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Rheinsberg Wie die Wende 1989 nach Rheinsberg kam
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19:23 09.10.2019
Hans-Norbert Gast gründete vor 30 Jahren das Neue Forum in Rheinsberg. Quelle: Feliks Todtmann
Rheinsberg

Die Wende in Rheinsberg begann mit einem Lied: Hunderte sangen am 3. November 1989 „Gib uns Weisheit, gib uns Mut“ bei der ersten Friedensandacht in der St.-Laurentius-Kirche. „Das gemeinsame Singen hatte eine unglaubliche Wirkung: Es befreite uns für kurze Zeit von der Angst, die wir alle hatten“, erinnert sich Hans-Norbert Gast, der die Andacht damals mit der Rheinsberger Bürgerinitiative organisiert hat.

„Die Kirche war randvoll“, sagt Gast. So voll, dass ein Fernsehteam aus West-Berlin nicht zum Altar durchkam, um Bilder von der Menge aufzunehmen. Die Leute hoben die Reporter kurzerhand hoch und trugen sie auf ihren Händen nach vorn – samt Kameraausrüstung.

Hans-Norbert Gast hatte zuvor regelmäßig an Friedensandachten in der Berliner Gethsemanekirche teilgenommen. Die Gottesdienste in Berlin und anderen Städten waren die Keimzellen der Friedlichen Revolution in der DDR.

Verhaftungen und Misshandlungen durch die Stasi

Aus der Tagesschau erfuhr er damals, dass Teilnehmer der Friedensandachten in Berlin und Leipzig von der Staatssicherheit verhaftet und misshandelt worden waren: „Die Leute wurden teilweise in Keller gebracht und mussten die ganze Nacht lang stehen. Manche wurden gezwungen, sich nackt auszuziehen.“ Das war für ihn der Anstoß, selbst etwas zu unternehmen.

Hans-Norbert Gast begann, Informationen über die Verhaftungen in einem Hefter zusammenzutragen. Auf die Mappe schrieb er: „Einsicht kann man von keinem verlangen, dem man die Aussicht verweigert.“ Er verlieh die Sammlung an Freunde und Arbeitskollegen, damit diese sich ein eigenes Bild von der Lage in der DDR machen konnten.

Viele waren der gleichen Meinung wie Gast: So kann es nicht weitergehen. Am 30. Oktober 1989 gründeten sie die Rheinsberger Bürgerinitiative – in einem Haus der Kirche. Denn die Angst vor Repressalien durch die Staatsmacht war groß: Eine Familie, die den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 öffentlich anprangerte, musste Rheinsberg innerhalb von 48 Stunden verlassen, ihr Haus wurde verkauft.

Gasts Tagebuch von damals – ein zeithistorisches Dokument

Gast und seine Frau begannen Vorkehrungen zu treffen: Im Falle ihrer Verhaftung sollten die drei Kinder des Ehepaares, damals 16, 14 und neun Jahre alt, nicht in ein staatliches Heim, sondern zu Hans-Norbert Gasts Bruder kommen, das Haus sollte seiner Mutter überschrieben werden. „Wir hatten ständig Angst, Haus, Familie und Beruf zu verlieren“, sagt er.

Fotos aus der Zeit des Neuen Forums in Rheinsberg gibt es deswegen nicht: Zu groß war die Angst, Beweismittel für die Stasi zu schaffen. Auch schriftliche Notizen fertigte die Aktivisten nicht an. Hans-Norbert Gast schrieb seine Erinnerungen später in einem Tagebuch auf. Es ist wahrscheinlich die einzige Quelle für die Geschichte des Neuen Forums in Rheinsberg.

Hans-Norbert Gast führte Tagebuch in der Wendezeit. Das Heft ist heute eine der wenigen Quellen zur Geschichte des Neuen Forums in Rheinsberg Quelle: Feliks Todtmann

Noch vor der ersten Rheinsberger Friedensandacht Anfang November formulierte die Gruppe ihre Forderungen: Zum einen unterstützte sie den Aufruf „Aufbruch 89“ des Neuen Forums, der eine demokratische Umgestaltung der DDR forderte. Zum anderen stellte sie konkrete Forderungen für Rheinsberg und Umgebung: Umweltschutz, Entmilitarisierung und eine Reform des Wahlrechts.

„Wir haben beide geheult“

Den Fall der Mauer am 9. November verschliefen die Gasts. Am Abend hatten sie Generalprobe mit dem Rheinsberger Carneval Club, gegen Mitternacht fielen sie erschöpft ins Bett. Die Nachricht von der Grenzöffnung erreichte sie erst am nächsten Morgen: „Wir haben beide geheult“, erzählt Hans-Norbert Gast und schluckt. Noch heute werden seine Augen glasig, wenn er von diesem Tag im November spricht.

Von Feliks Todtmann

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