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Ostprignitz-Ruppin Nicht jeder Fall ist ein Notfall
Lokales Ostprignitz-Ruppin Nicht jeder Fall ist ein Notfall
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00:31 26.05.2018
Rettungssanitäter wie hier in der Rettungswache Kyritz sind vor allem dazu da, bei akuter Lebensgefahr einzugreifen.
Rettungssanitäter wie hier in der Rettungswache Kyritz sind vor allem dazu da, bei akuter Lebensgefahr einzugreifen. Quelle: Gina Wiesner
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Neustadt

So hatte sich das Heinz Bade (Name von der Redaktion geändert) nicht vorgestellt. Kürzlich bekam der 83-jährige, chronisch kranke Neustädter am helllichten Tag Probleme mit dem Blasenkatheter. Auf der Suche nach medizinischer Hilfe wählte er die 112.

Der Anruf landete bei der Leitstelle des Rettungsdienstes. Doch einen Rettungswagen habe ihm der Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung nicht schicken wollen, berichtet der Neustädter am MAZ-Lesertelefon. „Der hat mich gefragt, wer mich denn sonst zum Arzt fährt. An den soll ich mich mal wenden.“

Über die Abfuhr entrüstet

Heinz Bade ist entrüstet. „Ich bin zu 100 Prozent schwerbeschädigt.“ Zwar lebe er in den eigenen vier Wänden, doch seine Mobilität sei eingeschränkt. „Das war ein Notfall“, ist er überzeugt. Trotzdem habe ihm der Rettungsdienst die Hilfe verweigert. „Sowas geht doch nicht.“

Allerdings lag die Auskunft Rettungsdienst-Leitstelle wohl nahe. Denn der Notruf 112 ist ausschließlich akuten, lebensbedrohlichen Situationen vorbehalten. Das Rettungsdienstgesetz des Landes Brandenburg stellt klar: „Notfallpatienten sind verletzte und erkrankte Personen, die sich in Lebensgefahr befinden, sowie Personen, bei denen schwere gesundheitliche Schäden zu befürchten sind, wenn sie nicht unverzüglich medizinische Hilfe erhalten.“

Notfall bedeutet Krankenhaus

Die Notfallrettung, so heißt es weiter, solle lebenserhaltene Maßnahmen einleiten und weitere schwere gesundheitliche Schäden verhindern, die Transportfähigkeit der Patienten herstellen und sie in eine geeignete Gesundheitseinrichtung bringen.

Diese Anforderungen lagen im Neustädter Fall offenbar nicht vor. Der Betroffene wollte ja nicht ins Krankenhaus, sondern hoffte auf Hilfe in den eigenen vier Wänden oder eben in einer Arztpraxis.

Eigens für solche Situationen gibt es den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Er ist seit einigen Jahren jederzeit unter der bundesweit einheitlichen, kostenfreien Rufnummer 11 61 17 zu erreichen.

Wenn doch mal der Arzt helfen muss

Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf ihrer Internetplattform www.116117.de erläutert, hilft der Bereitschaftsdienst „bei Erkrankungen, mit denen Sie normalerweise einen Arzt in einer Praxis aufsuchen würden, die Behandlung aber aus medizinischen Gründen nicht bis zum nächsten Tag warten kann.“

Unter der Rufnummer kann man als Patient – egal, ob gesetzlich oder privat versichert – sein Anliegen vortragen. Ein Mitarbeiter leitet es dann an einen Arzt weiter, nennt die nächste Bereitschaftspraxis oder vermittelt bei Bedarf den Hausbesuch eines Arztes.

Der Haken an der Sache: Der Service ist vielen Menschen praktisch unbekannt. Und natürlich tut sich der Laie im Zweifel schwer damit, zwischen Lappalie und Notfall zu unterscheiden. Als Faustformel hilft vielleicht die Frage: Muss die Sache im Krankenhaus handelt werden? Wenn ja, dann ist die 112 richtig. Wenn nicht, dann eventuell die 11 61 17.

In der Region an der Tagesordnung

Wie oft die 122 im Landkreis Ostprignitz-Ruppin unnötig angerufen wird, ist nicht bekannt. „Ich kann dazu keine genaue Zahl sagen“, erklärt Mathias Wittmoser vom Amt für öffentliche Sicherheit der Kreisverwaltung. Doch die Erfahrung bestätige: „Gerade außerhalb der Sprechzeiten wissen viele Menschen nicht, an wen sie sich wenden sollen.“

Das habe durchaus Folgen, so Wittmoser: „Wir sind natürlich wenig erfreut, wenn wir feststellen, dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser voll sind, obwohl medizinisch dazu keine Notwendigkeit besteht. Das Problem ist ja: Wir binden da Kapazitäten, die dann für echte Notfälle unter Umständen nicht zur Verfügung stehen.“

Von Alexander Beckmann