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Neuruppin „Man denkt, man passt dadurch“
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin „Man denkt, man passt dadurch“
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19:43 09.12.2016
Vitor Garcia in seinem blau-silbernen Nussknacker-Kostüm in der Kulturkirche in Neuruppin.
Vitor Garcia in seinem blau-silbernen Nussknacker-Kostüm in der Kulturkirche in Neuruppin. Quelle: Peter Geisler
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Neuruppin

Vitor Garcia ist nicht nur Stelzenmann. Er ist Artist und Mitbegründer eines brasilianischen Stelzentheaters. Das Fachgespräch fand vor einem Auftritt in einem Nebenraum der Kulturkirche statt. Zuerst in Jeans und Pullover, dann in einem blauen Body, bis er auf Stelzen und einem Nussknacker-Kostüm hinausspazierte.

Wie ist es die Welt über 3 Metern Höhe zu sehen?

Immer sehr lustig. Nicht nur, dass ich den Horizont weit sehen kann. Ich sehe auch immer, wenn etwas passiert. Das ist gerade für die Auftritte gut. Auftritte sind immer mit Spontanität verbunden. Und wenn ich jemanden sehe, der auf mich zukommt, kann ich mir noch schnell überlegen, was ich mache.

Wie groß sind Sie wirklich?

(lacht) 1,60 Meter. 3,65 Meter mit Hut.

Wie kommt man auf die Stelzen? Und wieder herunter?

Das ist einfach. Ich setze mich auf einen Tisch und schnalle die um. Dann hebe ich mich hoch. Dazu braucht man auch ein wenig Übung.

Wie sind die Stelzen montiert?

Die haben eine Platte, auf denen Turnschuhe angeschraubt sind und um die Waden fixiere ich die.

Wie läuft man auf denen? Ungelenk?

Am Anfang ist es ein wenig schwierig zu lernen. Aber für mich als Artist ist das inzwischen so natürlich. Es ist wie Fahrrad fahren. Sobald man drauf ist, kann man gehen. Man muss die Stelzen einfach so wie die Beine behandeln.

Muss man dafür trainieren?

Ja. Stelzenlaufen hat viel mit Gleichgewicht und Geschicklichkeit zu tun. Aber das kann jeder lernen. Einige sind begabt und können das nach ein paar Tagen. Aber wenn man damit arbeiten will, tanzen und Kunststücke machen, dann braucht das schon mehr Zeit.

Hatten Sie in der Anfangszeit mal Knochenbrüche?

Gott sei Dank noch nicht. Stürze schon. Aber das passiert.

Haben Sie sich schon mal den Kopf gestoßen?

Ja, das passiert schon. Man denkt, man kommt dadurch und dann passiert’s (schmunzelt). Die anderen sind dann meist besorgter als ich.

Wie zieht man sich diese lange Hose an?

Ganz normal. Und dann rafft man die Beine hoch.

Was ist, wenn Sie mal auf die Toilette müssen?

Das Problem hat jeder Künstler, der auf der Bühne steht. Da muss man durch. Bei einem Auftritt ist aber auch immer so viel Adrenalin im Blut, dass das Unterbewusstsein das automatisch verdrängt. Aber nur bis zu einem gesunden Punkt.

Wie weit können Sie sich vorbeugen, ohne umzufallen?

Och, ziemlich weit (Bückt sich, bis er mit dem Kopf auf Gürtellinie ist). Es gibt ja auch Leute, die Kunsttücke auf Stelzen machen, die sind noch beweglicher. Aber man muss auch immer das Verhältnis von Körper und Stelze beachten.

Wie hält man das Gleichgewicht?

Das ist einfach nur Übung. Eben wie mit dem Fahrrad. Nur ein wenig schwerer.

Wie stabil ist man auf den Stelzen?

Ziemlich stabil. Bei den punktierten, denen ohne Platte, muss man nur immer in Bewegung bleiben (tippelt zur Verdeutlichung von einem auf den anderen Fuß). Einige Handwerker haben auch Stelzen. Die haben allerdings Platten. Das ist dann leichter.

Wie lange kann man auf den Stelzen laufen?

So zweieinhalb Stunden. Aber das ist dann auch eine extreme Situation. Normalerweise dauern meine Auftritte eine halbe Stunde.

Gibt es unterschiedlich hohe Stelzen?

Ja, ich selbst habe fünf verschiedene Stelzen. Die Räumlichkeiten sind auch immer unterschiedlich. Kaufhäuser sind niedriger, andere haben einen rutschigen Boden. Die höchsten Stelzen sind 1,10 Meter. Darüber gibt es auch welche, aber die sind nicht so ideal. Denn je höher die sind, desto unbeweglicher ist man und, bei einem Open Air zum Beispiel, auch anfälliger für Wind. Es gibt aber auch verstellbare.

Haben Sie mal eine Frau auf Stelzen kennengelernt?

Haha. In einer meiner Shows, die zurzeit laufen, sind wir zwölf Artisten, acht davon sind Frauen. Also schon irgendwie, ja.

Haben Sie Angst, dass Kinder vor Ihnen Angst haben könnten?

Das passiert schon mal. Aber witzigerweise ist es so, dass, wenn die Eltern sagen, ,oh, ist der groß!’, überträgt sich das auf die Kinder und dann könnten die Angst haben. Wenn nicht, sind die Kinder neugierig und unvoreingenommen.

Haben Kinder Sie schon mal umgerannt?

Nein, noch nicht.

Wie kommt man dazu, ein Stelzenmann zu sein?

Ich habe in der Artistenschule in Rio de Janeiro meine Ausbildung gemacht und das gehörte dazu. Nach Deutschland bin ich gekommen, als ein Vergnügungspark bei Köln ein Casting veranstaltet hat. An der staatlichen Artistenschule in Berlin habe ich dann eine Weiterbildung gemacht. Als Luftakrobat.

Von Lisa Neumann

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