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Neustadt Frauenpower im Neustädter Wasserturm
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neustadt Frauenpower im Neustädter Wasserturm
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08:08 25.08.2018
Seit 2007 führt Andrea Steiner das Bistro im Wasserturm in Neustadt. Täglich kocht die Neustädterin Mittagsgerichte. Unterstützung hat sie von Corina Wedinger. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti
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Neustadt

Wegen 60 Kohlrouladen musste das Interview verschoben werden. Am nächsten Morgen schmoren sie in einem Riesenbräter. „Was ich mittags koche, überlege ich den Tag zuvor. Da es dauert, Rouladen zu wickeln, musste ich gestern schon vorbereiten und Termine absagen“, sagt Andrea Steiner, die seit elf Jahren das „Bistro im Wasserturm“ in Neustadt führt.

Der achteckige Turm wurde um 1900 als konventioneller Massivbau von der Reichsbahn errichtet, steht direkt am Bahnhof der Pferdestadt und ist nicht zu übersehen. „Früher diente er zur Betankung der Dampfloks“, erzählt die taffe Geschäftsfrau. Im Dachgeschoss standen die großen Wassertanks, in die 100 000 Liter passten.

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Blick ins Bistro. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Erfüllte der Turm zu DDR-Zeiten noch seinen Zweck, wurde er nach der Wende nicht mehr gebraucht. „2005 haben wir ihn von der Deutschen Bahn gekauft.“ Ein Mammutprojekt begann, denn der Bau war in einem maroden Zustand: Fenster kaputt, das Mauerwerk verrußt und geschädigt, Dachhaut und Holzfußböden verbraucht. Zusammen mit ihrer Familie und unter der Leitung eines Architekturbüros sanierte Andrea Steiner den Wasserturm umfassend.

Die Fachwerkkonstruktion unterm Dach war besonders in Mitleidenschaft gezogen worden, sagt die Neustädterin: „Das Mauerwerk war durchweg nass. Jeder Stein musste abgenommen werden.“ Die Tanks im Obergeschoss des 164 Quadratmeter großen Wasserturms blieben aufgrund des Denkmalschutzes erhalten. Im ersten Obergeschoss entstand eine Wohnung, darunter ein Bistro mit kleinem Gastraum.

Sie zählten die vorbeifahrenden Autos

„Wir hatten damals die Autos gezählt, die hier verkehrten“, erzählt Andrea Steiner rückblickend, „und gemerkt, dass an dieser zentralen Stelle noch was her musste. Nur die Tankstelle war zu wenig.“ Das Bistro wollte Familie Steiner so wie die Wohnung vermieten. Eigentlich, sagt Andrea Steiner, die damals auswärts bei einer großer Supermarktkette arbeitete: „Täglich fuhr ich an der Baustelle vorbei und dachte mir, so ein hübsches Objekt. Warum mache ich es nicht selber?“ Gefragt, getan.

Kaffee am Bahnsteig serviert

Am 1. März 2006 eröffnete sie ihr Lokal, da war ihre Tochter gerade in die erste Klasse gekommen. „Dennoch habe ich mich ab 4.30 Uhr ins Bistro gestellt, wenn der erste Zug nach Berlin fuhr oder habe mich mit Kaffeebechern am Bahnsteig postiert“, berichtet die heute 51-Jährige. Rentabel war es nicht, und doch versuchte sie es drei Jahre lang. Dann entschloss sie sich, auf die paar morgendlichen Kaffeetrinker zu verzichten und das Tages-Bistro später zu öffnen. Mittags hat sie stets noch eine Aushilfe im Lokal.

Eine stilvolle Dekoration. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Von 8 bis 16 Uhr werden Gäste heutzutage bewirtet, und es ist immer was los. Was nicht nur am schön gestalteten Ambiente und den leckeren Gerichten liegt, sondern an den Macherinnen selber. Die Gäste kommen nicht wegen hübscher Gardinen oder Blumen, sagt Andrea Steiner: „Sondern wegen der freundlichen Bedienung.“ Und doch sollte man den stilvoll dekorierten Vasen und Dekorationen, die in jeder Saison ausgewechselt werden, Beachtung schenken.

Seit letztem Jahr hat Andrea Steiner Corina Wedinger an ihrer Seite. Die Venezolanerin lebt seit 2010 in Neustadt. Durch eine Familienfeier im Wasserturm lernte sie diesen Ort kennen und war sofort beeindruckt vom Ambiente und von Andrea Steiner. Fortan besuchte die Südamerikanerin regelmäßig das Tages-Bistro und entschloss sich letztes Jahr, fest mit Andrea Steiner im Team zu arbeiten.

Eine Portion gute Laune

Das Bistro im Wasserturm ist ein Treffpunkt in der Region. „Jeder, der aus dem Zug steigt, kommt vorbei, sagt hallo“, erzählt Corina Wedinger. Und holt sich seine Portion gute Laune bei den beiden Frauen ab, die auch stets ein offenes Ohr für ihre Gäste haben. „Hör mal auf Muddi, hab ich oft scherzhaft gesagt“, gesteht Andrea Steiner. Das haben die Gäste wörtlich genommen. Seitdem wird sie von vielen nur noch Muddi genannt.

Die Mittagszeit ist rum, die Pause der Angestellten, die aus den umliegenden Firmen und Ämtern täglich zum Essen kommen, vorbei. Statt Rouladen gibt es jetzt Kuchen. Friss-dich-dumm-Kuchen, hat ihn Andrea Steiner getauft, lockerer Teig mit einem Belag aus Wildbeeren, Sahne, Butterkeks und Zitronen-Zuckerglasur obendrauf. Er macht seinem Namen alle Ehre und kein Krümel bleibt übrig.

Bis zu 18 Personen können im Innenraum sitzen

Genauso wie die Kohlrouladen. „Fast alle 60 Stück sind weg. So ist es jeden Tag“, sagt Andrea Steiner. „Unser Essen ist täglich ausverkauft.“ Stammgäste wissen das und planen ihre Mittagszeit genau. Damit sie noch was auf den Teller bekommen und überhaupt einen Platz im „Bistro im Wasserturm“. Dieser ist begrenzt. Bis zu 18 Personen können im schnuckeligen Innenraum sitzen, im begrünten Außenbereich bis zu 30 Personen.

Eine Speisekarte gibt es nicht. „Was wir auftischen, kündigen wir täglich auf unserer Facebook-Seite mit Foto an“, sagt Corina Wedinger. „Und es kommt auf die Tafel, die an der Straße steht.“ So sieht man schon im Vorbeifahren, was Andrea Steiner wieder in ihrem Drei-Quadratmeter-Küchenreich hervorgezaubert hat. Dort zu hantieren ist eine wahre Kunst. Alles hat genau seinen Platz. „Die Küche wurde passgenau eingebaut. Ich habe zwei große und zwei kleine Herdplatten, kann aber meist nur die großen benutzen wegen der Riesentöpfe“, gesteht die 51-Jährige schmunzelnd. Es gibt wohl nichts, das ihr die Stimmung verdirbt.

Das gerahmte Bild zeigt eine alte Ansicht des Wasserturms. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Freitags ist immer Steak-Tag und die Tafel an der Straße wird zum Hingucker. „Oft halten Gäste an, um zu fragen, was sich hinter unseren lustigen Gerichten verbirgt“, erzählt Andrea Steiner und verrät: „Da gibt es Steak Picasso, dass deshalb so heißt, weil es farbenfroh ist und mit viel Kräutern zubereitet wird. Beim Steak im Pufferbett wiederum thront auf dem Kartoffelpuffer ein Steak.“

An den übrigen Werktagen locken Puten-Kokos-Curry mit Reis, Frikassee, Köttbullar mit Püree oder Gulasch mit Nudeln in den Wasserturm. Sehr gefragt sind auch Rote-Bete-Püree oder Andreas legendärer Kartoffelsalat. Und wohl kaum einer kommt an ihren Kuchen und Beerentörtchen vorbei.

Morgens wird frisch eingekauft

Lagern können die Frauen in ihrem Wasserturm-Bistro nicht viel. „Morgens kaufe ich in den Neustädter Supermärkten ein“, sagt Andrea Steiner. „Manchmal bestelle ich auch beim Großmarkt. Das verarbeite ich dann aber zügig.“ Am Wochenende ist das Bistro zwar geschlossen, die Powerfrauen arbeiten dennoch und richten Büffets für bis zu 35 Personen her.

Unter der Woche richtet Corina Wedinger morgens draußen die Terrasse her, während Andrea Steiner drinnen Gerichte und Kuchen zubereitet und die Vitrine mit ihren Leckereien bestückt. Mittags gibt Corina Wedinger Essenswünsche an Andrea Steiner weiter, serviert, boniert und kassiert. Perfekte Aufgabenteilung.

Was es tags darauf gibt, haben sich die beiden Frauen auch schon überlegt: „Spaghetti al Limone. Einer Kundin gewidmet.“ Es muss ja nicht immer Hausmannskost wie Kohlroulade sein.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti