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Ostprignitz-Ruppin Rheinsberg ist ein Lebensgeschenk
Lokales Ostprignitz-Ruppin Rheinsberg ist ein Lebensgeschenk
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11:40 28.12.2018
Rheinsbergs Schloss-Kustos Detlef Fuchs geht Ende 2018 in den Ruhestand. Quelle: Peter Geisler
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Rheinsberg

Werke von Maler Wolfgang Wegener hängen im Büro von Detlef Fuchs. Es sind Momentaufnahmen aus dem Rheinsberger Stadtbild, darunter eine stimmungsvolle Szenerie aus dem Schlosspark, eines von Fuchs Lieblingsbildern. „Allesamt Auftragsarbeiten aus den späten 1980er Jahren“, sagt der Kustos des Rheinsberger Schlosses. „Sie waren Teil einer Ausstellung, die 1991 eine Woche vor der Eröffnung des Schlosses stattfand und hiergeblieben sind.“

1987 hat Detlef Fuchs die Arbeit als Kastellan im Schloss Rheinsberg begonnen. Seit 2003 ist der Germanist und promovierte Geschichtswissenschaftler als Kustos bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten tätig.

Fuchs sitzt am großen Besuchertisch in seinem Zimmer, der vormals im Audienzzimmer stand. Ein Hauch Wehmut liegt in seiner Stimme. Der promovierte Historiker hängt an den Gemälden, auf die er Zeit seines Arbeitslebens geblickt hat. „Sie gehen zu Peter Böthig ins Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum.“

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Nach 31 Jahren verlässt Detlef Fuchs Schloss Rheinsberg, das er federführend als Museumsensemble aufgebaut hat. Ende des Jahres geht er in den Ruhestand. Eine Nachfolge für ihn wird es geben, wenn auch in etwas anderer Form.

Museum parallel zum Sanatorium

1987, noch zu DDR-Zeiten, hatte für den Mann aus Dahme/Mark alles angefangen. „Ich habe Germanistik und Geschichte studiert und befand mich gerade in meiner Promotion über das 18. Jahrhundert, da ergab sich die Möglichkeit in Rheinsberg“, erzählt der heute 63-Jährige und schenkt grünen Tee zum Gespräch ein, den er auf die Minute genau hat ziehen lassen. „Im Schloss war das Sanatorium untergebracht. Parallel dazu sollte ich ein Museum und eine Literaturstätte vorbereiten.“

Dann kam die Wende und am 1. April 1991 wurde das Rheinsberger Königshaus an die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg übergeben. „Ich war damals Kastellan und angestellt beim Bürgermeister. In nur fünf Wochen, zu Himmelfahrt, sagte dieser, sollen Besucher durch die Schlosstüren kommen.“ Ein unmögliches Unterfangen? „Nein“, gesteht Detlef Fuchs. „Auch wenn hierin ein Sanatorium für 170 Diabetes-Patienten war und erst drei Räume zu DDR-Zeiten saniert worden waren, der Charakter der Zimmer war nicht weg.“

Und so wurden innerhalb kürzester Zeit Klinikbetten, Schränke, Waschbecken entfernt und 20 Räume im Obergeschoss so weit hergerichtet, dass erste Kunstwerke zurückkehren konnten. Fuchs wollte jedoch „kein weiteres Filzpantoffel-Museum schaffen“. Schon zu Preußenkönig Friedrichs Zeiten gab es Konzerte sowie Gespräche über Kunst und Literatur im Rheinsberger Schloss. Daher war dem Kustos klar, dass es außer dem Museum eine Galerie für zeitgenössische Kunst und ein Literaturmuseum geben sollte. „Die Hälfte der Besucher, die nach Rheinsberg kommen, haben Tucholsky im Kopf.“

Kein weiteres Filzpantoffel-Museum

Die Rechnung ging auf. Am 6. Mai 1991 eröffnete das Schloss mit seiner malerischen Lage am Grienericksee. Erst einmal mit leeren Zimmern, dafür mit ersten Urbeständen: Unter anderem zwei Wandbildern in der Vorkammer, die zur ersten Raumausstattung von 1740 gehörten. Allein 100 000 Besucher kamen im ersten Dreivierteljahr. „Heute sind es bis zu 60 000.“ Über zwei Millionen Gäste waren es insgesamt seit der Eröffnung.

Hinter anderen deutschen Königssitzen muss sich Schloss Rheinsberg nicht verstecken, findet Kustos Fuchs. „Wir sind die Urzelle von Sanssouci“, stellt er klar. „Schon 1737 hatte Friedrich II. davon gesprochen, dass Rheinsberg sein Sanssouci sei.“ Als Kronprinz habe dieser hier glückliche Jahre verlebt. „Erinnerungen an Schloss Rheinsberg finden sich an seinen späteren Bauprojekten wie Sanssouci und dem Neues Palais.“ Später ging das Rheinsberger Anwesen an Friedrichs Bruder Heinrich (1726 bis 1802), der hier 50 Jahre lang lebte.

Seit dessen Tod gab es in der Schlossanlage keine so tiefgreifenden Wiederherstellungsarbeiten wie ab 1991 unter dem Schirm der Stiftung und mit Detlef Fuchs’ Zutun. Mit den neuen Nutzungen als Museumsschloss und Literaturmuseum, als Wirkungsstätte von Kammeroper und Musikakademie, erhielt das Ensemble unvergleichbar neue Qualitäten.

Vom Kastellan zum Kustos

„Auf Dauer für Schloss, Galerie und Literaturmuseum zuständig zu sein, war jedoch zuviel“, sagt Fuchs. „Ich musste mich für einen Sektor entscheiden. Seit 2003 bin ich nun Kustos für Architektur und Denkmalpflege und arbeite für die Stiftung.“ Neben Rheinsberg betreut er die Berliner Schlösser Charlottenburg und Schönhausen.

Rund 43 Millionen Euro flossen zwischen 1991 und 2015 in die Sanierung und Restaurierung des Gebäude-Ensembles und Lustgartens am Grienericksee. Bis heute stoßen Besucher immer wieder auf Unvollendetes. Genau das mache den Reiz aus, gesteht Fuchs. „Der Prozess war für die Leute von Anfang an spannend. Sobald etwas fertig war, haben wir es gezeigt.“

Und so hat der Schloss-Kustos Dächer und Fassaden instandsetzen lassen, den Marstall zum Besucherzentrum umgestaltet, dass 1945 zerstörte Theater wiederaufgebaut sowie Obelisk, Schlossinsel und 2008 dann die Egeriagrotte. 2017 ließ er den Fußboden vom Salon im Schlosspark sanieren. Zu den 36 umfassend restaurierten Schlossräumen gehören die berühmte Bibliothek Friedrichs II., die Paradeschlafkammer des Prinzen Heinrich, der Spiegelsaal und der Muschelsaal, dessen Restaurierung 2015 begann und 2017 vollendet war.

Geht nicht, gab es nie

Geht nicht, gab es bei Detlef Fuchs nie: „Ich habe immer alles durchgesetzt.“ Aber, und das ist ihm wichtig: „Das Schloss ist ein Gemeinschaftswerk.“ Fuchs’ persönliches Highlight war die Ausstellung im Jahr 2002 zum 200. Todestag von Prinz Heinrich. „Wir bekamen viele Leihgaben für die drei Monate. Eine Bildteppichserie von Hohenzollern wurde sogar zur Dauerleihgabe. Mit dieser Ausstellung haben wir zum ersten Mal nach 1945 das Schloss komplett zugänglich gemacht.“

Als Kustos hätte er seinen Traumjob gehabt. „Rheinsberg ist ein Lebensgeschenk. Ich hatte mit so vielen unterschiedlichen Fachleuten zu tun. Das hat das Ganze spannend gemacht. Ich finde die Vielfalt des Lebens faszinierend. 30 Jahre im Beruf habe ich nur gelernt. Meine Arbeit war meine Ausbildung.“

Er war immer zielstrebig. „Und fremdbestimmt“, gesteht er. „Ich habe studiert, meine Promotion in drei Jahren durchgezogen, war nie auch nur einen Tag arbeitslos.“ Nun freut er sich auf spontane Unternehmungen. „Ich werde mir eine Bahncard kaufen und mich dann einfach mal in den Zug setzen.“ Die historischen Gärten von Machern unweit von Leipzig möchte er sich ansehen oder auch die Händelstadt Halle.

Man muss loslassen können

Gerade kommt er von seiner ersten Fernreise zurück. „Ich war spontan in Vietnam und Kambodscha. Es war ein Kontrastprogramm zu barocken Bauten und eine Reise zu mir.“ Der Mann aus Dahme/Mark ist mit dem Vietnamkrieg groß geworden. „Nun habe ich gesehen, was aus unserer Unterstützung geworden ist. Allein drei Reiseführer, mit denen ich unterwegs war, haben ihre Sprachausbildung in der DDR gemacht.“ Künftig wolle der Schloss-Experte mehr reisen. Die Fernreise war ein erster Schritt. „Man kann nicht das Leben nachholen, aber muss anfangen, Dinge umzusetzen.“ Unsere Zeit sei begrenzt.

„Ich gehe mit gutem Gewissen in den Ruhestand“, so Fuchs. Die Hauptinvestitionen im Schlossensemble Rheinsberg seien abgeschlossen. In der Gärtnerei stehen in den nächsten Jahren noch Instandhaltungen an. „Ich bin froh, so gute Kollegen um mich zu wissen, Bereichsbauleiter Frank Karalus und Mathias Gebauer, Leiter Schlossgärtnerei.“ Sie würden das schon machen, und durch den Kunst- und Kulturvereins Rheinsberg bliebe man ohnehin verbunden.

Verabschiedet wurde Detlef Fuchs, der in Neuruppin wohnt, mit einem Kolloquium mit Schwerpunkt Garten. „Und Blick in die Zukunft“, ergänzt der 63-Jährige. „Ich wollte mit Absicht keinen Rückblick.“ Rheinsberg ist sein Herzensobjekt und wird es immer bleiben. Doch nun freut er sich auf andere Projekte und trennt sich dafür auch von seinen Rheinsberg-Ansichten von Maler Wolfgang Wegener. „Man muss loslassen können.“

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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