Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Ostprignitz-Ruppin Stolperstein in Fehrbellin für Herbert Christoph
Lokales Ostprignitz-Ruppin Stolperstein in Fehrbellin für Herbert Christoph
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:56 29.03.2015
Anzeige
Fehrbellin

Hansjürgen Christoph ist erst fünfeinhalb Jahre, als die Nazis seinen Vater Herbert Christoph erschießen. Warum der Vater seinen Wehrdienst verweigert und warum er dafür ermordet wird, ist für das Kind damals völlig unverständlich. Erst als Christoph mit 18 Jahren die Briefe seines Vaters aus dem Gefängnis liest, beginnt er zu begreifen. „Er ist lieber selbst gestorben, als andere zu töten“, sagt der heute 77-Jährige sichtlich bewegt. „Er konnte das einfach nicht mit seinem Gewissen vereinbaren.“

Herberts Weg in den Widerstand war nicht gerade. Gut eine Woche versucht er, sich in Potsdam zum Soldaten ausbilden zu lassen – seinen drei Kindern und seiner Frau Elisabeth zu liebe, die ihn inständig gebeten hatte, dem Einberufungsbefehl zu folgen. Kurz bevor Herberts Einheit in die Ukraine abgezogen werden soll, verweigert der 33-jährige Bibelforscher jedoch seinen Dienst an der Waffe. Die ihm drohende Todesstrafe nimmt er bewusst in Kauf. „Es wäre ein großer Fehler gewesen, wenn ich noch mehr nachgegeben hätte“, schreibt er seiner Frau aus dem Gefängnis. „Wenn es keine gäbe, die dem Herrn treu blieben, wie sollte sich die Schrift erfüllen?“

Anzeige

Entsetzlich schwer muss Herbert dieser Schritt gefallen sein. Er weiß genau, dass er seine Frau und seine drei Kinder einer unsicheren Zukunft überlässt. Die Nazis hatten angekündigt, jegliche finanzielle Hilfe für die Familie zu streichen, sollte Herbert den Wehrdienst verweigern. Er liebt seine Frau. „Glücklich“, schreibt er, „war ich doch nur bei dir.“

Lange Zeit haben Jehovas Zeugen zu den vergessenen Opfern der Nationalsozialisten gehört. Im Dritten Reich gehörte die größte Gruppe der Militärdienstverweigerer dieser Glaubensgemeinschaft an. „Unter Jehovas Zeugen gab es die meisten Hinrichtungen wegen Wehrdienstverweigerung“, sagt der Initiator des Fehrbelliner Stolpersteinprojektes Dirk Leicher. In den Konzentrationslagern waren Jehovas Zeugen mit einem eigenen Zeichen – einem lila Winkel – gekennzeichnet. 274 Jehovas Zeugen waren von den Nazis ermordet worden, weil sie nicht Teil ihrer Tötungsmaschinerie werden wollten und den Dienst an der Waffe verweigerten.

Jugendliche aus den Clubs der Berlin-Brandenburgischen Landjugend wollen den Stolperstein pflegen und zugleich auch die Geschichte Fehrbellins während der NS-Diktatur erforschen. „Mich interessiert einfach alles, was zu dieser Zeit passiert ist“, sagt der 18-jährige Fehrbelliner Carl Freydank. Das Heimatmuseum hat die Jugendlichen bereits eingeladen, ein Blick in sein Archiv zu werfen.

Herbert Christoph trat Jehovas Zeugen 1932 bei. Seine Verfolgung durch die Nazis beginnt früh. 1936 wird der Melker angeklagt, weil er sich in Fehrbellin mit zwei anderen Bibelforschern getroffen hatte.

Von Frauke Herweg

Ostprignitz-Ruppin Nachbarschaftsfest in der Rote-Mühle-Siedlung - Wittstock setzt Zeichen gegen Neonazis
01.04.2015
Ostprignitz-Ruppin Thomas Rühmann in der Neuruppiner Kulturkirche - Musikalische Geschichte eines Totgeglaubten
29.03.2015
Polizei Ostprignitz-Ruppin: Polizeibericht vom 29. März - Hustenanfall mit Folgen
29.03.2015