Neuruppin: 32-Jähriger schlug grundlos zu - Angeklagter muss nicht in Haft, da er krank ist
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Neuruppin 32-Jähriger schlug grundlos zu: Angeklagter muss nicht in Haft, sondern in die Psychiatrie
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin 32-Jähriger schlug grundlos zu: Angeklagter muss nicht in Haft, sondern in die Psychiatrie
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16:18 30.03.2020
Das Landgericht Neuruppin sprach einen 32-Jährigen frei, weil er schuldunfähig ist, ordnete aber seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.
Das Landgericht Neuruppin sprach einen 32-Jährigen frei, weil er schuldunfähig ist, ordnete aber seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Quelle: Henry Mundt
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Neuruppin

Passanten, die nichts ahnend mit ihrem Hund Gassi gingen, ein ahnungsloser Mitbewohner im Obdachlosenheim in Groß Pankow: Sie alle hatten heftige Begegnungen mit Marcel E. Wie aus dem Nichts heraus, rastete der 32-Jährige aus – schlug, trat zu oder warf mit Gegenständen nach seinen Opfern.

Angeklagter ist krank und deshalb schuldunfähig

Wegen mehrerer Straftaten musste sich der gebürtige Rathenower vor der ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Neuruppin verantworten. Die Richter sprachen den Mann, der zurzeit in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht ist, am Montag frei. Lediglich für den Besitz von etwa einem Gramm Marihuana verurteilten sie ihn zu einer Geldstrafe von 300 Euro.

„Ansonsten ist er freizusprechen, weil er schuldunfähig war“, sagte der Vorsitzende Richter. Denn Marcel E. ist krank und kann deshalb für sein Handeln nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Laut der psychiatrischen Sachverständigen leidet der gelernte Tierwirt an einer hebephrenen Schizophrenie. „Das ist eine langwierige und schwere Erkrankung.“

Angeklagter ist familiär vorbelastet

Die begann in seiner Jugend. Dazu kommt eine familiäre psychiatrischen Vorbelastung. Er entwickelte sich zum Einzelgänger, legte ein wechselhaftes Verhalten an den Tag, litt unter Stimmungsschwankungen, war nur vermindert im Beruf leistungsfähig. Alles Kriterien, die auf das Krankheitsbild zutreffen.

Die Gutachterin ging davon aus, dass er wohl wusste, dass sein Verhalten verboten ist, er sich aber nicht dementsprechend steuern konnte.

So kam es im August 2018 hintereinander gleich zu mehreren Zusammenstößen. Ein 86-jähriger Rentner war in Pritzwalk unterwegs, als er ein fürchterliches Gebrüll hörte. „Ein Gebrüll wie von zwei Löwen. Das habe ich noch heute im Ohr“, erinnerte er sich vor Gericht.

Er konnte beobachten, wie der Angeklagte einer Frau, die ihren Hund ausführte, zwei Mal „ordentlich“ auf die Schulter haute. Dann lief er an dem 86-Jährigen vorbei, wild vor sich hin schimpfend, machte er den Rentner an, er bekomme auch etwas ab. Dann hob er das Bein hoch. Der alte Herr konnte die Tritte abwehren, brach sich dabei aber den Arm. „Ich trage ihm nichts mehr nach. Er wirkte auf mich nicht ganz klar im Kopf.“

Angeklagter zeigte sich reuig

Marcel E. entschuldigte sich bei seinen Opfern, auch bei Peter R., den er im August 2019 krankenhausreif geschlagen hat.

Beide teilten sich seit einigen Monaten ein Zimmer im Obdachlosenheim. Aus Sicht von Peter R. war es ein ganz normaler Tag. Demnach war Marcel E. so drauf wie öfter. „Er hat vor sich hingenölt und seine Musik gehört.“

Um jedem Streit aus dem Wege zu gehen, legte er sich ins Bett, drehte sich zur Wand. Plötzlich, „ich wusste nicht, wie mir geschah“, bekam er einen Schlag mit einem Stuhl. Peter R. konnte seinem Angreifer den Stuhl wegreißen, dann schlug Marcel E. weiter mit Fäusten auf den wehrlosen Mann ein.

„Mir flogen die Schneidezähne raus, meine Lippe platzte auf. Ich sah aus, als hätte man ein Schwein geschlachtet“, beschrieb Peter R. Erklären, wie es dazu gekommen war, konnte er nicht.

Er habe Marcel E. nicht provoziert. Er selbst sei nicht „besoffen“ gewesen. Bei seinem Zimmernachbarn jedoch hatte er den Eindruck, dass dieser Halluzinationen hatte. So jedenfalls hatte Peter R. es bei der Polizei gesagt.

Angeklagter rief selbst die Polizei

Der Verletzte schaffte es, aus dem Zimmer zu fliehen und sich im Bad einzuschließen. Offenbar zur Besinnung gekommen, rief Marcel E. die Polizei. „Das einzig Gute, was Sie getan haben“, meinte der Staatsanwalt.

„Die Taten sind gekennzeichnet durch Aggressionsausbrüche, die so schnell gingen wie sie kamen“, sagte der Richter. Sie gehen primär auf seine Schizophrenie zurück, die laut Gutachterin unbehandelt über kurz oder lang zu weiteren Straftaten führen würden.

Dazu kommt noch ein schädlicher Gebrauch von Drogen. Seit seiner Schulzeit konsumiert er Cannabis, später kamen Amphetamine hinzu. Bisher sei er nicht ausreichend behandelt worden, so die Sachverständige. Sie empfahl die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus, um eine kontinuierliche medikamentöse Behandlung zu gewährleisten.

In seltener Einmütigkeit schlossen sich der Staatsanwalt und der Verteidiger diesem Rat an. „Sie bleiben, wo sie sind“, sagte der Staatsanwalt. Seinem Mandanten sei unbegreiflich, wie es zu diesen Taten kommen konnte, so der Verteidiger. Auch er hielt eine Unterbringung für unumgänglich.

Das sah das Gericht genauso. „Sie sind in Ihrem Zustand –unbehandelt – gefährlich für die Allgemeinheit.“

Von Dagmar Simons