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Neuruppin Pfleger äußert Kritik – Neuruppiner Klinik feuert ihn
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Pfleger äußert Kritik – Neuruppiner Klinik feuert ihn
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19:14 19.08.2019
Guy-Harald Hofmann Quelle: Hannah Rüdiger
Neuruppin

Das verstehe, wer will: Seit Jahren klagen nicht allein die Ruppiner Kliniken, sondern viele Krankenhäuser in Deutschland über den Mangel an Ärzten und Pflegern. Dennoch hat das Neuruppiner Krankenhaus jetzt einen sogenannten Leihpfleger schon nach vier Tagen vor die Tür gesetzt – obwohl dieser für mindestens zwei Monate in den Ruppiner Kliniken arbeiten sollte.

Keine Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert

Vor die Tür gesetzt wurde Guy-Harald Hofmann nicht etwa, weil er Patienten vernachlässigt hat. Nein, der 59-Jährige hatte es sich erlaubt, in seiner Freizeit mit Reportern der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) über den Notstand in der Pflege in Deutschland zu sprechen. Am Tag, als der Beitrag erschien, erhielt Hofmann einen Anruf von seinem Arbeitsvermittler aus Essen, dass er in Neuruppin nicht mehr gebraucht werden würde.

„Ich war völlig überrascht“, so Hofmann. Schließlich habe er bei dem Gespräch mit den Journalisten keine Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert, sondern lediglich erzählt, „was ich schon alles erlebt habe“, sagte Hofmann am Montag.

Der fünffache Familienvater, der aus der Nähe von Osnabrück stammt, hat einige Erfahrung. Zwölf Jahre arbeitete der Gesundheits- und Krankenpfleger in einer Klinik in Herdecke im Ruhrgebiet und war dort auch im Betriebsrat, ehe er für eineinhalb Jahre in Norwegen und zuletzt in Süddeutschland tätig war.

Betriebsrat: Es wurde „etwas überreagiert“

Doch bei der Geschäftsführung der Ruppiner Kliniken kam der MAZ-Beitrag über die Pflegesituation nicht gut an: Weil in dem Artikel stand, dass Hofmann im Neuruppiner Krankenhaus arbeitet und er als Leihpfleger dort etwas mehr Geld als das Stammpersonal erhält, „sind wir davon ausgegangen, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Leasingkraft nicht mehr möglich ist und baten um Ersatz“, teilte Kliniksprecherin Verena Clasen mit.

Guy-Harald Hofmann hatte sich im MAZ-Interview zum Pflegenotstand geäußert – und sich auf einer Bank im Park der Ruppiner Kliniken fotografieren lassen. Quelle: Hannah Rüdiger

Es wurde „etwas überreagiert“, sagte Gesamtbetriebsrat Andreas Schnee von der Klinik-Holding. Auch Jana Kretschmer, Betriebsrätin des Krankenhauses, sprach am Montag von einer „unglücklichen Situation“. Dabei sei es wichtig, darauf hinzuweisen, wie schwierig derzeit die Lage für Pflegekräfte angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung sei.

„Wir suchen Pflegekräfte“, betonte Jana Kretschmer. Dass Hofmann sich aber für den MAZ-Beitrag auf dem Klinikgelände habe fotografieren lassen und zudem erzählt habe, dass er als Leihpfleger etwas mehr Geld verdiene als andere Pflegekräfte, das sei auch bei einigen Mitarbeitern nicht so gut angekommen.

530 Pflegekräfte in den Ruppiner Kliniken

„Wir müssen lernen, damit wir es beim nächsten Mal besser machen“, so Kretschmer. Denn die Betriebsräte seien selbstverständlich auch für die Leihkräfte und ihre Probleme zuständig. In den Ruppiner Kliniken sind derzeit mehr als 530 Pflegekräfte tätig, darunter 15 Leihpfleger. Auf dieses Angebot von Personalvermittlern greift das Neuruppiner Krankenhaus schon seit 2017 zurück, um die Personalnot in der Pflege zu lindern.

Der Personal- und Zeitmangel in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist seit Jahren ein heiß diskutiertes Thema. Quelle: Philipp Schulze/dpa

Guy-Harald Hofmann hat mit einem offenen Brief auf der Internetplattform Facebook auf das Beenden seiner Tätigkeit bei den Ruppiner Kliniken reagiert. In dem Brief, der sowohl an Klinikgeschäftsführer Matthias Voth als auch an Landrat Ralf Reinhardt (SPD) als Aufsichtsratsvorsitzenden der Klinik-Holding gerichtet ist, spricht Hofmann von einer „Einschränkung der freien Meinungsäußerung“ und bedauert, dass seine fachlichen Hinweise für eine bessere Pflege nicht einmal angehört wurden.

Auch die Schweiz sucht Pflegekräfte

Hofmann hatte wegen des schlechten Zustandes in der Pflegebranche in Deutschland eigentlich auf einen Aufschrei in der Gesellschaft gehofft. Stattdessen wird jetzt viel über seinen offenen Brief und die Reaktion der Klinikgeschäftsführung gesprochen. Dabei sagt auch Manon Cochois von der Gewerkschaft Verdi, dass „die Pflege insgesamt attraktiver“ werden müsse.

Aber solange Hinweise von Pflegekräften ignoriert und diese sogar vor die Tür gesetzt werden, dürfte es noch eine ganze Weile dauern, bis sich an dieser Situation etwas ändert. Hofmann überlegt nun, ob er Deutschland verlässt. „Auch in der Schweiz werden Pflegekräfte gesucht.“

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