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Neuruppin Nach Tierquälerei im Hakenberger Schlachthof: Gemischte Reaktionen
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Nach Tierquälerei im Hakenberger Schlachthof: Gemischte Reaktionen
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00:21 12.11.2018
In dieser Woche sind verstörende Aufnahmen aus der Hakenberger Fleisch GmbH öffentlich geworden.
In dieser Woche sind verstörende Aufnahmen aus der Hakenberger Fleisch GmbH öffentlich geworden. Quelle: Peter Geisler
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Hakenberg

Das Fleisch der Hakenberger-Fleisch-Gesellschaft sei „die erste Wahl der lokalen Spitzengastronomie“. So steht es auf der Internetseite des Neuruppiner Hotels Resort Mark Brandenburg. Darunter der Hinweis: „Aus aktuellem Anlass beziehen wir kurzfristig unser Fleisch von einem anderen Lieferanten, bis sich die Situation bei der Firma Hafleg geklärt hat“.

Gravierende Verstöße gegen den Tierschutz

Denn bei dem bis dahin vielen als vorbildlich geltendem Schlachtbetrieb, der mit dem Spruch „Rind & Lamm vom Feinsten“ wirbt, sind in dieser Woche gravierende Verstöße gegen das Tierschutzrecht bekanntgeworden. Das Veterinäramt Neuruppin entzog dem Unternehmen die Schlachterlaubnis, nachdem die Tierschutzorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) verstörende Aufnahmen aus dem Schlachthof veröffentlichte. Der Betrieb entließ Mitarbeiter. Die Staatsanwaltschaft ermittelt (die MAZ berichtete).

Ex-Chef der Köche-Nationalmannschaft: absolutes No-Go

Wie aber gehen nun diejenigen mit diesen Nachrichten um, die das Fleisch aus Hakenberg beziehen oder dort ihre Tiere schlachten lassen? Einen transparenten Umgang mit dem Thema legt Matthias Kleber an den Tag. Und zwar nicht nur im Internet. Auch persönlich nimmt der Küchenchef im Resort Mark Brandenburg kein Blatt vor den Mund. „Es ist ein Schock und absolutes No-Go, was auf den Bildern zu sehen ist. Das können wir nicht akzeptieren.“ Andererseits will Kleber dem Betrieb, der seit Jahren kulinarischer Partner seiner Küche ist, unbedingt eine Chance geben, sich zu rehabilitieren. Es tue ihm leid, dass das Unternehmen unter „ein, zwei Idioten leiden muss, die den Respekt vor Tieren verloren haben.“

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Fleischqualität deutet auf gute Behandlung hin

Er sei von der Gesamtphilosophie und der Tierhaltung von Hafleg dennoch total überzeugt, sagt der ehemalige Teamchef der Deutschen Nationalmannschaft der Köche. Weil er den Betrieb „in- und auswendig“ kennt und weil das Fleisch von dort, das zum Spitzenspektrum dessen gehöre, was in Deutschland produziert wird, nie Makel hatte. „Wir haben damit Goldmedaillen mit der Nationalmannschaft gewonnen.“ Das wäre aus seiner Sicht sicher nicht passiert, wenn die Tiere vor ihrer Tötung gestresst gewesen wären. Denn darunter würde die Qualität leiden. Im Spitzenspektrum, in dem sich die Hakenbeger bewegen, würde man das unbedingt merken.

Küchenchef fordert Konsequenzen

Kleber fordert dennoch, dass das Unternehmen weitere Konsequenzen aus den Vorfällen zieht. Das könnte aus seiner Sicht eine bessere Dokumentation des Schlachtungsprozesses sein, eine bessere Schulung oder vielleicht auch engmaschigere Kontrollen der Behörden. Kleber stellt an dieser Stelle auch die Frage nach Verantwortung: Schließlich sei bei jeder Schlachtung auch ein Tierarzt dabei. Für ihn ist es unbegreiflich, dass sich in Hakenberg dennoch solche Szenen abgespielt haben können.

Biokonsum: In anderen Schlachthöfen ist es schlimmer

Als Oliver Prokop von den Vorfällen in Hakenberg hörte, war es für ihn ebenfalls „superseltsam“ und „unverständlich“. Der Inhaber des Neuruppiner Biokonsum, der auch Landwirt und Tierhalter im Nebenerwerb ist, lässt seine Tiere nämlich genau dort schlachten – und hat nie etwas Negatives beobachtet. Eher Gegenteiliges. Als ein Bauer einmal beim Treiben auf die Schlachtbank nicht ganz so behutsam mit seinen Tieren umgeht, greifen die Hafleg-Mitarbeiter sofort ein, erzählt Prokop, der jedes Mal dabei ist, wenn seine Schafe nach Hakenberg kommen. Auch sonst seien diese „sanft und gut“ zu den Tieren gewesen. „In anderen Schlachthöfen gibt es ganz andere Zustände“, konstatiert Prokop. Es ärgert ihn deshalb auch ein bisschen, dass ausgerechnet ein öko-zertifizierter Betrieb in Schlagzeilen gerät. „Das ist ja nicht gerade Bombenwerbung für Bio.“

Schlachthofschließung bringt Tierhalter in Bedrängnis

Ihn bringt die Nachrichtenlage in Bedrängnis. Denn die Hafleg sei die einzige Bio-Schlachterei für Schafe und Lämmer weit und breit. „Wenn sie jetzt geschlossen ist, weiß ich nicht, was ich mache.“ Prokop muss schnell handeln. Ausgerechnet nächste Woche steht einer seiner beiden Schlachttermine im Jahr an. Er werde jetzt mit seinen Tieren, die nur wenige Kilometer von Hakenberg entfernt weiden, vermutlich wohl oder übel weite Wege in Kauf nehmen müssen. Das widerspricht seinem Konzept, das unter anderem auf kurzen Wegen aufbaut, und wirkt sich negativ auf den Fleischgeschmack aus. „Es ist mir wichtig, dass meine Tiere ruhig und stressfrei den letzten Weg gehen.“

Ökohof Kuhhorst: Bisher keine Probleme aufgefallen

Auch für Frank Jeromin ist das entscheidend und auch er hat bislang nichts Negatives im Zusammenhang mit Hakenberg aufgefallen. „Wenn Tiere Stress haben vor der Tötung, geht es knallhart auf die Qualität“, sagt der Geschäftsführer des bio-zertifizierten Ökohofs Kuhhorst, der seine Tiere in Hakenberg schlachten lässt und Waren in der Region, aber auch in vielen Läden der Hauptstadt vertreibt. Das wäre absolut kontraproduktiv für den Ökohof, der sich vorher „alle Mühe gibt, dass es den Tieren gut geht“. Die Vorgänge in Hakenberg verurteilt Jeromin und kündigt an: „Wir werden uns mit den Problemen bei Hafleg ernst auseinandersetzen“.

Havelland-Express: Kein Verkauf mehr vom Hakenberg-Fleisch

Neben diesen Betroffenen gibt es noch eine ganze Reihe weiterer. Dazu gehört der Bio-Gastronomiehändler Havelland-Express, der seine Waren in Deutschland, aber auch im weiteren Europa vertreibt. Dieser zeigte sich ebenfalls „schockiert“ und verkauft ab sofort keine Produkte mehr aus Hakenberg. Das Fleisch dieses Anbieters wird unter anderem im Dachgarten-Restaurant des Bundestags serviert, das von dem Feinkost-Unternehmens Käfer betrieben wird. Derzeit steht dort das Linumer Kalb auf der Speisekarte.

Wie die Bundestagsköche mit dem Skandal umgehen wollen, blieb offen. Das Restaurant verwies lediglich darauf, dass es als Endverbraucher auf die Versprechen ihrer Lieferanten vertrauen müsse, dass dem Unternehmen aber Tierwohl wichtig sei. Die Käfer-Gruppe äußerte sich nicht zu dem Thema.

Die Fleischerei Dülfer, die ebenfalls Fleisch aus Hakenberg bezieht, war gestern für die MAZ nicht zu erreichen. Andere Betriebe wie das Restaurant im Schloss Ribbeck oder Schwarze Kuh aus dem Havelland, die ihre Angus-Rinder komplett vermarktet, wollen sich erst noch mit der Kritik an den Vorfällen in Hakenberg näher befassen, bevor sie Näheres sagen. „Ich bin aber schon entsetzt über das, was dort passiert sein soll“, sagt Frank Wasser, Geschäftsführer von Schloss Ribbeck.

Von Celina Aniol