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Neustadt Therapie mit Hunden: An diesem Ort bei Neustadt findet der Drogenhorror sein Ende
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neustadt Therapie mit Hunden: An diesem Ort bei Neustadt findet der Drogenhorror sein Ende
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14:53 16.08.2019
Die Bundeschefin der Grünen, Annalena Baerbock (Mitte), machte sich jetzt bei einem Besuch ein ganz persönliches Bild von der drogentherapeutischen Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Quelle: Matthias Anke
Neustadt

Kein Hund bellt. Die kräftigen Huskies äugen die ankommenden Besucher nur interessiert an auf diesem Hof, zu dem ein kleiner Wohnblock gehört. Ringsherum liegen Felder und ein Landwirtschaftsbetrieb. Und ein Fluss gehört zu dieser idyllischen Welt – die helfen soll.

Es ist ein von Menschenhand begradigter Wasserlauf, der sich bis zum Horizont zieht. Ein paar Jugendliche dort haben nämlich schon zu viel gezogen von allem Möglichen. Kamen weit hinter dem Horizont an. Landeten im Abgrund. Und letztlich in dieser idyllischen Welt, wo ein strenges Regelwerk gilt. Es könnte ihr letzter rettender Strohhalm sein.

Therapeutische Wohngemeinschaft für Kinder und Jugendliche

Bevor der Rundgang beginnt und es zu den Hunden geht, sitzen die Gäste im Zimmer der Einrichtungsleitung. Ein Bilderrahmen hängt neben dem Bürotisch. „Der Klient/die Klientin in der Krise steht im Mittelpunkt“, heißt es auf dem A4-Blatt. Sie durchleben eine „Chaosphase“. Und weiter: „Gleichwohl liegt in der Erfahrung der Krise auch eine Chance.“ Denn es geht darum, das Gleichgewicht wiederzufinden, „neue Handlungskompetenzen zu erlangen“.

Huskies spielen für die Therapie der Kinder und Jugendlichen eine zentrale Rolle. Quelle: Matthias Anke

Sätze, die zum Leitbild dieser gemeinnützigen Firma „Walden“ gehören, gegründet vor 20 Jahren. Zum Haus-Logo, das als gestickte Version eines Traumfängers an einer anderen Wand hängt, gehört der Satz „Wach sein heißt Leben“. Es ist das Motto dieser „therapeutischen Wohngemeinschaft für suchtgefährdete Jugendliche“.

Besucherkreis streng eingeschränkt

Es ist eine Einrichtung ohne Publikumsverkehr. Neben Familienangehörigen, Fachleuten, Beschäftigten und Behördenvertretern gibt es die Huskies. Jeder Bewohner hat einen Hund, für den er verantwortlich ist.

Wer lernt, sich um Tiere zu kümmern, befolgt nach und nach auch andere Regeln. Quelle: Matthias Anke

Dass an dem Tisch an diesem Tag doch mal Gäste außerhalb der Reihe sitzen, ist eine große Ausnahme. Annalena Baerbock, die Bundesvorsitzende der Grünen, wollte den Ort „unbedingt mal kennenlernen“, seitdem ihr die Bürgermeisterin von Zernitz-Lohm, Sigrid Schumacher, einst davon erzählte. Ein ganz privater Besuch. Abseits offizieller Pressetermine drumherum. Dass die MAZ exklusiv dabei sein darf – Zufall und ebenso Ausnahme.

Abstand zur Szene und zu Suchtmitteln

Es geht um Kinder und Jugendliche mit einem hohen Schutzbedürfnis. Ziel ist laut der Walden-Wohnstätte eine „Nachreifung in geschützter Atmosphäre“ mit einem „notwendigen Abstand zur Szene sowie die Eingrenzung der Zugriffsnähe zum jeweiligen Suchtmittel als eine der Grundvoraussetzungen für die angestrebte Auszeit“.

Die Bundeschefin der Grünen, Annalena Baerbock (2.v.l.), hatte viele Fragen – Nicole Blaesing (r.) beantwortete alle Fragen. Quelle: Matthias Anke

„Ich bin interessiert zu erfahren, wie das hier gemacht wird. Wo hakt es? Was läuft gut oder könnte besser laufen?“, fragt Annalena Baerbock. Ihr gegenüber sitzt Ralf Kaiser, Sozialpädagoge, Suchttherapeut, seit 2004 am seither neuen Standort dabei und heute Einrichtungsleiter. Neben ihm: seine Vertreterin Nicole Blaesing, Erziehungswissenschaftlerin, Verhaltenstherapeutin und Soziologin. Beide erzählen von ihrer „Insel“, von ihrer „Käseglocke“, von der besonderen Lage also.

Acht Plätze für 13- bis 21-Jährige

Den Weg dorthin finden die Jugendämter, erzählen sie. „Manchmal fragen Eltern von sich aus an.“ Ein Erstgespräch folge. Und dann muss es passen. Denn die Kapazität ist mit acht Plätzen begrenzt für die Kinder und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 13 und 21 Jahren.

Wer aufgenommen wird, muss vier Wochen eine „enge Kontaktsperre“ zur Außenwelt durchstehen. Mit Jugendlichen von weiter her funktioniere das besser als aus dem hiesigen Landkreis. „Das ist eine Zeit, um sich zu sortieren“, erklärt Ralf Kaiser. Erst danach ist ein erster Telefonkontakt möglich. Frühestens nach drei Monaten sind Besuche erlaubt und später Heimfahrten. Eineinhalb Jahre dauert der Aufenthalt in der Regel.

Wieder fit für den Alltag werden

Sind die Klienten, wie die Bewohner im Fachjargon heißen, wieder „stabil“, gehen sie in umliegende Schulen, bereiten sich auf Berufe vor, lernen neue Perspektiven kennen. Jeder Tag ist durchgeplant mit Punkten wie „Hauswirtschaft meistern“ oder „Trainingswohnen“.

Es gilt, den Alltag zu bewältigen, fit zu werden für die eigene Wohnung oder die Rückführung nach Hause. „Sie lernen Wäschewaschen und Einkaufengehen. Eigentlich alles, was jeder andere Jugendliche auch lernen sollte“, sagt Ralf Kaiser.

Lieber Bücher als Fernseher

Fernseher gibt es nicht, dafür eine Musikanlage. „Sie holen sich daraufhin lieber in der Bibliothek ein Buch nach dem anderen“, berichtet Nicole Blaesing: „Zum Wochenende hin dürfen sie sich einen Film aussuchen und per Beamer gucken.“ Ein Laptop mit Internetzugang steht aber bereit. Schule ohne dem wäre kaum noch denkbar. Auch Lebensläufe müssen geschrieben werden. Drumherum wird mit Betrieben zusammengearbeitet, mit Psychologen und mit den Schulen enger Kontakt gehalten.

Wenngleich sie zumeist in Teilzeit arbeiten, sichern neben Blaesing und Kaiser ein halbes Dutzend Beschäftigter die 24-Stunden-Betreuung ab. Was ihre Einrichtung bundesweit abhebt, ist die tiergestützte Therapie, ist die Erlebnispädagogik.

Fehler bleiben nicht ohne Konsequenzen

Sie sind viel draußen. Im Sommer geht es per Kanu auf die Dosse, Havel oder Jäglitz und im Winter mit den Huskies durch den Schnee. Einen „Kontakthund“ aber muss man sich erarbeiten wie andere Annehmlichkeiten auch. Dafür gibt es Gruppensitzungen.

Fehler bleiben nicht ohne Konsequenzen. Werden in einem Wutanfall Türen oder Fenster demoliert, folgt Taschengeldabzug.

In der Einrichtung läuft nichts ohne klare Regeln. Quelle: Matthias Anke
In der Einrichtung läuft nichts ohne klare Regeln. Quelle: Matthias Anke

Ralf Kaiser: „Am Ende wird alles gemeinsam aufgearbeitet.“

Die Warteliste ist lang

Das Geld zum täglichen Leben kommt über die Jugendämter aus allen Teilen der Bundesrepublik je nach Herkunft der Betroffenen. Es wird „durchgereicht“. Nur für die Arbeit gelten allein die Richtlinien des Landkreises OPR.

„Das ist so eine tolle Anlage. Einziges Manko sind die wirtschaftlichen Zwänge“, sagt Ralf Kaiser. Eine staatliche Beteiligung wäre der Idealfall. Kein Wunder, sagt er, dass es offensichtlich zu wenige solcher Einrichtungen gibt. „2018 hatten wir 41 Bedarfsmeldungen, nahmen dann elf Jugendliche auf bei eigentlich nur acht Plätzen“, erzählt Nicole Blaesing: „Kann man sich vorstellen, wie lang die Warteliste ist.“

„Ich zog mich jeden Tag zu“

So mancher, der den Entzug schaffte und sein Leben wiederfand, besuche die Einrichtung noch heute. Viele Bewohner haben auf der Internetseite Texte hinterlassen – immer mit einem ganz am Ende doch erleichterten, lebensbejahenden Tenor.

In etlichen Projekten werden die Bewohner gefördert. Hier eine kunstvolle Lehmwand an einer selbstgebauten Schutzhütte. Quelle: Matthias Anke

Ein Beispiel: „Hi ich bin N. – eines von zwei Mädchen. Ich bin 16 und komme aus Brandenburg. Ich lebe jetzt seit zwei Jahren hier und bin mit dem, was ich geschafft habe, sehr zufrieden. Vorher hatte ich Probleme mit Drogen. Bei meinem Einstieg war es cool, was auszuprobieren. Ich habe mich gut gefühlt und meine Probleme waren weg, jeder Tag war easy. Konflikte mit Schule, meinen Eltern traten durch Haschisch, Ecstasy und Speed in den Hintergrund. Jedes Wort von Lehrern und Eltern nervte mich total. Ich zog mich jeden Tag zu.“

Erfolgreiche Bewohner machen anderen Mut

Und weiter schreibt sie: „Die Welt war easy, nur nicht wirklich. Auf einem Depri erzählte ich meiner Mom davon. Sie startete natürlich gleich los. Bei der Drogenberatungsstelle kam sie nicht weiter, also ließ sie mich durch meinen Hausarzt zur Entgiftung in die Landesklinik einweisen. Ich wurde rückfällig, musste dann die Klinik verlassen. Meine Eltern nahmen mich nicht wieder auf, so landete ich im Jugendnotdienst.“ Und dann in diesem Südwestzipfel Ostprignitz-Ruppins.

Wie alle anderen schwärmt auch dieses Mädchen von ihrem Bezugshund. Sie appelliert: „Wenn ihr ähnliche Probleme habt – tut was. Der Weg lohnt sich und ich wünsche euch den nötigen Mut und Glück. Haut rein!“

Eltern kommen ebenso zu Wort. Ein Satz, der für so viel steht, lautet dort: „Es ist eine Einrichtung, die uns geholfen hat, das Lachen wiederzufinden.“

Von Matthias Anke

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