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Neuruppin Tötung von Jutta K. war ein Gewaltexzess
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Tötung von Jutta K. war ein Gewaltexzess
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00:41 28.04.2018
Prozess um den Tod von Jutta K. (61) aus Alt Ruppin vor dem Landgericht Neuruppin. Angeklagt ist Friedrich-Wilhelm K. (40) – hier mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg. Quelle: Reyk Grunow
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Alt Ruppin

Friedrich-Wilhelm K., der derzeit wegen der Tötung der Alt Ruppiner Bootsvermieterin Jutta K. am 17. August 2017 vor Gericht steht, ist voll schuldfähig. Zu diesem Ergebnis kam am Mittwoch der psychiatrische Sachverständige Matthias Lammel.

Minderbegabt und dissozial, aber nicht krank

Er bescheinigte dem Angeklagten eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, die aber keinen Krankheitswert habe. Der heute 40-jährige Angeklagte wurde in ungünstigen familiären Verhältnissen groß. Der eigene Vater stiftete ihn und seinen Bruder zum Stehlen an. „Er wurde in verwahrlosten Verhältnissen groß. Keiner kümmerte sich um ihn. Seine Kindheit war nicht geeignet, eine Beziehungsfähigkeit zu entwickeln, noch Werte zu lernen und sich an Normen zu halten“, sagte Lammel. In dieser Zeit seien Grundlagen gelegt worden, die es ihm schwerer machten als anderen, sich rechtstreu zu verhalten. Das sei eine Erklärung für den Werdegang des Angeklagten und keine Entschuldigung. Bereits in früherer Jugend wurde Friedrich-Wilhelm K. straffällig, hat bisher mehr als zehn Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Sein Intelligenzquotient liegt zwischen 60 und 70. Als Normalbereich gilt ein Quotient zwischen 85 und 115.

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Nicht in der Lage, über sich selbst zu reden

Er tue sich schwer, über sich selbst, seine Beziehungen, seine sexuellen Vorlieben zu reden. „Das kann er nicht“, so Lammel. Dass K. solchen Fragen ausweiche, habe seine Ursache auch darin, dass er deutlich minderbegabt sei.

Angeklagter ist nicht sexuell abartig

Gegenüber dem Gutachter hatte der Angeklagte nichts Weiteres zur Tat gesagt, auch nichts zu seinem Sexualleben. „Um eine sexuelle Störung feststellen zu können, müsste er mehr erzählen, als er derzeit bereit ist“, so der Sachverständige. Es gebe wohl fetischistische Neigungen – in K.s Wohnung fand die Polizei etliche Damenslips. Dass Friedrich-Wilhelm K. sexuell-sadistische Neigungen hat, worauf Gewaltvideos auf seinem Handy schließen lassen könnten, bestätigte Lammel nicht. „Man schaut sich so etwas an. Dass heißt aber nicht, dass das in der Persönlichkeit verankert ist.“ Der Gutachter sah bei dem Angeklagten keine Hinweise auf eine schwerwiegende sexuelle Abartigkeit, die dessen Schuldfähigkeit beeinträchtigt hätte.

Angeklagter handelte nicht im Affekt oder Alkoholrausch

Für den Gutachter gab es ebenfalls keine Anhaltspunkte für eine Affekttat oder einen Alkoholrausch. Dagegen spreche das Verhalten des Angeklagten nach der Tat. Er hatte sich ins Auto seines Opfers gesetzt, sich Jutta K.s EC-Karten verschafft und war in der Nacht bis nach Dresden gefahren.

Über Sicherungsverwahrung muss das Gericht entscheiden

Im Raum stand noch die Frage der Sicherungsverwahrung. Die hatte ein anderer Gutachter in einem Prozess 2010 abgelehnt. Dieser hatte zwar gesagt, dass der Angeklagte einen Hang zu Straftaten habe, aber nicht zu erheblichen. Dazu gaben seine Vorstrafen damals keinen Anlass. Anders heute. „Die Tat bleibt ein Gewaltexzess. Dass so etwas nicht noch mal passiert, kann ich nicht dementieren“, so Lammel. Ob Friedrich-Wilhelm K. in der Sicherungsverwahrung unterzubringen ist, muss das Gericht entscheiden. Am 4. Mai wird weiter verhandelt.

Von Dagmar Simons

27.04.2018
27.04.2018