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Neuruppin Geschenke hinter Gitterstäben: So ist Weihnachten im Frauenhaus
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Geschenke hinter Gitterstäben: So ist Weihnachten im Frauenhaus
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10:30 24.12.2019
Um die Sicherheit der Bewohnerinnen zu gewährleisten sind die Fenster des Frauenhauses besonders gesichert. Quelle: Feliks Todtmann
Neuruppin

Lineas neues Leben beginnt in einer Nacht im Oktober. Dumpfe Schläge reißen sie aus dem Schlaf. Es ist ihr Partner, der auf sie einschlägt – im gemeinsamen Bett, ohne erkennbaren Grund. Er versucht, die junge Frau zu würgen. „Ich habe um mein Leben geschrien – ich hatte Todesangst“, sagt sie.

Zwei Jugendliche, die zufällig an dem Haus vorbeikommen, hören die Schreie, rufen die Polizei. Oben in der Wohnung schafft es Linea, sich selbst zu befreien und auf die Straße zu fliehen. Die Polizisten fertigen eine Anzeige gegen ihren Partner und fahren Linea zu ihrer Mutter. In ihre Wohnung kehrt sie nicht mehr zurück.

Er bestimmte, wann sie duschen durfte

Für Linea, die in Wirklichkeit anders heißt, endet damals ein Martyrium. Drei Jahre lang dauerte die Beziehung zu dem Mann, vor dem sie eines Nachts in Todesangst würde fliehen müssen. Kurze Zeit später zieht sie nach Neuruppin ins Frauenhaus, wo ihr Ex-Freund sie nicht finden kann. Dabei fing alles ganz normal an.

Sie waren Arbeitskollegen. Er war charmant, machte ihr Geschenke, sie verreisten gemeinsam. Sie waren immer zusammen, immer zu zweit, er wollte es so. „Er sagte mir, es gebe für ihn nur uns“, erzählt Linea. Am Anfang fand sie das romantisch, nach einem halben Jahr wollte sie auch wieder ein eigenes Leben führen.

Lesen Sie auch: Zu wenig Platz in Frauenhäusern in Prignitz und Ostprignitz-Ruppin

Dann begannen die Übergriffe: Wenn sie sich mit Freundinnen treffen wollte, machte er ihr eine Szene. Später hielt er sie mit Gewalt in der Wohnung fest, dann schlug er zu. Irgendwann behielt er ihr Handy ein, verbot ihr den Kontakt zu ihren Eltern. Am Ende bestimmte er sogar, wann Linea duschen durfte.

Sie selbst fand nicht die Kraft, ihren Partner zu verlassen. „Irgendwann kam ich nicht mehr raus“, sagt Linea heute. Nach seinen Gewaltausbrüchen gab er ihr die Schuld, sie würde ihn provozieren. Irgendwann fühlte sie sich tatsächlich verantwortlich für sein Verhalten.

Heike Waldschmidt (47) ist Sozialarbeiterin im Neuruppiner Frauenhaus. Quelle: Feliks Todtmann

„Oft dauert es sehr lange, bis Frauen den Schritt wagen, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu lösen“, erklärt Heike Waldschmidt. Die 47-Jährige arbeitet seit vier Jahren als Sozialarbeiterin im Neuruppiner Frauenhaus.

Dafür gibt es viele Gründe: Scham, Angst, die gemeinsamen Kinder zu verlieren oder die Hoffnung, dass sich der Partner doch noch ändern wird. Manche Frauen brauchen drei oder vier Anläufe, um ihren Mann zu verlassen.

Die Frauen stehen oft vor dem Nichts

Linea hatte zunächst große Angst, ins Frauenhaus zu ziehen: „Ich dachte da herrscht totale Kontrolle, wie in einer Obdachlosenunterkunft“, erzählt sie. Tatsächlich sei das Leben eher wie in einer großen WG. Linea lebt zusammen mit fünf anderen Frauen und insgesamt acht Kindern.

Alle sind aus gewalttätigen Beziehungen und vor übergriffigen Männern geflohen. Alle stehen vor einer ungewissen Zukunft, haben ihr Zuhause und ihr Hab und Gut aufgegeben. „Wir halten hier alle zusammen, die Solidarität unter uns ist riesig.“

Querschnitt der Gesellschaft

Das Frauenhaus in Neuruppin bietet 17 Einzelplätze und drei zusätzliche Notfallplätze. Die Plätze sind eigentlich immer vergeben. Die Frauen kommen aus ganz Deutschland und aus allen sozialen Schichten. „Wir haben hier einen Querschnitt der Gesellschaft“, sagt Heike Waldschmidt.

Die Mehrheit der Bewohnerinnen verbringt die Weihnachtsfeiertage zusammen im Frauenhaus. Die Mitarbeiterinnen haben Geschenke für die Kinder vorbereitet, es gibt eine kleine Weihnachtsfeier. Linea fährt zu ihren Eltern. Sie wünscht sich, dass sie es schafft, sich ein neues Leben aufzubauen – selbstständig. „Jahrelang wurde ich kontrolliert. Ich habe immer noch Angst davor, allein zu leben.“

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Von Feliks Todtmann

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