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Neuruppin Zwischen Tschechien und Kreuzberg: Autor Jaroslav Rudiš liest in Neuruppin Bier-Geschichten
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Zwischen Tschechien und Kreuzberg: Autor Jaroslav Rudiš liest in Neuruppin Bier-Geschichten
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00:26 08.06.2019
Ganz in seine Rolle getaucht liest Jaroslav Rudiš in der Fontane-Buchhandlung Neuruppin Quelle: Malina Aniol
Neuruppin

Bier – viele verbinden dieses Getränk pauschal mit Deutschland. Doch auch in Jaroslav Rudiš‘ Roman „Winterbergs letzte Reise“ wird nicht wenig getrunken. Der tschechische Autor wehrt aber schnell ab. In seinem Buch gehe es auch einfach darum, Geschichten zu erzählen. Schmunzelnd ergänzt er: „Vielleicht geht’s aber doch vor allem ums Bier“, und gießt sich das auch in Tschechien verehrte Getränk ein. Das Publikum lacht. Noch einige Male wird er an diesem Dienstagabend auf das Hopfen­getränk zu sprechen kommen.

Mit einer steifen Lesung hat die Veranstaltung in der Neuruppiner Fontane-Buchhandlung, die Teil des Literatur-Festivals „Neben der Spur“ ist, wenig gemein. Vielmehr wie alte Freunde, die sich mal wieder in der Kneipe getroffen haben, unterhalten sich Moderatorin Marion Brasch und Rudiš über das Schreiben, das Eisenbahnfahren und die mitteleuropäische Geschichte.

Durch Zweisprachigkeit die Geschichte verstehen

Sein neuster Roman ist für den zwischen Tschechien und Kreuzberg pendelnden Autor eine Premiere, denn er ist komplett auf Deutsch verfasst. Zunächst, gesteht er, hatte er etwas Angst davor und trug die Buchidee jahrelang mit sich rum. Doch als er dann die ersten Seiten beim Lektor vorlegte, war dieser direkt Feuer und Flamme.

Tschechisch sei zwar seine Muttersprache, aber Deutsch auch keine Fremdsprache für ihn. Eigentlich sei die Zweisprachigkeit die einzige Möglichkeit, die tschechische Geschichte zu verstehen. Und so schließt Rudiš sich der Tradition deutsch-tschechischer Schriftsteller wie Max Brod und Franz Kafka an und wagt den Exkurs in die gemeinsame Vergangenheit.

Eine Reise durch die große und kleine Geschichte

Ein Ungarn-Österreich-Baedeker von 1913 liegt auf dem Tisch. Rudiš erzählt von der wahnwitzigen Hauptfigur, dem uralten Wenzel Winterberg, der zusammen mit dem stillen Altenpfleger Jan Kraus seine verlorene Liebe sucht und sich dafür mit dem Zug auf die Reise durch Mitteleuropa macht. Die Geschichte sei eine Reise durch die große europäische Geschichte und die kleine persönliche Geschichte des Protagonisten, sagt der Schriftsteller.

Dabei klopft er auf den Tisch, gestikuliert, zuckt die Schultern. Er ist voll und ganz in der Rolle des Greisen, der wieder einmal einen seiner „historischen Anfälle“ hat. Dabei ist er im nahezu hysterischen Redefluss über die verlorene Schlacht bei Königgrätz gar nicht mehr zu stoppen.

Kurz hatte der Autor überlegt, ein kürzeres Buch zu verfassen, den puren Monolog des alten Reisenden. „Aber dann dachte ich, nee, dass wär vielleicht doch zu schräg. Es braucht vielleicht etwas mehr als nur Königgrätz und Eisenbahnen und Geschichte, vielleicht auch ein paar Frauen oder so ein bisschen Liebe.“

Der an der Geschichte leidende Freund als Inspiration

Ein Freund habe ihn zu dem Buch inspiriert. Dieser leide ähnlich wie Winterberg an der Geschichte und verreise immer mit dem über hundert Jahre alten Baedecker. Auch Rudiš machte sich für seine Geschichte mit dem uralten Reiseführer auf eine Reise durch Mitteleuropa.

Fasziniert erzählt er, dass die Tour mit dem Zug nach Sarajevo früher leichter gewesen sei als heute, wo man oftmals auf den Bus oder das Flugzeug ausweichen muss. Er sei aber eben auch ein Eisenbahnmensch, sagt er und fügt schmunzelnd noch eine Empfehlung für den tschechischen Speisewagen an.

Das Geschichten sammeln geht weiter

„Ich fürchte, ich bin ein wenig Winterberg und ich fürchte, ich mag das Bier genauso wie Kraus das Bier mag. Traurig, traurig“, schreibt Rudiš noch aus dem Zug von Brünn an Marion Brasch nach Berlin. Wie sehr er in seinen Figuren aufgeht, merkt man in jeder Sekunde. Seine Zuhörer sind mitgerissen. Die 60 Gäste lachen viel, erzählen später auch bereitwillig von der ehemaligen Brauerei und noch mehr über die Stadtgeschichte.

„Ich muss mich sehr lange mit Leuten unterhalten und Bier trinken und Geschichten sammeln, um so ein Buch zu schreiben“, erzählt Rudiš im Gegenzug. Die Gelegenheit nutzt er auch gleich im Anschluss, als sich noch viele Zuhörer zum Plaudern zu ihm gesellen. Sie vertiefen sich in Rudiš Familiengeschichte, aber auch in die der Neuruppiner Feuerlöscher. Rudiš schenkt sich seinen letzten Schluck Bier ein und macht, was er am besten kann – er erzählt Geschichten.

Von Malina Aniol

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