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Neustadt Von wegen störrisch: Trekking mit dem Esel
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neustadt Von wegen störrisch: Trekking mit dem Esel
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10:01 02.02.2020
Andrea Mantik mit Wilma, der Mutter von Zuchtstute Bertha. Quelle: Anja Reinbothe
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Schönermark

Berthas helle Löckchen auf der Stirn, über die keck eine dunkle Strähne hängt, und ihr weiches Fell bezirzen sofort. Bereitwillig lässt sich das Tier streicheln und genießt. Es ist schön und wohlgeraten. Eine echte Zuchtstute. Nein, die Rede ist von keinem Spitzenpferd, auch wenn wir in Schönermark, einem Ortsteil von Neustadt, sind. Bertha ist eine Eselzuchtstute und wohnt auf dem Idyllischen Hof von Andrea Mantik.

Insgesamt siebeneinhalb Esel leben hier. „Siebeneinhalb, weil es sieben Esel sind und ein Maultier“, erklärt Mantik. „Ein Maulesel, wenn man so will. Weil er halb Esel, halb Pferd ist.“ Bertha aber ist reinrassig und erstklassig, ein Prachtexemplar von einem Esel. Das wird auch aus einiger Entfernung klar. Immer wieder drängen sich ihre Artgenossen dazwischen, um gestreichelt zu werden und mit aufs Bild zu kommen.

Viele Tiere waren schon fast im Schlachthof

„2013 wurde Bertha geboren“, erzählt Andrea Mantik, während sie deren Mutter Wilma mit Druck krault. „Wilma hat es mit dem Rücken, hat eine Osteopathin, die sie behandelt.“ Alle Tiere, die bei Mantik leben, stammen aus schlechter Haltung, erzählt sie. Entweder kamen sie wie Frieda, die mittlerweile Rentnerin ist, auf dem Weg zum Schlachthof zu ihr oder wurden wie der erblindete Othello nach 30 Jahren Einzelhaltung einfach bei ihr abgeladen.

„Bertha war eine bewusste Anpaarung. Ich wollte, dass ein gesundes Tier auf dem Hof geboren wird.“ Anfangs hatte Bertha braunes Fell, jetzt ist es weiß bis apfelschimmelgrau. Was jedoch an ihr ganz wichtig ist: „Sie hat einen geraden Rücken, keinen Senkrücken wie die anderen Tiere, weil alle drauf geritten sind.“

Eselrentnerin Frieda schmust gerne mit Andrea Mantik. Quelle: Anja Reinbothe

Denn es ist ein großer Irrtum: Seit Jahrtausenden tragen Esel zuverlässig ihre Besitzer und deren Lasten. Doch die Vierbeiner sind keine Packesel. „Und sie sind auch keine Reittiere“, räumt Andrea Mantik mit dem Vorurteil auf. Die weltweite Vereinigung der Esel hätte es geschafft, dass die Tiere keine dicken Touristen mehr tragen müssen. „Nur noch Leute bis 100 Kilo dürfen draufsitzen.“

Von all dem ist Bertha mit ihren sieben Jahren verschont geblieben. „Dreimal wurde die Zuchtstute beim bundesweitem Eseltreffen vom DZE Deutschen Zuchtverband für Esel prämiert. Als beste Stute und bestes Tier wurde sie auf dem Eseltreffen in Paaren im Glien 2019 eingetragen“, berichtet Mantik stolz. Der Zuchtverband existiere seit 2016 und sei einer der letzten Zuchtverbände. Andrea Mantik ist Mitglied, genauso wie in der IGEM Interessengemeinschaft der Esel und Mulifreunde und in der Noteselhilfe.

Zehn Prozent der Nahrung von Eseln besteht aus Holz

Sie fährt zu Eselbesitzern, berät sie und hilft. Immer wieder sieht sie leidende Tiere in der Region. Die richtige Haltung sei wichtig, sagt sie: „Esel sind keine Einzeltiere. Das muss man bedenken, vor allem weil sie 40 bis 45 Jahre alt werden können. Sie möchten einen Artgenossen und auch nicht mit Huhn oder Ziege zusammenwohnen.“

Esel seien zudem keine Rasenmäher. „Sie kommen ursprünglich aus der Wüste. Ein Esel braucht 30 Prozent weniger Fressen als ein Pferd, zehn Prozent ihrer Nahrung besteht aus Holz.“ Woher die 52-Jährige das alles weiß? „Ich habe mir viel angelesen“, sagt Andrea Mantik, die wie ihr Mann, Landwirtschaft studiert hat. „Nach der Wende war diese jedoch der Bereich, der als erstes abgewickelt wurde.“

Sie sah keine Zukunft, arbeitete dann unter anderem auf dem Bau, anschließend viele Jahre im Jobcenter in der Verwaltung. „Doch das war nichts für mich. Ich habe mich auf meine Wurzeln zurückbesonnen“, sagt die gebürtige Uckermärkerin.

Eselzucht in Neustadt Quelle: Anja Reinbothe

Im Urlaub 2009 lernte sie bei einer Eselwanderung die freundlichen Tiere kennen. Mit der Familie entschied sie, ihre Eseltauglichkeit zu testen und borgte sich drei Tiere aus Stüdenitz aus. Das war es, merkte sie und man spürt es, an ihren Gesten, ihren Worten, dass der Umgang mit den Tieren sie nach wie vor erfüllt.

Die studierte Agraringenieurin steht nun bei den Rentnern Frieda und Othello, die sich im vorderen Bereich des Hofes aufhalten. „Morgens sind sie immer getrennt von den anderen. Sie brauchen mehr Ruhe. 14 Uhr gehen sie rüber zur Herde.“ Wird sie nach den Eselarten gefragt, die sie auf ihrem Hof hat, erklärt sie: „In Deutschland unterscheiden wir nicht in Rassen, sondern in Größen. Ab 1,20 Meter spricht man von großen Eseln. Meine Tiere sind 1,05 Meter.“

Ruhe und Gelassenheit

Frieda freut sich über Mantiks Streicheleinheiten, kann nicht genug davon kriegen und strahlt wie all ihre Kollegen Ruhe und Gelassenheit aus. „Ja, Esel sind gutmütige Tiere“, bestätigt Mantik. „Wer Angst hat, Pferde zu streicheln, traut sich das bei Eseln.“

Die Erfahrung macht sie immer wieder. Seit 2011 bietet Andrea Mantik ihre Esel-Trekkingtouren an, mehrstündige Wanderungen, Tages-Touren oder noch längere. Die Kunden kommen teilweise mit merkwürdigen Vorstellungen. Viele Berliner seinen darunter, teilweise viel zu dünn angezogen. „Sie haben trotz Kälte keine Handschuhe, sagen, dass sie in der Großstadt nicht viel draußen sind. Daher denken sie an sowas nicht.“

Eselzuchtstute Bertha hat schon so manche Auszeichnung bekommen. Quelle: Anja Reinbothe

Wieder andere wollen auf den Eseln reiten. Sie erklärt dann, dass es das nicht gibt. „Aber meine Kinder laufen doch nicht, sagen viele Eltern“, erzählt die Eselexpertin, die ihren Kunden Landleben und Gelassenheit näherbringt. „Doch, meine ich dann. Sie kriegen einen Esel und eine Karte und – sie laufen.“ Außerdem lockt das Picknick, das Andrea Mantik ihnen mitgibt: Kaffee, Getränke und selbstgebackenen Kuchen.

Esel sind keine Fluchttiere

Der Esel bestimmt das Tempo beim Wandern und das ist eher gemächlich. „Vier Kilometer pro Stunde läuft ein Esel. Am Anfang jeder Tour gehe ich mit, unterstütze und übe die Kommandos ’komm’ und ’steh’“. Wenn ein Esel nicht weiterlaufen wolle, sei der Mensch nicht eindeutig, versichert Mantik. Von wegen störrisch! Sie brauchen einfach klare Ansagen. „Ein Esel möchte immer einen Partner haben. Wenn er diesem vertraut, geht er mit ihm durch alle Pfützen.“ Und das, obwohl die Vierbeiner kein Wasser mögen. Anders als Pferde sind es keine Fluchttiere.

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Bertha ist kein Kostverächter. Quelle: privat

Haben sich Mensch und Esel als Team eingespielt, kann es schon mal passieren, dass jemand auf den Touren, die Andrea Mantik ausgearbeitet hat, die Zeit vergisst: „Es ist egal, ob jemand bei einer Halbtagswanderung nach Punkt vier Stunden wieder zurück ist. Hören sie auf Ihren Bauch, sage ich immer, setzen Sie sich hin, machen Sie Pause.“ Die Erfüllung, die sie in ihrer Arbeit mit den Eseln gefunden hat, möchte sie weitergeben, erklärt sie, während sie nun wieder Berthas apfelschimmelgraues Fell krault.

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Von Anja Reinbothe

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