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Ostprignitz-Ruppin Fontanes unbekannte Notizen: Eine Sommerreise durchs Ruppinsche
Lokales Ostprignitz-Ruppin Fontanes unbekannte Notizen: Eine Sommerreise durchs Ruppinsche
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00:24 22.09.2018
Gabriele Radecke von der Fontane-Arbeitsstelle an der Uni Göttingen hält Kopien des bisher unbekannten Notizbuchs „Sommerreise durchs Ruppinische“ in den Händen. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti
Karwe

„Die sanft hier ruhn, die sind verwandelt. Befreit von Erdensorg und Pein, und wer nach Christi Wort gehandelt, darf sich der Gnad des Richters freuen.“ Mit dieser Inschrift innen am „hübschen Feldsteinportal mit drei Eingängen“, wie Theodor Fontane es formulierte, beginnen Aufzeichnungen des Schriftstellers zu Karwe in seinem Notizbuch „Sommerreise durchs Ruppinsche“. Entstanden 1864, zwei Jahre, nachdem Band eins namens „Die Grafschaft Ruppin“ aus der Reihe „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ in den Buchhandel kam.

Fontanes Notizen zu Karwe oder besser Carwe, wie es früher geschrieben wurde, und weiteren rund 20 Dörfern im Ruppiner Land seien in der Gänze noch nie veröffentlicht worden, versichert Wissenschaftlerin Gabriele Radecke: „Nachdem die erste Auflage zu den Wanderungen sehr gut lief, sagte Fontanes Verleger, dass es eine zweite Auflage geben sollte.“

21 unbekannte Notizbücher zu Wanderungen

Mit Kopien des Sommerreise-Notizbuchs in der Hand steht die Leiterin der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle an der Universität Göttingen im Kirchhof von Karwe. Radecke entschlüsselt seit 2011 zusammen mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen 67 Fontane-Notizbücher, 21 Stück allein zu den „Wanderungen“-Material. Gefördert wird das umfangreiche Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Brougier-Seisser-Cleve-Werhahn-Stiftung.

„In der zweiten Auflage des Ruppin-Bandes erschien ein Kapitel zu „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“. Die Aufzeichnungen aus dem Sommerreise-Notizbuch dienten als Grundlage“, sagt die Wissenschaftlerin.

„In der dritten Auflage ist das Kapitel wieder verschwunden. Ich suche nach einer Erklärung, nehme aber an, es passierte aus Platzgründen.“ Lediglich im Anhangsband (Buch sechs) der Großen Brandenburger Ausgabe sei es enthalten. „Aber wer schaut dort hinein?“

Das Notizbuch Sommerreise durchs Ruppinsche im Original. Quelle: Theodor Fontane-Arbeitsstelle Uni Göttingen

Keiner, außer Wissenschaftlerin Radecke und ihren Mitstreitern, weiß von Fontanes Beobachtungen und Reisen in jenem Sommer. Seit 1865 sind die Dörfer und Flecken im Land Ruppin im Haupttext der „Wanderungen“ verschwunden. Radecke macht sie nun wieder sichtbar.

Als Herausgeberin veröffentlicht sie am 20. September 2018, Theodor Fontanes 120. Todestag, seine Notizbücher in digitaler Form. Unter fontane-notizbuecher.de einzusehen. „Die 67 Notizbücher werden mit der digitalen Edition erstmals als Gesamtausgabe publiziert. Wir haben alle Textabschnitte entziffert, etwa 10 000 Seiten, codiert und kommentiert.“

Notizbücher auf Auktion erworben

Die „Sommerreise durchs Ruppinsche“, ist als Notizbuch „A1“ gelistet. Wer es im Online-Portal aufschlägt und auf verschiedenen Seiten mit der Maus drüberfährt, sieht Ergänzungen, Weggestrichenes und Korrigiertes von Theodor Fontane.

Eigentümerin der Notizbücher ist die Staatsbibliothek zu Berlin. Diese hat die wertvollen Aufzeichnungen des deutschsprachigen Schriftstellers auf einer Auktion 1933 erworben. „Wir haben alle Notizbücher im Original sehr lange eingesehen und analysiert“, so Radecke. „Die Digitalisierung wurde unter meiner Leitung vorgenommen. Bei der Transkription haben wir immer wieder Einzelstellen an den Originalen überprüft.“

Die Handschrift des großen Meisters zu entschlüsseln ist hohe Kunst. Ein ausgetüfteltes Zusammenwirken philologischer und digitaler Methoden war nötig und natürlich musste Gabriele Radecke für ihre Arbeit Fontanes Schreibschrift selber lesen lernen.

„Das war Learning bei doing“, sagt sie lachend. „Ich bin seit 20 Jahren mit Fontane zugange, habe seine Aufzeichnungen mit bereits Gedrucktem verglichen.“ 62 Blatt enthält die „Sommerreise durchs Ruppinsche“, das macht 124 Vorder- und Rückseiten.

Noch heute stehen Original-Exponate, die Fontane genau beschrieb, in der Dorfkirche von Karwe. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Fontane hat nicht nur geschrieben. „Er hat geschnitten, geklebt, skizziert“, sagt Gabriele Radecke. „Er war ein extrem visueller Mensch, hat Dinge genau festgehalten.“ Auch das Feldsteinportal zum Kirchhof Karwe hat er skizziert, dann die Begräbnisstätte der Familie von dem Knesebeck genau unter die Lupe genommen und die Kirche mit Altar detailliert beschrieben in jenem Sommer 1864.

„Meist zog es ihn in den Orten zu den Kirchen. Wegen der Grabmäler der Familien.“ Ihm sei es um Personen und ihre Geschichten gegangen.

Orte für Überarbeitung nochmals aufgesucht

„Immer wieder suchte er ihm schon bekannte Orte auf, um zu sehen, was Neues hinzugekommen ist. Er reagierte er auf Aktuelles“, erklärt Gabriele Radecke. Zum Ruppiner Land hatte er einen besonderen Bezug, war er doch 1819 in Neuruppin zur Welt gekommen.

Die erste märkische Wanderung unternahm Fontane 1859 ins Ruppinsche. Dem Ort Karwe widmete er eines seiner ersten Kapitel in den 1862 erschienen „Wanderungen“. Unvergessen ist die Seeschlacht zwischen Wustrau und Karwe.

Im Sommer 1864 besuchte er dann für die Überarbeitung der ersten Auflage auf seiner Sommerreise außer Karwe weitere Dörfer. Wildberg, Lögow, Rohrlack, Gartz, Wustrau, Gnewikow, Buskow, Gentzrode, Walsleben, Binenwalde oder Metzelthin hielt er in seinem Notizbuch fest.

Zu Gast bei Von dem Knesebecks

Gabriele Radecke zeigt über den Kirchhof von Karwe, der in mittägliche Stille gehüllt ist: „Hier brachte Fontane seine Eindrücke im Jahr 1864 zu Papier“. Besuchte dann Von dem Knesebecks, wo er ein gern gesehener Gast war. Viele Gemälde, die auch schon Fontane mit eigenen Augen gesehen hat, hängen noch heute bei der Familie im Haus. Diese lebt im ehemaligen, herrschaftlich ausgebauten Pferdestall, nachdem es das Schloss nicht mehr gibt.

„Im Fontane-Jahr 2019 zeigen wir eine Ausstellung mit dem Parkverein Karwe, die mit der Leitausstellung im Museum Neuruppin korrespondiert“, sagt Radecke. Sie begleitet das Programm, führt Interessierte bestimmt auch an den Kirchhof – den Ort des Fontane-Geschehens.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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