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Neustadt Noch 60 Jahre nach dem Meisterabschluss aktiv
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neustadt Noch 60 Jahre nach dem Meisterabschluss aktiv
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11:34 20.11.2019
In Schuppen und Unterständen bewahrt Horst Wiese noch das eine oder andere Stellmacher-Schmuckstück auf. Quelle: Alexander Beckmann
Neustadt

Von seinem Beruf kann Horst Wiese in Neustadt nicht lassen. Hier mal ein paar hölzerne Lagerschalen fräsen und einpassen, da mal ein Wagenrad reparieren oder sogar eine komplette Kutsche warten und aufpolieren. Fachleute auf dem Gebiet sind rar geworden. Sehr rar.

Erst kürzlich feierte der 81-Jährige ein Jubiläum: 60 Jahre ist es her, dass er seinen Meisterbrief als Stellmacher erhielt – übrigens gemeinsam mit Rudolf Friese (82) aus Wusterhausen. „Wir kennen uns schon seit der Berufsschule“, erzählt Horst Wiese. „’52 haben wir angefangen.“

„Als wir die Meisterprüfung hatten, ging das Handwerk schon auf sein Ende zu. Rudi und ich haben dann ein paar Jahre später auch noch zusammen den Karosseriemeister gemacht.“ Doch die Stellmacherei, also der Bau von Kutschen und Wagen von Grund auf, blieb ein Leben lang Wieses eigentliche Leidenschaft.

Seit über 130 Jahren Familienbetrieb

„1888 hat mein Großvater Franz die Werkstatt gegründet. Da fing das mit der Stellmacherei an. Das war schon als Kind meine Welt.“ Horst Wiese lernte das Handwerk bei seinem Vater Emil. „Als mein Vater 1910 seinen Meister gemacht hat, war der Kutschenbau noch das ganz große Ding.“

Die Schilder in der Toreinfahrt erinnern an die Firmengeschichte und an den Wandel im Handwerk. Quelle: Alexander Beckmann

Zeitweise beschäftigte die Firma bis zu fünf Mitarbeiter. „Das war schon eng. Wir hatten so viele Ackerwagen auf dem Hof, dass mein Vater gar nicht mehr wusste, wo die alle hingehören. Er ist kaum hinterher gekommen. Aber dann war auch das bald vorbei.“

Von der technischen Entwicklung überholt

Motorgetriebene Fahrzeuge verdrängten Pferdefuhrwerke spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur aus dem Straßenbild, sondern auch fast völlig aus der Landwirtschaft. In Neustadt mit seiner Pferdezucht bestand vielleicht eher noch Bedarf an dem traditionellen Handwerk als anderswo, doch nicht so viel, wie man meinen sollte, betont Horst Wiese. Das Geschäft veränderte sich.

Im hinteren Teil der alten Werkstatt finden sich noch immer Esse und Amboss für Metallarbeiten. Quelle: Alexander Beckmann

Ursprünglich, so berichtet Wiese, befasste sich die Stellmacherei ausschließlich mit den hölzernen Teilen des Wagens: Gestell, Wagenkasten, Deichsel und so weiter. Radmacher, Schmiede, auch Lackierer und Sattler übernahmen den Rest. Nach und nach leistete die Neustädter Firma diese Arbeiten aber selbst. „Wir haben die Kutschen komplett geliefert – mit Schmiedearbeiten und Lackierung.“

Noch heute stehen hinten in der alten Werkstatt Esse und Amboss für Metallarbeiten bereit. Horst Wiese erinnert sich an das aufwändige Lackieren: „Und dann schleifen – mit Wasser und Bimsstein.“

Schöpfer von Museumsstücken

Wieses Meisterstück von 1959 musste auf Weisung der Prüfungskommission ohne so etwas auskommen: „Unter dem Lack hätte sich ja Spachtel verstecken können.“ Der bis zu sechssitzige Jagdwagen ist noch immer unterwegs – für das Haupt- und Landgestüt. Andere Stücke schmücken das Kutschenmuseum des Gestüts. Einmal habe man sogar einen Einachser für den Gründer der Komischen Oper Berlin Walter Felsenstein gebaut, erinnert sich der Neustädter. „Der Wagen war für einen Esel. Als er abgeholt wurde, haben wir ihn umgedreht und aufs Autodach gebunden.“

Horst Wieses Meisterstück von 1959 ist auch nach 60 Jahren noch unterwegs. Quelle: Alexander Beckmann

Doch Neubauten wurden mehr und mehr zur Ausnahme. Und allein mit Reparaturen und Restaurierungen ließ sich der Lebensunterhalt nicht bestreiten. „Wir haben Hoftore, Hundehütten und Sägeböcke gebaut. Der Vater von Rudolf Friese in Wusterhausen hat immer gesagt: Wir bauen alles – außer Flugzeuge.“

Lebensunterhalt forderte Kompromisse

Die Reparatur von Autos wurde schon ab den 60er Jahren zum neuen Geschäftsfeld der Firma Wiese. „Ich habe ja schon vorher geschweißt. Und dann habe ich eben beim Reichsbahnausbesserungswerk in Wittenberge noch den Schweißerpass gemacht.“ Der zweite Meisterbrief folgte.

Für ihn sei der Karosseriebau kein Traumberuf gewesen, gesteht Horst Wiese. „Ich bin ja eigentlich Holzwurm.“ Sohn Ray lernte hingegen von Anfang an das Kfz-Handwerk – übrigens beim alten Lehrlingskollegen Rudolf Friese in Wusterhausen – und übernahm den Familienbetrieb 1993. Ab und an kamen auch traditionelle Aufträge herein. „Ich habe noch bis 2002 als Stellmacher mitgearbeitet.“

Doch die Nachfrage sank kontinuierlich. Kutschen gebe es noch immer, weiß Horst Wiese. Doch für Reparaturen würden sie heute meist per Tieflader nach Polen gefahren. Das sei billiger. „Da bin ich dann vorzeitig in Rente gegangen.“

Einmal Handwerker, immer Handwerker

Gänzlich legte er das Holz bis heute nicht aus der Hand. Während vorne die kleine Kfz-Werkstatt läuft, stehen hinten noch immer die teils über 100 Jahre alten Maschinen bereit. Ab und an erinnert sich mal jemand an den Neustädter Stellmacher und seine Fachkunde für traditionelle handwerkliche Lösungen.

Die Maschinen in der Werkstatt sind zum Teil 100 Jahre alt. Bei Bedarf taugen sie aber noch immer zum Arbeiten. Quelle: Alexander Beckmann

„Ich fühle mich so weit ganz gesund“, sagt Horst Wiese, der eine ganze Reihe eigener Projekte in den Schuppen und Unterständen des Firmengeländes auf Lager hat. „Mein Vater ist 86 geworden. Das schaffe ich bestimmt.“

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Von Alexander Beckmann

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