer in Grund und Boden. Quelle: Regine Buddeke
Neuruppin

„Hoooit geeeht es mal niiicht nach der Wasssserwaaaage“ tönt es gefühlte 15 Minuten in Endlosschleife aus der Kehle eines Jünglings längst vergangener Zeiten. Klingt wie ein Schlager, ist aber Folter. Jürgen Kuttner weiß um die enervierende Wirkung – die „Terrorschleife“ gehört aber seit über 20 Jahren zu seiner Strategie: Das Publikum erst weich zu klopfen, um dann den Erlöser zu spielen. So lange nämlich veranstaltet er seine Videoschnipselabende schon.

„Terrorschleife“ als Opener

„Ick will schauen, wie leidensfähig Sie sind und wie viel Sie sich gefallen lassen“, berlinert er fröhlich. „Irgendwann denkt jeder: Boah, wassn ditte hier? Ich hab Eintritt bezahlt – wird sich wohl um Kunst handeln. Egal, was danach kommt – es kann nur besser werden. Und dann komm ick“, freut er sich und rudert mit den Armen. Kuttner ist einer, für den das Wort Pause nicht erfunden wurde, sein ungebremster Redeschwall hämmert sich unbarmherzig in die Trommelfelle seiner Zuschauer wie ein Maschinengewehr – nur viel lustiger.

Jürgen Kuttner redet in seinem Fontane-Videoschnipsel-Projekt die Zuhörer in Grund und Boden. Quelle: Regine Buddeke

Ruhepausen hat er nur, wenn er die Videoschnipsel startet. Deren Prinzip ist schnell klar. Erst zerpflückt der Meister das Filmsequenzchen seiner Wahl nach allen Regeln der Kunst – er tut das weitläufig, weitschweifig und weit ausholend. Und hat dabei ein untrügliches Gespür für das Absurde in den ganz normalen Alltagssequenzen. Die so normal gar nicht sind – man achtet nur nicht so auf dererlei Details. Kuttner schon. Er erspürt alles, was an die Grenze zur Lächerlichkeit geht – und richtet gnadenlos den Scheinwerfer darauf. Dann wird es – vorab gut durchgekaut – auf der Leinwand gezeigt. Die Lachsalven sind vorprogrammiert: Sorgfältig hat Kuttner jedes Detail zu Dynamit gemacht.

Kollateralschlager statt Fontane

Kuttner kommt auf Fontane. „Ich hab keine Ahnung von Fontane – ich mach Kollateralschlager“, sagt er und fragt sich, was den Dichter in Brandenburg so populär gemacht hat: Klar, die Wanderungen. Er bringt den Günter-Geißler-Schlager „Was willste denn in Rio? Was willste in Milano? ...Drum lass doch das Gepäck, und fahr erst gar nicht weg.“ Das Pikante: Es ist ein DDR-Schlager –geschrieben ein halbes Jahr nach dem Mauerbau. Fontane sei zwar auch durch Brandenburg gewandert – aber eben auch durch Schottland.

Kuttner spielt einen den O-Ton eines Kreuzberger Hausbesetzers, der durch besonders viele „Wa?“ glänzt. „Raffinierte Brachial-Stilistik“ nennt er es und das Publikum – 150 Gäste sind am Samstagabend in den Stadtgarten gekommen – kichern bei jedem einzelnen.

Jedes Detail zu Dynamit

Er zelebriert süffisant eine Schlagerschnulze von Cindy und Bert, die mit dem säuseligen, unfreiwillig komischen „Der Hund von Baskerville“ die deutsche Antwort auf den Black-Sabbath-Titel „Paranoia“ geben. „Der Horror schlechthin“, lästert Kuttner und gient breit. Das Video: Urkomisch. Der eingeblendete Pekinese wird zum Brüller. Kuttner ist in Fahrt und in Form. Er lässt nichts anbrennen. Und das Publikum ist dankbar.

Von Regine Buddeke

Auch so kann man Fontane ehren: Mit einer quietschbunten Prozession aus dem Netzebander Maskentheater, die auf ihre Art signalisiert, es mit der Heldenverehrung nicht so sklavisch ernst zu nehmen. Das Publikum tanzte am Ende fröhlich mit.

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