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Rheinsberg Hans-Karsten Raecke stellt grafische Partituren aus
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09:10 02.06.2019
Komponist und Instrumentenerfinder Hans-Karsten Raecke an seinem klangpräparierten Flügel.
Komponist und Instrumentenerfinder Hans-Karsten Raecke an seinem klangpräparierten Flügel. Quelle: Regine Buddeke
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Rheinsberg

Jede Menge Linien: parallel, strahlenförmig, gebündelt, parabelartig, zick-zack-schraffiert, blütenförmig. Mit ein paar Punkten wie Stecknadelköpfe – mal hohl, mal gefüllt. Auf den ersten Blick erinnert die Grafik entfernt an eine Vorlage für Textilkünstler – Klöppel-oder Webmuster. Wären da nicht die kleinen Kreuze vor manchen Punkten oder hier und da ein Notenschlüssel oder Fermatenzeichen. Fragt man den Experten, erklärt er: Es handelt sich um eine grafische Partitur.

Grafische Partitur von Anestis Logothetis. Quelle: Regine Buddeke

Der Experte ist in diesem Fall Hans-Karsten Raecke – seines Zeichens Komponist, Musiker und Instrumentenerfinder. Er betreibt in Rheinsberg die Musikbrennerei und ist auf solcherart grafische Partituren angewiesen. Denn für seine Instrumente reicht die konventionelle, orchesterübliche Notenschrift nicht aus. Sie erzeugen Klänge, die mit klassischen Noten nicht beschreibbar sind.

Stammgäste der Musikbrennerei kennen den klangpräparierten Flügel, die Orionharfe, den Bildklanggenerator und die verschiedensten Blasinstrumente aus Staubsaugerschläuchen, Sanitärrohren und Suralin-Knetmasse, auf denen ein Saxofonmundstück oder ähnliches steckt.

Vorlage für den Bild-Klang-Generator. Quelle: Regine Buddeke

Raecke ist wie kaum ein anderer auf der Suche nach neuen Klangwelten – seine Kompositionen schreibt er oftmals eigens für seine Instrumente. Aber wie schreibt man Wind in Noten? Oder ein Heulen? Das Tropfen von Wasser? Das Geräusch klappernder Schrauben? Oder das Quietschen einer Tür?

Wie notiert man Cluster? Ungeordnete Tonbündel, wenn man den Unterarm aufs Klavier knallt. Oder ein Zirpen, das entsteht, wenn man an der Spinne zupft, einem aufgefaserten Messingrohr, das zu Raeckes Pfeifentopf-Instrument gehört, der wie eine Kinderüberraschung drei in einem verbirgt: er ist spielbar, Wasserpfeife und Seifenblasengenerator in einem ist.

Von Hans-Karsten Raecke entwickelte skurrile Blasinstrumente, für die er eigene Stücke komponiert. Quelle: Regine Buddeke

„Es braucht eine neue Zeichensprache“, sagt Raecke. Streng genommen sind Noten auch nur Zeichen – indes sehr etablierte. Aber auch für die Töne der Neuen Musik zeichnen sich bereits Standards ab.

Denn Raecke ist nicht der einzige, der grafische Partituren braucht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach die Musik zu neuen Ufern auf, es gab viele Komponisten – Karlheinz Stockhausen, John Cage, Boguslav Schaeffer und Anestis Logothetis sind die bekanntesten – die revolutionäre neue Klänge schufen und diese auch in Noten meißeln wollten, damit auch andere Musiker sie spielen können.

Aber auch im Mittelalter gab es eine musikalische Zeichensymbolik: Die sogenannten Neumen, die seit dem 9. Jahrhundert zur Notation des Gregorianischen Gesangs verwendet wurden.

Raecke hat auch Farben vertont. Quelle: Regine Buddeke

Hans-Karsten Raecke hat eine ganze Sammlung grafischer Partituren: Eigene – wie seinen komponierten Zyklus zu Bildern von Paul Klee. Aber auch solche von anderen Komponisten. Und schon immer, seit er 2016 die Musikbrennerei eröffnete, schwebte ihm eine Ausstellung der Blätter vor, die wie Grafiken anmuten – so künstlerisch und ästhetisch sind sie.

Nun ist es soweit: Am Pfingstsonntag wird die Schau eröffnet. Neben 70 grafischen Partituren umfasst sie indes auch Instrumente und Klangskulpturen. Dazu Bilder, die am Bildklanggenerator entstanden sind beziehungsweise solche, die als musikalische Vorlage für ihn dienen, quasi als gemaltes Notenblatt.

Gemälde von Paul Klee dienten Raecke als Inspiration für einen Musik-Zyklus. Quelle: Regine Buddeke

Diese farbenprächtigen Gemälde reihen sich in großen Formaten im Dachboden seines Hauses: Man sieht Sternbilder und in farbflirrende Mädchengesichter, surrealistische Szenen mit Augen-Pilzen und Frauen in Käfigen, grafische Struktur-Patchworks und gerissen-getupft-gespritzte Landschaften in grellen Farben.

In einem orangeglühenden Flammenkreis sitzt ein Wagenrad inmitten eines klaffenden Risses. Ein echtes – zwischen den Speichen des hölzernen Rades und inmitten des Spalts kann Raecke die Töne auf dem Klanggenerator berühren.

Jede Menge Flöten sind zu sehen. Quelle: Regine Buddeke

124 Kontaktstellen hat dieses Instrument – jede von ihnen kann man mit einem anderen Klang füttern: Hubschrauberrotoren, ein Geigenmotiv, ein Furz, menschliche Stimmen, eine ganze Mozartsonate. Unglaublich, welche Möglichkeiten das für den Spieler bietet. Sei es kompositorisch oder improvisiert: „Wenn ich es aufschreibe, ist die Musik eingefrorene Zeit“, sagt Raecke. Wenn er es aus dem Stegreif spielt, ist es einmalig – und unwiederbringlich dahin.

Raecke malt auch selbst. Natürlich – immerhin ist die Bildkomposition oft Grundlage für seine Kompositionen. Er lässt wissen, dass vertonte schwarze Löcher nicht bierernst, sondern durchaus witzig klingen können. „Kosmisches Gelächter sozusagen.“

Raecke und sein Instrument namens Pfeifentopf (o.) Quelle: Regine Buddeke

Was soll auch sonst aus Instrumenten kommen, für die er Staubsaugerrohre oder Waschbecken-Trapse verarbeitet? Oder aus Instrumenten-Kombinationen, die unvereinbar scheinen? Raecke hat auch einen Farbklanggenerator entwickelt – Farben in Musik zu gießen, das habe wohl vor ihm noch keiner so gemacht.

Zur Vernissage, so verrät der 77-Jährige, kann man die Bilder allesamt per Kopfhörer erleben. „Der Reiz soll darin liegen, ein neues Kunstverständnis zu fördern.“ Außerdem wird ein Künstler kommen, der in einer Live-Performance ein neues Bild für den Bildklanggenerator schaffen wird. „Durch das Malen auf dem Generator bringt er ihn zugleich zum Klingen“, verrät Raecke.

Auch dies ein Bild für den Bild-Klang-Generator. Quelle: Regine Buddeke

Apropos Performance: Auch da gibt es in der Ausstellung Spannendes zu sehen. In einem Raum stehen drei Skulpturen, die vor Jahren bei einer Aktion entstanden sind, in der ein Flügel zersägt wurde. „Es war vorab genau geplant, wie er geschnitten wird, damit aus den Teilen just diese drei Skulpturen entstehen“, erklärt Hans-Karsten Raecke. „Tod und Auferstehung“ heißt das Werk folgerichtig.

Die Vernissage findet am Sonntag, 9. Juni, um 16 Uhr in der Musikbrennerei Rheinsberg (Königstraße 14) statt. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter 033931/80 89 00 wird gebeten.

Grafische Partituren. Quelle: Regine Buddeke

Von Regine Buddeke