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Wittstock/Dosse Bewährung für Unfallfahrer: Vanessas Eltern sprechen von „Justizskandal“
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Bewährung für Unfallfahrer: Vanessas Eltern sprechen von „Justizskandal“
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16:18 28.10.2019
Silke und Thomas Fitz aus Dossow im Zimmer ihrer 2016 verunglückten Tochter Vanessa. Quelle: Björn Wagener
Dossow

Ein Jahr und neun Monate auf Bewährung– dieses Urteil verhängte des Landgericht Neuruppin am vergangenen Freitag im Revisionsprozess gegen Stephan F. .

F. war am 18. September 2016auf der Landstraße von Wittstock in Richtung Dossow in seinem schwarzen Audi mit Vanessa Fitz zusammengeprallt. Die 17-jährige kam ihm auf ihrem Moped entgegen, sie starb noch an der Unfallstelle.

Fassungslos über mildes Urteil

Ihre Eltern Thomas und Silke Fitz sind fassungslos über das aus ihrer Sicht viel zu milde Urteil. „Wenn ich zwei Bier getrunken habe und angehalten werde, bekomme ich eine härtere Strafe“, sagt Thomas Fritz. Auch seine Frau ist am Boden zerstört. „Ich bin geschockt und sprachlos“, sagt Silke Fitz. „Dass so etwas in Deutschland möglich ist!“

Es beginnt mit langem Warten

Die juristische Aufarbeitung des Unfalls empfinden die Eltern von Anfang an als unbefriedigend. Sie beginnt mit einer langen, quälenden Wartezeit. Erst Anfang 2018 beginnt der Prozess vor dem Neuruppiner Amtsgericht. Das Urteil ergeht am 21. März vergangenen Jahres: zwei Jahre Haft ohne Bewährung und Führerscheinentzug von mindestens einem Jahr.

Vanessa Fitz starb am 18. September 2016. Quelle: Privat

Dieses Urteil wird aber nie rechtskräftig, denn Stephan F. geht in Berufung. Von da an ist der Fall am Neuruppiner Landgericht anhängig. Es fällt am 23. Januar 2019 sein Urteil: anderthalb Jahre Haft auf Bewährung, kein Führerscheinentzug. Außerdem muss der Unfallfahrer 6000 Euro an die Opferhilfe zahlen. Das Gericht spricht Stephan F. eine „durchschnittliche Pflichtverletzung“ zu.

Der Kampf der Staatsanwaltschaft

Dagegen wiederum geht die Staatsanwaltschaft vorm Brandenburgischen Oberlandesgericht (OLG) in Revision, weil sie das Urteil für zu milde hält. Das OLG verweist den Fall zurück ans Landgericht, wo er neu verhandelt werden soll. Dort hat am 25. Oktober eine andere Berufungskammer das genannte Urteil gesprochen: Die Bewährungsstrafe (ein Jahr und neun Monate, ohne Führerscheinentzug), unterscheidet sich kaum vom ersten Berufungsurteil.

„Entscheidend war, ob es Bewährung geben kann oder nicht“, sagt dazu Iris le Claire, Sprecherin am Landgericht. Für den Angeklagten habe gesprochen, dass er nicht vorbestraft, berufstätig und vor und nach dem Unfall nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei. Als Berufskraftfahrer lege er jährlich rund 80.000 Kilometer zurück.

Das kann jedem passieren

Auch bei derart dramatischen Folgen sei sein Verstoß eine Sache, die jedem durchschnittlichen Verkehrsteilnehmer passieren könne – nämlich 16 km/h zu schnell zu fahren und die Kurve zu schneiden. Es gehe hier nicht um einen besonders rücksichtslosen Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung oder Trunkenheit am Steuer. „Man könnte meinen, dass die Folgen hier so dramatisch sind, dass gar nicht an Bewährung zu denken ist, aber so ist es eben nicht. Auch bei einer fahrlässigen Tötung im Straßenverkehr kommt Bewährung in Betracht, wenn der Schuldvorwurf weniger schwerwiegend ist.“

Das Kreuz an der Unfallstelle wird von den Eltern liebevoll gepflegt. Quelle: Björn Wagener

„Er starrte nur auf den Tisch vor ihm, sagte kein Wort. Er verlässt sich auf die Strategie seines Anwalts“, berichten die Eheleute Fitz von der Verhandlung am Freitag. Angesichts des aktuellen Urteils fürchtet Silke Fitz, niemals über den Verlust der Tochter hinweg zu kommen.

Mutter spricht von „Justizskandal

 „Das ist ein Justizskandal. Man bekommt immer noch eins drauf. Es hört nicht auf.“ Dabei hatten die Eltern des getöteten Mädchens große Hoffnungen auf das neue Urteil gesetzt. „Wir waren dabei, wieder einigermaßen ins Leben zurückzufinden, arbeiten beide wieder. Aber jetzt fühle ich mich wie am ersten Tag nach dem Unfall. Unsere Tochter ist zweimal gestorben“, sagt Vanessas Mutter, die zudem mit einer Krebserkrankung zu kämpfen hat. Eine Gefängnisstrafe gegen den Fahrer würde ihr zumindest eine gewisse Genugtuung bringen, sagt sie.

Staatsanwaltschaft gibt nicht auf

Eine solche wird von der Staatsanwaltschaft noch immer angestrebt. „Sie hat gegen das Urteil vom Freitag erneut Revision eingelegt“, sagt Iris le Claire. Die Staatsanwaltschaft will durchsetzen, dass das erste Urteil des Amtsgerichtes bestehen bleibt – also die Haftstrafe ohne Bewährung. Das OLG muss nun abermals über den Fortgang des Falles entscheiden. „Es gibt keine Obergrenze in der Frage, wie oft Revision eingelegt werden darf“, erklärt dazu Iris le Claire.

Die Eltern sind inzwischen der juristischen Auseinandersetzungen müde. Der Verlust der Tochter sei in der Advents- und Weihnachtszeit noch schwerer zu ertragen als ohnehin. „Deshalb verreisen wir in dieser Zeit jetzt immer. Möglichst weit weg“, sagt Silke Fitz.

Das Zimmer von Vanessa ist seit dem Unfall noch so, wie sie es verlassen hat. Die Schultasche steht vor dem Bett, Schminksachen reihen sich auf einem Schrank aneinander, dahinter ein Kalender von 2015. Ein Bild von einem Hundewelpen hängt an der Wand. Alles wirkt, als käme ihre Tochter gleich durch die Tür. Für Silke Fitz steht fest: „Ich lasse alles so, wie es war. Sonst bleibt ja gar nichts mehr von ihr.“

Von Björn Wagener

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