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Wittstock/Dosse Beräumung läuft auf Hochtouren
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Beräumung läuft auf Hochtouren
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18:58 15.08.2018
Landrat Ralf Reinhardt (Mitte) schaut sich geborgene russische Munitionsreste auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz an. Quelle: Björn Wagener
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Es ist ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2020 soll der ehemalige Truppenübungsplatz (TÜP) bei Wittstock komplett von Munitionsresten und Schrott befreit sein – jedenfalls bis zu einer Tiefe von 30 Zentimetern. An dieser Mammut-Aufgabe arbeiten zurzeit drei Munitionsbergungsfirmen. Landrat Ralf Reinhardt sah sich am Mittwochnachmittag bei einer von ihnen um, nahm Einblick in die Arbeitsweise und ließ sich auf den neuesten Stand bringen. Mit dabei: Rainer Entrup von der Bundesforst, Vertreter der Feuerwehr sowie Rheinsbergs Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow.

Gewaltige Dimensionen

Die Dimensionen sind gewaltig. 11.100 Hektar „verdächtige Fläche“ muss im Auftrag des Bundes gesäubert werden. Damit seien momentan 120 Leute auf dem Platz beschäftigt. „Ihre Zahl soll noch auf 150 erhöht werden“, sagt Kay Winkelmann von der Projektsteuerung. Damit wären dann zehn Prozent der in Deutschland verfügbaren personellen Räumungskapazitäten allein auf dem Platz bei Wittstock im Einsatz.

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Bis zu 500 Kilogramm schwere Bomben

Gesucht werde in Zwei-Mann-Trupps mit Sonden, die im Halbkreis flach über den Boden geführt werden. Wenn sich ihr Grundton, den

Bis 2020 soll der Boden des ehemaligen Truppenübungsplatzes bei Wittstock bis in 30 Zentimetern Tiefe von Altmunition befreit sein. Das ist ein ehrgeiziges Ziel.

sie ständig abgeben, verändert, ist etwas im Boden – Streumunition, Bomben, Granaten oder einfach Schrott. „Wir haben hier schon Bomben von bis zu 500 Kilogramm gefunden“, sagt Kay Winkelmann. Sehr häufig komme die sogenannte Shoab-Streumunition russischer Bauart vor. Das sind kleine, handliche Sprengkörper, die von einer Mutterbombe freigesetzt wurden. Rund zehn Stück fänden sich davon pro Hektar.

Es gelten Limits

Beräumt werde ausschließlich bis zu einer Tiefe von 30 Zentimetern. Relevant seien Stücke ab einem Mindestdurchmesser von 25 Zentimetern. Damit solche auch sicher gefunden werden, müsse jede Sonde vor Arbeitsbeginn einem Funktionstest unterzogen werden, sagt Ingo Rücker von der Bergungsfirma Röhll.

Zudem werde ein „Pro-Pointer“ angewandt, ein handliches längliches Gerät, das den Fundort noch genauer lokalisiert. Ragt ein Munitionsstück nur zum Teil in die 30-Zentimeter-Zone und geht noch tiefer, müsse es gesondert entsorgt oder gesprengt werden, sagt Rainer Entrup. Die Entscheidung, wie verfahren wird, werde von Fall zu Fall getroffen. „Etwa zweimal wöchentlich gibt es Sprengungen.“ Was nicht gesprengt wird, werde in einem Depot zwischengelagert und später dem Kampfmittelräumdienst übergeben.

Alles wird dokumentiert

Grundsätzlich würden alle Munitionsfunde dokumentiert – hinsichtlich Bauart, Herstellungsdetails und Fundort. So könne bestimmte Munition bestimmten Arealen zugeordnet werden. Passt ein Fund nicht ins Bild, sei er nachträglich an diese Stelle gelangt. Es könne sein, dass jemand Munitionsreste irgendwo gefunden und woanders wieder fallen gelassen habe, sagt Entrup.

Feuer hilft

Um überhaupt mit den Sonden suchen zu können, müsse die Heide zuvor „gebrannt“ werden. Das heißt, es wird in einem abgesteckten Bereich ein kontrolliertes Feuer gelegt. Erst danach, wenn der hohe Bewuchs verbrannt ist, sei es möglich, mit der Sonde nah genug an den Boden zu gelangen.

Tausende Bomben und Granaten geborgen

Laut Ingo Rücker habe die Firma bisher rund 70 Tonnen Schrott, 15 bis 20 Tonnen Munitionsschrott und 3.800 bis 4.000 Granaten und Bomben gefunden. Er zeigte am Mittwoch auf einen randvoll mit verrostetem Schrott gefüllten Container und sagte: „Das ist das Ergebnis von acht Tagen Arbeit.“

Rund 50 Millionen Euro

Wie viel die Beräumung des Platzes letztlich kosten wird, sei nicht genau zu sagen. „Ich gehe mal von 50 Millionen Euro aus“, vermutet Karsten Pfaue von der Bundesforst-Zentrale.

Auch ob das Ziel bis 2020 tatsächlich zu schaffen ist, sei „nicht zuverlässig zu attestieren“. Das hänge von der Witterung und der Belastungsdichte des Bodens ab.

Von Björn Wagener