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Neuruppin Neue Glocken dank Kirchen-Abriss
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Neue Glocken dank Kirchen-Abriss
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00:21 20.01.2019
Der Rost deutet es schon an: Den stählernen Glocken in der Kirche von Alt Ruppin geht es nicht gut. Das Angebot aus Hamburg-Wilhelmsburg kommt genau richtig. Quelle: Peter Geisler
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Alt Ruppin

Des einen Freud ist des anderen Leid, sagt der Volksmund. Auf Alt Ruppin trifft das wohl zu. Die Kirchengemeinde dort hat Grund, sich zu freuen. Leiden muss dafür eine evangelische Kirchengemeinde in Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg.

Die Nikolaikirche von Alt Ruppin könnte in diesem Jahr vier neue Glocken bekommen. Sie hängen bisher in einer Kirche in Hamburg. Doch die soll demnächst abgerissen werden.

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Gregor Hamsch haben die Alt Ruppiner den Glücksfall zu verdanken. Hamsch verstärkt seit dem vergangenen Jahr die Pfarrer in der Gesamtkirchengemeinde Ruppin als Geschäftsführer. Über einen Bekannten hatte er 2018 gehört, dass in Hamburg gebrauchte Bronzeglocken abzugeben sind.

Alt Ruppins Kirchenglocken sind ein Problemfall

Als die Frage stand, wer die gern haben würde, hat sich Gregor Hamsch sofort gemeldet. „Die Kirche in Alt Ruppin hat natürlich Glocken“, sagt er. Doch die sind in einem sehr bedenklichen Zustand.

Das Alt Ruppiner Kirchengebäude stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Auch die Glocken im Turm waren alt. Doch wie viele Gemeinden in ganz Deutschland mussten auch die Alt Ruppiner ihr Geläut in Kriegszeiten abgeben. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken demontiert und eingeschmolzen.

In der DDR war Bronze knapp

Nach 1945 hat Alt Ruppiner Gemeinde neue Glocken bekommen. „Aber in der DDR waren Rohstoffe knapp“, sagt Hamsch. Die Glocken seien deshalb nicht aus teurer Bronze gegossen worden, sondern aus sogenannten Apolda-Stahl. „Bronzeglocken sind hier in der Region ziemlich selten“, sagt Horst Kremp, Baufachmann im Gesamtgemeindekirchenrat Ruppin.

Der Apolda-Stahl enthält aber besonders viel Kohlenstoff, was dazu führt, dass die Glocken nur eine begrenzte Lebenserwartung haben, sehr groß und schwer sind und sich kaum reparieren lassen.

Über die beiden Glocken in der Alt Ruppiner Kirche zieht sich eine deutliche Schicht aus Rost. Eigentlich müssten sie jetzt ausgetauscht werden.

Kirche in Hamburg wird jetzt entwidmet

Die evangelisch-lutherische Gemeinde Reiherstieg in Hamburg-Wilhemsburg hatte sich schon vor Jahren entschlossen, sich von einer ihrer Kirchen zu trennen. „Das war ein schmerzlicher Prozess und ist es noch“, sagt Pastor Vigo Schmidt aus Wilhelmsburg. Doch letztlich sah die Gemeinde bei drastisch geschrumpften Mitgliederzahlen und steigenden Kosten keine Alternative, als sich von der Paul-Gerhardt-Kirche zu trennen.

Am nächsten Sonntag, 20. Januar, soll sie feierlich entwidmet werden. „Die Alt Ruppiner fahren mit einer kleinen Delegation zu dem Gottesdienst“, sagt Gregor Hamsch. Auch er wird dabei sein.

Noch gibt es keinen Vertrag

In wenigen Wochen soll die Kirche in Hamburg dem Erdboden gleich gemacht werden. Deshalb hatte die dortige Gemeinde schon lange nach anderen Gemeinden gesucht, die Teile der Einrichtung nachnutzen würden. Pastor Schmidt ist froh, dass die Gespräche mit Alt Ruppin so erfolgreich gelaufen sind: „Ein Vertrag ist noch nicht unterzeichnet“, sagt er. „Aber es sieht sehr gut aus.“

Die Alt Ruppiner sind dankbar für die Glocken. Allerdings muss erst die Denkmalbehörde grünes Licht geben, bevor sie eingebaut werden dürfen, sagt Hamsch. Sollte die Behörde zustimmen, könnte es aber noch in diesem Jahr klappen.

Auch Langen hatte gehofft – auf die Orgel

Nicht ganz so gut sieht es für die Kirchengemeinde Protzen-Wustrau-Radensleben aus. Sie hatte gehofft, die Orgel aus der Kirche im Hamburg für die Stülerkirche in Langen zu bekommen. „Aber das klappt leider nicht“, sagt Pastor Vigo Schmidt jetzt.

In der Kirche von Langen stehen nur noch ein paar Reste der einstigen Orgel. Spielbar ist die längst nicht mehr. Das Instrument aus der Hamburger Paul-Gerhardt-Kirche wäre dort sehr gelegen gekommen. Aber natürlich hätte auch die Langener erst noch fragen müssen, was die Denkmalbehörde zu einem möglichen Umbau sagt, räumt Pfarrerin Rose Möllhoff-Mylius ein. Ohnehin wäre unklar, was ein solcher Orgelumzug kosten würde. Doch diese Frage stellt sich dort erst einmal nicht.

Denkmalbehörde muss erst zustimmen

Die Kosten für den Umzug der Glocken von Hamburg nach Alt Ruppin samt Einbau schätzt Gregor Hamsch auf rund 30.000 Euro. Sollten die Denkmalbehörde zustimmen, hätte Alt Ruppin damit bald das größte Geläut im gesamten Kirchenkreis Wittstock-Ruppin. Eine kleine Uhrenglocke aus Bronze gibt es schon jetzt, vier weitere kämen hinzu. So viele Glocken hat nicht einmal die Klosterkirche.

Von Reyk Grunow