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Wittstock/Dosse Ersthelfer halten zu spät an – Frau stirbt
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Ersthelfer halten zu spät an – Frau stirbt
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00:20 31.12.2018
Der Sturz von Hannelore Maria Beier ereignete sich auf dem Radweg an der Röbeler Straße 34 in Wittstock. Die Straße wird gut frequentiert. Quelle: Christamaria Ruch
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Wittstock

Eine 67-jährige Frau war am Montag, 26. November, gegen 10 Uhr in Wittstock mit dem Fahrrad unterwegs. Hannelore Maria Beier fuhr auf dem Radweg in der Röbeler Straße in Richtung Zentrum. Sie stürzte offenbar aufgrund gesundheitlicher Probleme. Frühestens nach fünf Minuten hielt der erste Autofahrer an und leistete erste Hilfe. Zu diesem Zeitpunkt war sie bewusstlos. Hannelore Maria Beier hat den Sturz nicht überlebt. Sie starb am 13. Dezember im KMG Klinikum Wittstock.

Fünf Minuten lag sie unversorgt auf dem Radweg

Ronny Wegner ist der Sohn der Verstorbenen und wandte sich nun an die MAZ, um die Öffentlichkeit wachzurütteln. Seine Mutter hatte gesundheitliche Probleme; die 67-Jährige erlitt beim Radfahren einen Herzinfarkt. „Leider kam die erste Hilfe zu spät“, sagt Ronny Wegner. Denn die Gehirnschäden waren zu diesem Zeitpunkt bereits zu weit fortgeschritten. Dies stellten später die Ärzte im KMG Klinikum Wittstock fest.

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Mindestens fünf Minuten lag die Frau unversorgt auf dem Radweg, das ist die Diagnose der Ärzte. Doch gerade in solchen lebensbedrohlichen Situationen zählt jede Sekunde. „Warum hat erst so spät jemand angehalten?“ Diese Frage stellt sich Ronny Wegner immer wieder.

Der Sturz ereignete sich in Höhe der Röbeler Straße 34, kurz vor dem Abzweig in Richtung Groß Haßlow. Diese Straße wird gegen 10 Uhr gut frequentiert. Dies ergab ein MAZ-Besuch vor Ort – pro Minute passierten an diesem Tag bis zu zwölf Fahrzeuge diesen Abschnitt.

Stabile Seitenlage und dann Notruf

Stefan Iczak war der erste Autofahrer, der am 26. November anhielt. „Ich war mit dem Auto unterwegs, wollte in die Haßlower Chaussee abbiegen, bin dann umgedreht und habe angehalten“, erinnert sich der 38-jährige Wittstocker. Gleichzeitig hielten mit ihm eine Frau sowie zwei Männer an und eilten zu Hilfe. „Ich habe die Frau in die stabile Seitenlage gebracht, einen Notruf abgesetzt und zu viert haben wir dann die Reanimierung eingeleitet, bis der Notarzt eintraf“, erinnert sich Stefan Iczak. Er blieb dann solange bei Hannelore Maria Beier, bis der Rettungswagen in Richtung KMG Klinikum Wittstock abfuhr.

Ronny Wegner ist fassungslos: Wo ist die Mitmenschlichkeit geblieben? Quelle: Christamaria Ruch

„Meine Mutter war nicht betrunken, als sie mit dem Fahrrad hinfiel“, sagt Ronny Wegner. Deshalb drehen sich seine Gedanken immer wieder um die Fragen: Warum hat erst so spät jemand angehalten? Wo ist die Mitmenschlichkeit geblieben?

Ronny Wegner verspürt Ohnmacht und Wut. „Das alles ist für mich unvorstellbar“, sagt er. Der 40-Jährige leistete vor zehn Jahren erstmals erste Hilfe. „Das war im Winter auf der Bundesstraße 167, es war schon dunkel und ein Fußgänger war auf der Straße ausgerutscht. Ich habe ihn von der Straße geholt und die Polizei benachrichtigt“, sagt er.

Der Sohn ist schockiert

Mit Blick auf den Sturz seiner Mutter sagt Ronny Wegner: „Wir werden nie erfahren, wie es gelaufen wäre, wenn sofort jemand geholfen und nicht weggeschaut hätte. Uns ist bewusst, dass ein Herzinfarkt ein schwerwiegender Vorfall ist.“

Ronny Wegner, seine Frau und seine Kinder sind schockiert, ebenso Freunde und Bekannte. „Wir konnten uns nicht von meiner Mutter verabschieden, sie fiel bei dem Sturz ins Koma und wachte nicht mehr auf“, sagt er. Und: „Was ist nur in unserer Gesellschaft los, das kann nicht das Maß der Dinge sein, dass Menschen wegsehen? Wir bringen unseren Kindern von klein auf bei, zu helfen.“

Polizei: Unfallflucht ist kein Kavaliersdelikt

„Unfallflucht ist kein Kavaliersdelikt. Unterlassene Hilfe ist eine schwere Straftat und hat juristische Folgen“, sagt Ariane Feierbach von der Pressestelle der Polizeidirektion Nord in Neuruppin im MAZ-Gespräch. Und: „Jeder ist zur ersten Hilfe verpflichtet.“ Immer wieder erlebt die Polizei Unfälle, bei denen Ersthelfer sich darüber beschweren, dass niemand sonst angehalten hat.

„Die Ersthelfer beschreiben genau die Erfahrungen, wie sie nun in Wittstock abliefen“, so Ariane Feierbach.

Telefonnummern im Portemonnaie mitführen

Damit die Polizei Angehörige von Unfallopfern schneller benachrichtigen kann, ist es ratsam, „wenn Telefonnummern im Portemonnaie aufbewahrt werden“, empfiehlt Feierbach. In Fällen wie bei Hannelore Maria Beier ist es für die Polizei schwierig, den Kontakt zu den Angehörigen herzustellen. Denn Ronny Wegner wohnt in Neu Holland (Oberhavel).

Zum ersten Mal erlebte Stefan Iczak eine Ersthelfersituation, doch er zögerte nicht. „Das ist keine Frage, jeder kann in so eine Situation wie diese geraten“, sagt er.

Gleichzeitig appelliert er an die Bevölkerung: „Wer sich diese erste Hilfe nicht zutraut, sollte aber auf jeden Fall anhalten und einen Notruf absetzen. Man muss einfach nur für den anderen da sein.“

Von Christamaria Ruch