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Rheinsberg „Das hier ist mein Leben“
Lokales Ostprignitz-Ruppin Rheinsberg „Das hier ist mein Leben“
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00:21 20.07.2018
Mit so viel Unterstützung hat Brigitte Weidauer nicht gerechnet. Hunderte Menschen haben den Aufruf zum Erhalt der Grillstube schon unterschrieben. Quelle: foto: Reyk Grunow
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Rheinsberg

Seit 38 Jahren betreibt Brigitte Weidauer inzwischen ihre Grillstube in Rheinsberg. Der Imbiss mit Terrasse zwischen Rathaus und Markt ist seit DDR-Zeiten eine Institution. Bei Brigitte Weidauer treffen sich alle: Rentner, Kindergruppen, Urlauber, Rheinsberger. Brigitte Weidauer mag das. Schon früher war das so. „Wir haben hier alles Mögliche erlebt“, erinnert sich die 67-Jährige: Geburten, Trauerfeiern, zu DDR-Zeiten hätte sich dort sogar Ausreisewillige vor der Stasi versteckt. „Das hier ist mein Leben“, sagt sie. Doch damit könnte bald Schluss sein. Wenn es kommt, wie es die Stadt Rheinsberg jetzt androht, muss Brigitte Weidauer ihren Grill in wenigen Wochen für immer schließen.

Stadt fordert Räumung bis Ende Oktober

Bis 31. Oktober hat sie das gesamte Gelände zu räumen, alles abzureißen und die Fläche an die Stadt zu übergeben. So liest sich die Kündigungsklage der Stadtverwaltung, die ihr vor wenigen Tagen zugeschickt wurde. Brigitte Weidauer ist schockiert. Auch wenn sie sich bemüht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

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Der Nutzungsvertrag für ihr Eckgrundstück stammt noch aus DDR-Zeiten. 1981 hatte sie mit dem damaligen Rat der Stadt vereinbart, dort einen Kiosk aufzubauen, um die Urlauberversorgung sicherzustellen. Eine Pacht von 44,80 Mark pro Jahr, sah der Vertrag damals vor, geschlossen auf unbestimmte Zeit. Danach könnte die Stadt ihr zwar jährlich zu Ende Oktober kündigen – aber nur, wenn „gesellschaftlich gerechtfertigte Gründe“ vorliegen.

Unterstützung von allen Seiten

Dass die Grillstube jetzt plötzlich schließen soll, geht in Rheinsberg um wie ein Lauffeuer. Von überall her bekommt die Geschäftsfrau Unterstützung. Auf der Internetplattform openpetition.de hat der Rheinsberger Markus Kersten vor wenigen Tagen eine Petition für den Erhalt der Grillstube gestartet; mehr als 400 Menschen hatten bis Dienstag unterschrieben.

Auf Facebook haben sich Hunderte Nutzer dem Aufruf zur Rettung der Grillstube angeschlossen. Brigitte Weidauer selbst hat seit Freitag mehr als 200 Unterschriften von Gästen aus ganz Deutschland gesammelt, die vollen Unterschriftenlisten in andere Geschäften nicht mitgezählt.

Dass sie mit ihrer Grillstube dort nicht ewig bleiben kann, ist ihr durchaus klar, sagt sie: „Ich bin ja auch bereit, zu räumen. Aber erst, wenn die Stadt wirklich einen Käufer für diese Fläche hat.“

Verkauf, wenn das Rathaus in einigen Jahren umzieht

Denn das ist die offizielle Begründung für die Kündigung: Rheinsberg will das Grundstück des jetzigen Rathauses und die Nachbarfläche, auf der die Grillstube steht, verkaufen. Wenn das Rathaus denn irgendwann ins neue Gebäude umgezogen ist. Aber wann ist das? Selbst 2019 ist an einen Umzug nicht zu denken.

2017 hatte die Stadt Brigitte Weidauer die erste Kündigung geschickt, noch unter Bürgermeister Jan-Pieter Rau. Die Stadt hat ihr zwar schriftlich einen neuen Pachtvertrag angeboten, der sich jährlich verlängern soll, solange kein Käufer für die Fläche in Sicht ist. Doch müsste sich Brigitte Weidauer dafür verpflichten, im Fall der Fälle, das Grundstück komplett zu räumen.

Das war im DDR-Vertrag so nicht vorgesehen und würde auch die Kraft der Unternehmerin überschreiten. 25.000 bis 28.000 Euro würde es kosten, ihren Kiosk und alles andere abreißen zu lassen, hat sie überschlagen. Brigitte Weidauers Anwältin hat der Stadt einen neuen Vertragsentwurf zugeschickt – ohne die Abriss-Klausel.

Bürgermeister sieht noch Chance zur Einigung

„Mir liegt so ein Papier aber nicht vor“, sagt Rheinsbergs Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow. Die Räumungsklage der Stadt trägt seine Unterschrift. Aber nicht er habe den Stein ins Rollen gebracht, sondern schon sein Vorgänger, sagt Schwochow. Mitarbeiter des Liegenschaftsamtes hätten das Gespräch mit Brigitte Weidauer gesucht.

Schließlich habe die Stadt ihr den neuen Vertrag angeboten. Zur Klage sei es nur gekommen, weil die Unternehmerin darauf nicht eingegangen sei, sagt er. „Es geht nicht darum, die Grillstube dort abzuräumen“, versichert Schwochow. Vielmehr gehe es um Rechtssicherheit: „Ich kann nicht einfach den Vertrag aus der DDR fortführen.“

Hoffnung, dass die Stadt einlenkt

Brigitte Weidauer macht sich und ihrer Mitarbeiterin Mut: „Das wird schon alles“, sagt sie. Auch Frank-Rudi Schwochow ist zuversichtlich, dass sich eine Lösung finden lässt – wenn die Grillbesitzerin das Vertragsangebot der Stadt unterschreibt. Über den Abriss könnte man reden, sagt er.

Einen anderen Weg sieht der Bürgermeister nicht: „Ich weiß nicht, was wir noch tun sollen. Mehr als reden und schreiben kann ich nicht.“ Viel mehr erwartet Brigitte Weidauer auch nicht. Ein persönliches Gespräch mit dem Rathauschef würde sie sich wünschen. Das gab es bisher nicht.

Von Reyk Grunow