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Neuruppin Tucholsky-Abend im Resort
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13:35 06.10.2018
Walfriede Schmitt und Conny Bauer geben im Neuruppiner Resort Mark Brandenburg einen Tucholskyabend. Quelle: Regine Buddeke
Neuruppin

Die Posaune knarzt und grummelt, furzt und grollt. Fast könnte man meinen, da stampft-trompetet ein Elefant durch den Dschungel. Eine befremdliche Vorstellung in der Lobby des Resort Mark Brandenburg, in deren chilligen Sesseln die gut 50 Zuhörer förmlich hingegossen lümmeln, während rundherum die Hotelgäste zwischen Eingang, Rezeption und Lift pendeln.

Es ist eine völlig andere Bühne, als Walfriede Schmitt und Conny Bauer sie kennen. Die Schauspielerin spielte einst an diversen großen Bühnen, gehörte 22 Jahre der Berliner Volksbühne an und arbeitete mit namhaften Theaterleuten wie Benno Besson, Heiner Müller, Matthias Langhoff, Frank Castorf, Christoph Schlingensief und Johann Kresnik zusammen. Posaunist Conny Bauer stand mit der Modern Soul Band und im Ernst-Ludwig-Petrowsky-Quartet auf der Bühne – Bauer ist kein Unbekannter in der Freejazz-Szene, in der er sich auch mit seinen freien Improvisationen einen Namen machte.

Walfriede Schmitt und Conny Bauer stehen mit Tucholsky-Texten auf der Bühne

Nun also Neuruppin und – es muss nicht immer Fontane sein – ein Tucholsky-Abend. Die einläutenden Elefantenklänge aus Bauers Posaune klingen witzig und weisen gleich die Richtung. Tucholsky war keiner, der bierernste Texte schrieb. Ernst im Thema schon – scharfzüngig nahm der Verfasser der allbekannten Rheinsberg-Novelle seine Zeit und seine Mitmenschen aufs Korn – aber stets mit messerscharfem Blick, beißendem Spott, nadelspitzer Ironie oder auch hinterhältigem Sarkasmus.

„Ich finde diesen Mann und seine Texte so Wahnsinn“, schwärmt Walfriede Schmitt. „Wie er in seine Welt und seine Mitmenschen so tief hineingeschaut hat.“ Wann und wie sie auf ihn gestoßen ist? „Der war doch immer da“, sagt sie. Das Programm habe sie vor etwa zwei Jahren mit ihrer Schauspielkollegin Nicole Haase erarbeitet.

Schmitt beginnt mit „Dämmerung“. Die Zeit hat etwas Gespensterhaftes – eröffnet sie und trifft damit ins Schwarze. Tucholskys Texte sind so aktuell, dass es fast gruselig ist. Sehr nachdenklich klingt dann auch die Posaune – zart, wie vom Nebel gedämpft. Conny Bauer lässt sich von den Stimmungen der Tucholsky-Texte zu freien Improvisationen inspirieren.

Tucholsky ist heute oft erschreckend aktuell

„Watt soller denn ma werden?“, legt die Aktrice nach – es ist der gleichnamige Text, der das Beamtentum seziert. „Ihr Junge ist der Mensch, der ... immer, immer Ausreden sucht, findet, erfindet ... kurz, der eine gewaltige Scheu vor der Verantwortung hat? Ja, dann gibt es nur eines. Lassen Sie ihn Beamten werden. Da trägt er die Verantwortung, aber da hat er keine“, ätzt Schmitt in einem waschechten schnodderigem „Ballinisch“, das sich gewaschen hat. Genauso muss man sich Tucholskys Texte vorstellen. Ein fest für die Schmitt. Sie verzieht kaum eine Miene und lässt die Texte trocken und ungebremst ins Publikum prasseln. Das lächelt oder kichert immer wieder amüsiert, so sehr hat Tucholsky den Nagel auf den Kopf getroffen.

Wenn der Beamte als Minister mal was in den Sand setzt? Dann gibts erst mal nen langen Auslandsurlaub – bis Gras über die Sache gewachsen ist und das Feld bereitet für eine Stellung als Aufsichtsrat, Staatssekretär oder gar Präsident. Assoziationen zu diversen Politikern der Neuzeit keimen auf –und die Idee, man hätte im Falle Maaßen einfach noch ein bisschen länger warten sollen. Und einmal mehr wird klar: Geschichte wiederholt sich. Oder hat sie nie geändert.

Conny Bauers Posaune untermalt das – kann man das Instrument wohl als Allegorie auf die Posaunen des Jüngsten Gerichtes verstehen? Vielleicht zu vermessen, weil Tucholsky jemand war, der gerne lebte und alles andere als ein fanatischer Missionar war. Ein Mahner schon. Einer, der genau sah, wohin Deutschland damals hinsteuerte und dagegen anschrieb. Die Posaune klingt plötzlich wie eine überlebensgroße Schmeißfliege –enervierend summt sie mit aufreizender Penetranz um die Hundehaufen der Geschichte. Es könnte auch eine Mücke sein – mit gezücktem Stachel, um da zu stechen, wo es weh tut.

Conny Bauer improvisiert auf der Posaune zur jeweiligen Textstimmung

Walfriede Schmitt plaudert weiter: „Der Mensch – ein Schulaufsatz“. Es geht um die Spezies, die nie ohne Fahne anzutreffen ist und sich am liebsten „zu Klumpen zusammenballt“, um dann die fremden Klumpen zu hassen, weil sie fremd sind. Und die eigenen auch – das nennt sich dann Patriotismus, höhnt Tucholsky alias Schmitt. Neben den Menschen gäbe es noch Sachsen und Amis“, steht im Aufsatz – einmal mehr schmunzelt das Publikum.

„Nein, zärtlich bist du nicht“, wispert, seufzt, piepst und schmollt die Schmitt. Dann eine zarte Klage über den vergeblichen Versuch, ein Wort zu finden für das Geräusch, das Birkenblätter machen. „Augen in der Großstadt“ – das kennen viele aus der Schullektüre. Wieder ein wenig Politik: „Die Wahl ist der Rummelplatz des kleinen Mannes“, röhrt die Schmitt und macht plastisch erlebbar, wie sie sich als Wahlvorbereitungs-Maßnahme von Partei-Stand zu Partei-Stand durchsoff.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich ... das einer alles hat, das ist selten“, mit diesen klugen Tucholsky-Worten beendet sie den heiter-nachdenklichen Abend.

Von Regine Buddeke

Der Neuruppiner Björn Gürgens hat einen relativ seltenen Beruf – er ist Berufsjäger. In der Fontanestadt betreibt er eine Jagdschule, um sein Wissen und seine Erfahrungen vor allem auch an jüngere Jagdliebhaber weiter zu geben.

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