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Neuruppin Nach Jahren der Obdachlosigkeit: Eigene Wohnung in Dreetz
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin

Sterntaler Neuruppin: Hilfe für Obdachlose

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19:22 07.12.2020
Die Wohnung ist Dreetz ist „einwandfrei“, findet Bernd Andriof. Manchmal vermisst er jedoch die Stadt.
Die Wohnung ist Dreetz ist „einwandfrei“, findet Bernd Andriof. Manchmal vermisst er jedoch die Stadt. Quelle: Frauke Herweg
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Neuruppin/Dreetz

Kein Zoff mehr um das Fernsehprogramm. Kein lästiges Befeuern des Kohleofens mehr. Lutz Schewe hat endlich die Ruhe, die er sich so lange gewünscht hat.

Zehn Jahre hat der ehemalige Wittstocker in einer von der Neuruppiner Obdachlosenunterkunft K6 betriebenen Unterkunft für trockene Alkoholiker gelebt. Im Oktober zog er nach Dreetz. Die erste eigene Wohnung nach vielen Jahren. Schewe ist erleichtert: „Ich muss auch mal Ruhe haben.“

Lutz Schewe hat sich Ruhe gewünscht – in Dreetz hat er sie gefunden. Quelle: Frauke Herweg

Schewes neues Zuhause ist karg eingerichtet. Traumfänger schmücken die Wand an seinem Bett. Der frühere Elektriker und Facharbeiter für Anlagentechnik würde seine Wohnung nicht Neuanfang nennen – da ist er vorsichtig. „Man muss sehen, wie weit ich klarkomme.“ Bislang läuft es bestens.

Ohne die Mitarbeiterinnen des K6 hätte Lutz Schewe den Umzug nach Dreetz nicht geschafft. Sie organisierten die Wohnung, die dem Träger des K6, der Diakonie Ostprignitz-Ruppin, gehört. Sie stellten auch alle Anträge, die nötig sind, wenn ein Mensch fast ohne Besitz in eine eigene Wohnung zieht.

Hilfe auch im Alter

„Die neue Wohnung ist auch eine Chance“, sagt K6-Mitarbeiterin Birgit Boerger. Ende Oktober hatte die Diakonie die Unterkunft für trockene Alkoholiker in der Erich-Mühsam-Straße aufgegeben. Für alle Bewohner suchten die K6-Mitarbeiterinnen ein neues Zuhause – auch für Schewe. In Dreetz, wo die Diakonie auch eine WG und eine Tagespflege anbietet, wurden sie fündig. Schewe ist gesundheitlich angeschlagen. Sollte er irgendwann auf tägliche Hilfe angewiesen sein, so wäre die Hilfe in Dreetz nur ein paar Haustüren weit entfernt.

26 Frauen und Männer wohnen derzeit in der Neuruppiner Obdachlosenunterkunft K6 – die jüngste Bewohnerin ist 19 Jahre alt, der älteste Bewohner 72. Anders als Schewe ist kaum jemand zu einem weitgehend selbstständigen Leben in der Lage. Ein Teil der K6-Bewohner ist inzwischen in einem Alter, in dem er auf Pflege angewiesen ist – sechs der Bewohner haben eine Pflegestufe. Bei anderen sind die Probleme so vielfältig, dass sie mit einer eigenen Wohnung überfordert wären.

Obdachlosenunterkunft hilft beim Umzug

Stabilisiert sich jemand so, dass er in einer eigenen Wohnung zurechtkommen würde, versuchen Birgit Boerger und ihre Kollegin Sabine Zellmer beim Umzug in ein neues Zuhause zu helfen. Denn die finanziellen Hilfen reichen für die Einrichtung der neuen Wohnung oftmals nicht aus. Wer von Grundsicherung lebt, erhält zwar bei einem Umzug einen Gutschein für ein soziales Möbelkaufhaus. „Dübel, Wandfarben oder Glühbirnen kosten jedoch auch“, sagt Zellmer.

Sterntaler in Neuruppin

Die Aktion Sterntaler ist eine Hilfsaktion der Märkischen Allgemeinen Zeitung zur Weihnachtszeit. Wir sammeln Spenden, um soziale und gemeinnützige Projekte zu unterstützen oder um Notleidenden direkt zu helfen. Sterntaler Neuruppin gibt es seit 15 Jahren.

Das Diakonische Werk Ostprignitz-Ruppin ist Partner der MAZ-Aktion Sterntaler in Neuruppin und Kyritz. Die Diakonie führt das Spendenkonto und stellt auf Wunsch Spendenquittungen aus.

Sterntaler Neuruppin sammelt in diesem Jahr für insgesamt drei Projekte:– 100 Familienpakete mit Leckereien für die Bedürftigen der Neuruppiner Tafel– Hilfe für aktuelle und ehemalige Bewohner der Obdachlosenunterkunft K6– Spenden für den Förderverein der Musikschule, der damit die Instrumentenausbildung von Kindern aus sozial schwachen Familien finanziert.

Spenden können Sie auf das Konto der Diakonie Ostprignitz-Ruppin überweisen, IBAN DE66160502021001008614, Verwendungszweck: Sterntaler Neuruppin

 Oft kann das K6 mit Spenden weiterhelfen – mit Bettwäsche, Geschirr oder Töpfen, die Neuruppiner vorbeigebracht haben. „Die Spendenbereitschaft ist hoch“, sagt Sabine Zellmer. Gerade Geschirr wird gebraucht.

Freiheiten, die er vorher nicht hatte

Bernd Andriof hat wie Lutz Schewe lange in der Unterkunft in der Erich-Mühsam-Straße gelebt. Auch er fand in Dreetz ein neues Zuhause. „Einwandfrei“ sei die Wohnung, sagt der 69-Jährige. Auch er genießt Freiheiten, die er vorher nicht hatte. Endlich muss er beim Essen keine Rücksichten mehr auf die Vorlieben seiner Mitbewohner nehmen.

Bernd Andriof hat eine Wohnung in Dreetz gefunden - lange hatte er in der Neuruppiner Obdachlosenunterkunft in der Erich-Mühsam-Straße gewohnt. Quelle: Frauke Herweg

Nach der Wende war der ehemalige Melker ins Straucheln geraten. Als er 1994 seinen letzten Job als Melker verlor, geriet sein Leben aus den Fugen. Nach der zweiten Therapie und einigen Zwischenstationen kam er schließlich in der Obdachlosenunterkunft für trockene Alkoholiker unter. Regelmäßig ging er in die Stadt, um Bekannte zu treffen. Andriof wollte nicht in der Unterkunft versauern.

Im dörflichen Dreetz vermisst er die Stadt. Keine Einkaufsgelegenheit und niemand auf der Straße. Bernd Andriof muss den Bus nehmen, um für sich und Schewe einzukaufen. Er hofft auf ein Fahrrad. Denn mit einem Rad wäre er schnell in Neustadt. Er setzt auf die Hilfe vom K6. Im Frühjahr. Wenn das Wetter besser ist.

Von Frauke Herweg