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Neuruppin Die neuen Stromzähler in Neuruppin wissen (fast) alles
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00:57 24.12.2018
Maximilian Paul bereitete die Umstellung auf die modernen und intelligenten Geräte bei den Stadtwerken vor – eine Herausforderung.
Maximilian Paul bereitete die Umstellung auf die modernen und intelligenten Geräte bei den Stadtwerken vor – eine Herausforderung. Quelle: Peter Geisler
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Neuruppin

Martin Müller steht früh auf, um 4.45 Uhr. Anderthalb Stunden später verlässt er seine Wohnung. Zurück ist er gegen 16 Uhr. Er mag Tiere, hat ein Aquarium. Abends sitzt er von 19 bis 21.30 Uhr vor dem Fernseher, dann geht er schlafen, am Wochenende zwei Stunden später. Vom 17. Oktober bis 2. November war er im Urlaub, und am 17. Juli hat er eine Party gefeiert, bis morgens um 4 Uhr. Seine Waschmaschine ist alt, sein Fernseher auch, sie brauchen viel Energie.

Selbst Martin Müllers Freunde kennen nicht so viele Details aus seinem Privatleben – sein Stromanbieter schon. Er registriert genau, wann Martin Müller wie viel Strom verbraucht.

Noch ist Martin Müller eine fiktive Person. Der gläserne Kunde könnte aber bald Wirklichkeit sein. Moderne Zähler machen es möglich. Die schwarzen Kästen mit der rotierenden Metallscheibe, die jeder aus seiner Wohnung kennt, haben ausgedient. Schon bald werden wir alle moderne, elektronische Messgeräte bekommen. Die können viel mehr als die alten.

Der Stromverbrauch wird alle 15 Minuten registriert

„Bisher hatten wir immer nur einen Messwert von jedem Verbraucher“, sagt Guido Gerlach, der Vertriebschef der Stadtwerke Neuruppin: „Künftig gibt es 35.000 Messwerte.“ Die alten Zähler wurden einmal im Jahr abgelesen. Moderne Zähler registrieren den Stromverbrauch alle Viertelstunde und speichern ihn ab, zwei Jahre lang. Bis 2020 sollen rund 80 Prozent aller Verbraucher so ein Gerät haben, 2032 dann alle. Die Betreiber der Leitungen sind verpflichtet, sie einzubauen.

Die neuen Geräte gibt es in zwei Varianten. Die einfachere registriert den Stromverbrauch und speichert ihn ab. Über ein kleines Display kann der Kunden ablesen, wie viel Strom er im Jahr, im Monat oder in einer Woche verbraucht hat. Die „intelligente“ Variante sendet alle 15 Minuten Messwerte automatisch an den jeweiligen Betreiber des Stromnetzes.

Alle Zähler werden ausgetauscht

Wer welche Art des elektronischen Zählers bekommt, hängt vom Stromverbrauch ab, sagt Maximilian Paul. Er beschäftigt sich bei den Neuruppiner Stadtwerken seit zwei Jahren mit der Umstellung auf die neue Technik.

Wer weniger als 6000 Kilowattstunden Strom im Jahr verbraucht, bekommt erst einmal die einfache Variante des modernen Zählers. Wer mehr Strom bezieht, bekommt einen Zähler mit Sendeeinrichtung installiert. Das gilt auch für Kunden, die mit Solar-, Windkraft- oder andere Anlagen viel Energie ins Netz einspeisen.

Wer ein neues Haus baut, bekommt die modernen Zähler schon jetzt eingebaut. Bei allen anderen steht die Umrüstung demnächst an. 18.000 Stromkunden haben die Stadtwerke Neuruppin. Etwa jeder Zehnte soll bis 2020 ein modernes Gerät bekommen.

Die Sicherheit ist ein Problem

Auch die Edis bereitet sich auf den Einbau der neuen Zähler für ihre 1,3 Millionen Kunden vor, sagt Firmensprecher Michael Elsholtz. Ein Problem: Für die einfache Variante gibt es mehrere Hersteller. Für die Zähler, die ihre Messwerte automatisch versenden, noch nicht.

Damit niemand unerlaubt die privaten Daten abhören kann, müssen die verschlüsselt werden. Erst am Donnerstag hat das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnologie ein erstes Sendemodul nach ausgiebigen Test zugelassen. Einbauen dürfen die Netzbetreiber diese Geräte aber erst, wenn es drei zugelassene Module auf dem Markt gibt, sagt Elsholtz. Das könnte noch Monate dauern.

Bei der Deutschen Zähler-Gesellschaft (DZG) in Oranienburg boomt das Geschäft mit den neuen Zählern. Das Unternehmen ist einer von sieben Herstellern der modernen Geräte in Deutschland, der einzige in Brandenburg.

Eine Herausforderung, auch für die Hersteller

Die DZG stellt seit 100 Jahren Stromzähler her. 350.000 bis 400.000 Geräte sind es im Jahr, sagt Vertriebschef Gunter Trabalski. Bisher waren es vor allem die sogenannten Ferraris-Zähler mit drehender Scheibe und ein paar tausend elektronische Geräte. „Das Verhältnis war etwa 90 zu zehn“, schätzt Trabalski. 2018 hat es sich umgekehrt; jetzt sind fast nur noch elektronische Zähler gefragt.

Auch für die Hersteller ist die Pflicht zur Umrüstung eine Herausforderung. „Das hat alle eiskalt getroffen“, sagt Trabalski: „Man schätzt, dass bisher etwa vier Millionen Zähler umgestellt sind.“ In ganz Deutschland soll es 80 Millionen davon geben.

Kunden zahlen erst einmal mehr

Die neuen Zähler sind teurer. Statt bisher 11,77 Euro zahlen Kunden dafür wenigstens 20 Euro im Jahr. Teurer wird es bei den Stadtwerken ebenso wie bei der Edis. „Wir unterliegen der Kontrolle durch die Bundesnetzagentur“, sagt Edis-Sprecher Elsholtz. Die Preise sind vorgegeben.

Auf Dauer sollen die teureren Geräte helfen, Geld zu sparen. Wenn Firmen wissen, wer wann wie viel Strom braucht, könnten sie besondere Tarife anbieten, sagt Maximilian Paul von den Stadtwerken: einen Sonderrabatt auf Solarstrom bei viel Sonnenschein oder einen Rabatt zum Geburtstag. Oder die intelligenten Zähler könnten als Alarmanlage dienen: Wenn in der Wohnung Strom verbraucht wird, obwohl die Mieter im Urlaub sind, meldet das der Zähler. So ist jedenfalls die Theorie.

Von Reyk Grunow

21.12.2018