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Ostprignitz-Ruppin Wandern nach Fontanes Notizen: Zu Besuch in Ganzer
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wandern nach Fontanes Notizen: Zu Besuch in Ganzer
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10:11 12.07.2019
Die „Cabrio-Kirche“ von Ganzer, seit 1973 ohne Dach. Quelle: Robert Rauh
Ganzer

Fontane hatte die Qual der Wahl. Auf welcher Seite sollte er anhalten, nachdem er am 11. August 1861 die Ortsgrenze von Ganzer passiert hatte? „Wir [...] schwanken“, schreibt er in den „Wanderungen“, „ob wir unser Fuhrwerk nach links oder rechts hin lenken sollen, denn scharf einander gegenüber erblicken wir zwei Krugwirtschaften, jede mit dem üblichen Vorbau, jede mit einer Anzahl Stehkrippen und jede mit einem Wirt in der Tür.“

Ganzer hatte nicht nur zwei Gaststätten („Krüge“), sondern auch zwei Herrenhäuser und zwei Grabgewölbe zu bieten. Dass Fontane alles doppelt vorfand, war einer topografischen Besonderheit des Ortes geschuldet.

Für den Wanderer doppelt interessant

Es sei diese „deutlich sichtbare Zweiteilung“, die Ganzer für ihn „doppelt interessant“ werden lasse, teilte er seiner Freundin Mathilde von Rohr unmittelbar nach seinem Besuch im „reizenden“ Ganzer mit. Der Fahrweg sei die Grenze, „was links liegt, ist alt-Rohrscher, was rechts liegt, alt-Jürgaßscher Besitz“.

Die Autoren: Gabriele Radecke & Robert Rauh

Gabriele Radecke, geboren 1967, studierte Germanistik, Politik- und Rechtswissenschaft und promovierte zu Fontane. Sie ist Trägerin des Preises des Stiftungsrates der Universität Göttingen. Seit 2010 leitet sie die von ihr gegründete Fontane-Arbeitsstelle der dortigen Universität. Seit 2010 ist sie Mitherausgeberin der „Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe“ und hat gerade sämtliche Notizbücher Fontanes digital ediert. Die digitalen Notizbücher kann man hier einsehen.

Robert Rauh, geboren 1967 in Berlin, ist Historiker, Lehrer und Seminarleiter. Er arbeitet als Herausgeber von Lehrbüchern und Träger des Deutschen Lehrerpreises. 2017 veröffentlichte er sein Buch „Fontanes Fünf Schlösser“, 2018 „Fontanes Frauen“, in denen er die Werke Fontanes unter die heutige Lupe nimmt. Gerade ist sein neues Buch „Fontanes Ruppiner Land“ erschienen. Weitere Rechercheergebnisse und Ausflugstipps gibt es hier.

Nur die „Dorfgasse samt Kirchhof und Kirche“ gehörten allen. In seinem Notizbuch hat er diese ungewöhnliche „Zwei­teilung“ Ganzers in einem Lageplan skizziert.

Fontane hatte die Wahl, wir nicht

Fontane entschied sich „endlich für links“ und war „infolge dieser Wahl, ohne Wissen und Wollen auf der Rohrschen Seite gelandet“. Er betrat den Krug, plauderte mit dem Wirt und trat anschließend auf die „malerische Dorfstraße hinaus“.

„Halb gemütlich, halb spukhaft“: das alte Rohrsche Herrenhaus im neuen Gewand, 2018. Quelle: Robert Rauh

Hinter hohen Ulmen und Linden schimmerten die weißen Wände des alten Rohrschen Herrenhauses. Es sei ein „weitschichtiger Fachwerkbau mit schwerfälligen Flügeln und Doppeldach, der halb gemütlich, halb spukhaft dreinblickt, je nach der Stimmung, in der man sich ihm nähert, oder nach der Beleuchtung, die zufällig um die Kronen der alten Ulmen spielt“.

Empfang im „Jürgaßschen Herrenhause“

Wer erwartet, Fontane würde nun hineinspazieren, wird enttäuscht. Er lief vorbei. Empfangen wurde der Wanderer stattdessen im „Jürgaßschen Herrenhause“ – auf der rechten Seite. Ob er wie bei den Krügen am Dorfeingang auch bei den Herrenhäusern eine Wahl hatte, bleibt sein Geheimnis.

Heute hat man keine Wahl mehr. Die Zweiteilung ist längst Geschichte. Weder die Wirtshäuser noch das Gutshaus der Familie von Jürgaß existieren noch. Bleibt also nur das „Rohrsche Herrenhaus“.

„Glücklich unterwegs ... und frei“

Dem alten „Fachwerkbau“ begegnen wir in guter „Stimmung“; er schaut „gemütlich“ drein. Die weiße Fassade mit den filigranen Sprossenfenstern und den schwarz gestrichenen Balken bildet den passenden Dresscode für einen lauen Sommerabend. Und die roten Biberschwänze leuchten in der untergehenden Sonne wie ein frisch gewaschener Hut. Als stünde das Casting für einen Märchenfilm der Defa bevor.

Hier wohnen die Mason Browns. Weil sie sich Fontane verpflichtet fühlen, haben sie zu seinem 200. Geburtstag eine Ausstellung organisiert, in der Berliner Studenten ihren künstlerischen Blick auf den Dichter präsentieren.

Die Schau, die noch bis Ende Oktober zu sehen ist, findet in der „Cabrio-Kirche“ – einem Gotteshaus ohne Dach – statt, gleich nebenan. Und trägt den fontanistischen Titel: „Glücklich unterwegs ... und frei“.

Lesen Sie dazu auch:

Fontanes Wanderungen müssen neu bewertet werden

Lesen Sie dazu aus unserer Reihe „Wandern nach Fontanes Notizen“:

Meseberg in Fontanes Notizbüchern

Gentzrode – ein ungewöhnliches Gut

Brunn – Die fehlende Stufe

Garz – Ein Unikat

Gransee – Fontanes Zwangsaufenthalt

Ebenfalls finden Sie hier auch unsere Reihe „Fontanes vergessene Orte“:

Wulkow – ersatzlos gestrichen

Wildberg – das Dorf mit dem höchsten Kirchturm

Wie Bechlin in den Bann geriet

Buskow Trauma des Husarengenerals Zieten

Kampehl – Ritter Kahlbutz spukte auch bei Fontane

Wuthenow – Fontanes Dichtung und Wahrheit

Barsikow – Der Streit um das Luch

Binenwalde – Der Dichter und die schöne Sabine

Von Gabriele Radecke und Robert Rauh

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