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Wittstock/Dosse Leben wie in einer großen Familie
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Leben wie in einer großen Familie
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00:48 15.04.2018
Von der Volkssolidarität gab es zum Geburtstag noch einen großen Präsentkorb, über den sich auch Ernst Wolgem (2. v. l.) freute. Quelle: Christian Bark
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Wittstock

Der Ofen wird schon angeheizt, gleich können die Pizzableche darin backen. Die gibt es zur Feier des Tages, denn die Demenz-Wohngemeinschaft in der Rheinsberger Straße feiert an diesem Mittwochabend ihr zehnjähriges Bestehen. Zwiebellauch, Paprika, Schinken – alle denkbaren Zutaten schnippeln die Bewohner fertig, um sie dann auf dem Teig zu verteilen. „Jeder macht das, was er noch kann“, erklärt Stephanie Diderich. Sie ist seit Anfang des Jahres Angehörigensprecherin in der WG. Seit fast zwei Jahren lebt ihre Oma Käthe Hornig dort. „Ich habe die Aufgabe vor allem meiner Oma zuliebe übernommen“, sagt die 30-Jährige.

Das Gebäude gehört der GWV. Quelle: Christian Bark

Diese besteht unter anderem darin, die Treffen des Angehörigenrats einmal im Quartal zu organisieren und mit Angehörigen potenzieller neuer Mitbewohner auf Tuchfühlung zu gehen. In der WG sollen sich alle soweit wie möglich mit einbringen – auch die Angehörigen. Mindestens zweimal die Woche kommt Stephanie Diderich ihre Oma besuchen. Obwohl sie in Grabow wohnt und in Neuruppin arbeitet. „Sie ist ne ganz Liebe“, lobt Käthe Hornig ihre Enkelin. Beim Schinkenschneiden hilft ihr Urenkel Pepe. Für den Vierjährigen gehören die Ausflüge mit seiner Mutter oder Oma Lorina Dräger, der Tochter von Käthe Hornig, in die Demenz WG zu den Highlights, wenn er in Wittstock ist.

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Oma Käthe lebte erst ganz allein in ihrem Haus

„Erst hatte ich ganz schön mit mir zu kämpfen, meine Mutter ’wegzugeben’“, berichtet Lorina Dräger. Mittlerweile sei ihr aber bewusst, das es kaum eine bessere Wohnform für Menschen mit Demenz gebe. „In ihrem Haus war sie zu lange allein, nachdem ihr Mann gestorben war“, sagt sie. Nun lebe ihre Tochter Stephanie mit ihrer Familie im Haus und die 84-jährige Oma Käthe in der Rheinsberger Straße.

Christa Dunkelmann (v. r.) und Käthe Hornig wagen noch ein Tänzchen. Quelle: Christian Bark

Bevor es Essen gibt, wird noch einmal die Musik etwas lauter gedreht. Käthe Hornig, ihre Mitbewohnerin Christa Dunkelmann und Pflegerin Doris Tägder fassen sich an den Händen und tanzen. „Wo Oma Käthe auftaucht, wird immer viel getanzt“, freut sich Stephanie Diderich beim Zugucken, wie die zwei älteren Damen plötzlich strahlen. Derweil ist Ernst Wolgem weiter fleißig und verteilt mit seiner Schwiegertochter Marion Zwiebellauch auf dem Pizzateig. „Früher wäre er zur Küchenarbeit weniger bereit gewesen“, sagt die Schwiegertochter über den 85-Jährigen. Aber gemeinsam mit den anderen Bewohnern mache das eben doch Spaß. Ernst Wolgem kommt eigentlich aus Kleinmachnow. Dort hatte der ehemalige Feuerwehrmann – ein Feuerwehrmannbild klebt auch zur Orientierung an seiner Zimmertür – im „Betreuten Wohnen“ gelebt. „Da war er zu allein und hat ganz schön abgebaut“, berichtet Marion Wolgem. In Wittstock sei er wieder etwas fröhlicher geworden. Und auch Käthe Hornig verbringt viel lieber Zeit in der Gemeinschaft als allein, wie sie betont. „In meinem Zimmer bin ich selten“, sagt die 84-Jährige.

Christa Dunkelmann war früher bei der Post. Zur Orientierung hängt das Symbol an ihrer Zimmertür. Quelle: Christian Bark

„Das ist wie in einer großen Familie“, beschreibt Lorina Dräger die WG. „Es ist auf jeden Fall wesentlich entspannter als im Heim“, weiß auch Andrea Schiller, Pflegedienstleiterin von der Volkssolidarität, die die WG betreut. Wenn sie mal so erkranken sollte, würde sie auch gerne in so einer WG leben, sagt sie. Als Geschenk zum 10. Geburtstag hat sie den WG-Bewohnern einen großen Präsentkorb mitgebracht. Zum Pizzaessen kann sie allerdings nicht bleiben, weil sie weitere Termine hat.

Dafür lassen sich die sieben Bewohner die Ware von den Blechen aber schmecken. Ab Mai wird es einen achten Bewohner in der Rheinsberger Straße 28 geben, wie Stephanie Diderich ankündigt. Mit den Angehörigen habe sie schon alles abgeklärt.

Auch die Angehörigen sind mit eingebunden

Seit 2008 gibt es die Demenz-WG in der Rheinsberger Straße 28. Dort saß zuvor die Gebäude- und Wohnungsverwaltung (GWV). Sie vermietet die Zimmer an die Bewohner. Die Pflege übernimmt die Volkssolidarität.

Rund 330 Euro Warmmiete kostet ein Zimmer. Dazu kommen 150 Euro Wirtschaftsgeld, das unter anderem für die Verpflegung verwendet wird. Die Pflegekosten sind abhängig vom jeweiligen Pflegegrad. Hilfe bei der Antragstellung bietet die Volkssolidarität.

Sieben Tages- und drei Nachtkräfte kümmern sich um die Pflege. Zudem sind die Angehörigen aktiv in Entscheidungsprozesse und Aufgaben eingebunden. Sie organisieren sich im Angehörigenrat. Auch die Meinung der Bewohner spielt eine Rolle.

Von Christian Bark

15.04.2018
14.04.2018