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Neuruppin Eine Kirmes für die Kirche
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19:00 15.06.2018
Wolfram Händel (l.) und Frank Metzelthin vom Gemeindekirchenrat wollen mit dem Keramikmodell ihrer Kirche weiter Spenden sammeln. Quelle: Peter Geisler
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Nietwerder

Mit diesem Fund hatte Restaurator Thomas Dietenberger kaum noch gerechnet. „Wir haben tatsächlich ein paar Reste der originalen Bemalung entdeckt“, sagt er. Nichts Aufwändiges, keine Schablonenmalereien oder andere reiche Verzierungen. Nur einfache Linien, in verschiedenen Farben. Vor 150 Jahren war schlichter Chic angesagt, auch in einem so markanten Bauwerk wie einer Dorfkirche.

In gelbem Ziegel wurde die Dorfkirche von Nietwerder Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Bei ihrem Entwurf hat der Architekt Friedrich August Stüler (1800 – 1865) mitgewirkt, einer der wichtigsten Baumeister Preußens zu seiner Zeit. Von ihm stammt unter anderem das Neue Museum in Berlin.

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Maler Bodo Neitzel (vorn), Karlheinz Neuenkirchen von Malerfirma Gürtler aus Wolfsbruch beim Innenanstrich der Kirche. Quelle: Peter Geisler

Wolfram Händel ist stolz auf seine Stülerkirche, auch wenn sie heute ein bisschen groß erscheint für den kleinen Neuruppiner Ortsteil. Rund 300 Einwohner hat Nietwerder. „Wir als Kirchengemeinde haben noch 67 Mitglieder“, sagt Händel. Er ist Ortsvorsteher und Chef des Ortskirchenrates in einem.

Vor 150 Jahren wurde die Kirche von Nietwerder geweiht und das will Händel mit einem besonderen Fest feiern, dessen alte Bedeutung fast vergessen ist: Kirmes. Für die meisten Menschen ist das heute Rummel. Dich eigentlich meinet Kirmes etwas anderes: die Weihe für die Kirche.

Den 30. September haben sich die Nietwerderaner für das Fest ausgesucht. Das stimmt zwar nicht ganz genau mit dem Datum überein, an dem die Kirche 1868 erstmals geweiht wurde. Dafür lässt sich das geplante große Dorffest so mit dem Erntedankfest verbinden. Das hatte in den Neuruppiner Ortsteilen zuletzt schon Tradition. In diesem Jahr hat sich allerdings kein Dorf bereit gefunden, ein Erntefest für alle Ortsteile auszurichten. Also hat Händel sie alle zur Kirmes eingeladen.

Schon jetzt sieht das Innere beeindruckend aus – und die Gerüste versperren noch die Aussicht. Quelle: Peter Geisler

Bis dahin müssen die Maler die Kirche noch auf Vordermann bringen. Zum Fest soll das Kirchenschiff in frischem Ocker erstrahlen – der Farbe, die es auch früher hatte. „Auf alten Fotos sieht man auch eine Quadrierung“, sagt Restaurator Dietenberger. Doch von dem typischen Linienraster, das Steine andeuten sollte, hat er keine Reste in den Farbschichten der Wände mehr finden können.

Dafür eben jene feinen Linien, die einst Zierde waren. „Man könnte meinen, dass die Handwerker sie früher mit einem Lineal gezogen haben“, sagt Dietenberger. „Aber das ist nicht so.“ Vor 150 Jahren gab es eine ausgeklügelte Vorrichtung, die die Maler unterstützt hat. Alte Technik, die heute vergessen ist.

Rund 40 000 Euro hat die Kirchengemeinde für die Sanierung. „Das ist nicht gerade üppig“, sagt Joachim Pritzkow, der das Bauvorhaben für die Kirchengemeinde betreut. „Aber wir machen, soweit wir kommen.“ Seine Frau arbeitet mit Ton und hat extra für Nietwerder eine Spendenbox in Form einer Kirche angefertigt.

Joachim Pritzkow, Wolfram Händel, Frank Metzelthin und Thomas Dietenberger (von rechts) bewundern die Kirche. Quelle: Peter Geisler

„Die sieht fast besser aus als das Original“, frotzelt Baufachmann Pritzkow. Händel hofft, mit der Spendenbox noch ein bisschen Geld zusammenzubekommen, um die Sanierung im Inneren endlich abschließen zu können. Der Chorraum wurde schon 2012 einmal saniert; seitdem ruhten die Arbeiten. Inzwischen hat die Malerei von damals schon wieder Schäden, die jetzt ausgebessert werden sollen.

Noch im Juni sollen die Gerüste der Maler abgebaut werden. Am 1. Juli will die Gemeinde mit allen die vor 50, 60 oder 70 Jahren in Nietwerder konfirmiert wurden, eine Jubelkonfirmation feiern. Gottesdienste sind inzwischen selten geworden in Nietwerders Kirche, da wird jede Gelegenheit genutzt.

Alle zwei Monate findet vielleicht noch einer statt. Nietwerder gehört heute zur Gesamtkirchengemeinde Protzen-Wustrau-Radensleben. Die hat 1400 Mitglieder und ein Dutzend Kirchen. Nietwerder mit seinen 67 Christen ist nur ein kleiner Teil.

Von Reyk Grunow

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