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Wittstock/Dosse Holocaust-Opfer spricht vor Schülern über die Hölle
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Holocaust-Opfer spricht vor Schülern über die Hölle
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00:25 22.03.2019
Die Holocaust-Überlebende Zipora Feiblowitsch berichtete Schülern aus Wittstock und Heiligengrabe über ihre Erlebnisse im KZ Auschwitz-Birkenau. Quelle: Christian Bark
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Wittstock

Als sie 17 Jahre alt war, endete Zipora Feiblowitschs bisheriges Leben in Siebenbürgen abrupt. Zusammen mit ihrer Familie wurde die junge Jüdin 1944 zunächst in ein Übergangslager und danach in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Die 92-Jährige hat das Martyrium überlebt und erzählt heute überall ihre Geschichte. „Damit sich sowas niemals wiederholen kann“, sagte sie am Dienstag in der Wittstocker Bibliothek. Dort sprach sie mit Schülern des Städtischen Gymnasiums und der Freien Schule im Kloster Stift Heiligengrabe über ihre Erlebnisse.

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Jana Kühn erklärte, was das Institut für neue Impulse so alles organisiert. Quelle: Christian Bark

„Irgendwann können wir niemanden mehr fragen, der die Zeit miterlebt hat. Deshalb ist heute ein ganz besonderer Moment“, erklärte Jana Kühn vom Institut Neue Impulse, das solche Zeitzeugengespräche in Brandenburg ehrenamtlich organisiert.

„Nehmt Euch meine Geschichte nicht zu sehr zu Herzen“, sagte Zipora Feiblowitsch zu den Jugendlichen. Sie wolle niemanden anklagen, nur dafür sorgen, dass solche Geschehnisse niemals vergessen würden.

Im KZ erniedrigt und malträtiert

Schon mit der Besetzung Siebenbürgens durch die Ungarn hätten die Probleme für die Juden begonnen. Ihre Brüder hatten ab 1942 Zwangsarbeit leisten müssen, 1944 wurde die Familie mit tausenden anderen Juden nach Auschwitz gebracht. „Im Waggon waren 100 Menschen zusammengepfercht“, berichtete die Zeitzeugin.

In Auschwitz waren die jungen Frauen geschlagen, geschoren und erniedrigt worden. SS-Arzt Josef Mengele erklärte ihnen, dass der schwarze Rauch aus den Schornsteinen der Krematorien die Überreste ihrer Eltern sei.

Ihre Erlebnisse hat Zipora Feiblowitsch auch in einem Buch festgehalten. Quelle: Christian Bark

Im Lager habe es mit Brom vergiftete Suppe gegeben. Schwangere seien vergast oder ihre Babys umgebracht worden. „Ich kann das alles nicht vergessen“, sagte Zipora Feiblowitsch gegenüber den Schülern immer wieder, betonte aber auch, dass sie als Jugendliche heute nichts damit zu tun hätten.

In einer Fabrik in Salzwedel musste die junge Frau Ende 1944 Zwangsarbeit leisten, erlebte dort aber auch Mitgefühl der Zivilbevölkerung und einer SS-Krankenschwester, die sie gesund pflegte. „1945 befreiten die Amerikaner unser Lager“, berichtete sie.

Eine Rückkehr nach Siebenbürgen brachte nur die Erkenntnis, dass ihr Haus bereits anderen Leuten gehörte. Auch die Ausreise nach Israel wurde nach dem Krieg schwierig. Zum einen, weil die Franzosen die Holocaust-Überlebenden zunächst nicht durch ihre Besatzungszone durchreisen lassen wollten. Zum anderen weil die Briten die jüdischen Flüchtlinge nicht in ihrem damaligen Mandatsgebiet Palästina haben wollten.

Rudi Pahnke animierte die Schüler dazu, ihre Fragen zu stellen. Quelle: Christian Bark

Schließlich hatte es Zipora Feiblowitsch doch geschafft und eine Familie in Israel gründen können. Die Schüler lud sie dazu ein, das Land einmal zu besuchen.

„Jetzt habt Ihr die Möglichkeit, Fragen zu stellen. So eine Gelegenheit kommt womöglich nie wieder“, sagte Rudi Pahnke vom Institut. Ob sie denn eine Nummer im KZ eintätowiert bekommen habe, wollte zum Beispiel Tristan Kipcke von der Zeitzeugin wissen. Sie verneinte, weil nur die arbeitsfähigen Juden tätowiert worden seien.

„Wir hatten den Nationalsozialismus schon im Unterricht behandelt“, sagte der 15-jährige Schüler. Die schrecklichen Erlebnisse aber persönlich geschildert zu bekommen, sei schon etwas Besonderes gewesen.

Die Schüler überreichten der Zeitzeugin noch ein kleines Präsent. Quelle: Christian Bark

„Das ist schon ziemlich krass und fühlt sich heute gar mehr so real an“, sagte Justine Gärtner. Die Geschichte habe die 16-Jährige schon emotional mitgenommen. „Das ist für die Schüler sicher eindrücklicher als sechs Stunden Unterricht“, sagte Geschichtslehrer Jason Träder von der Freien Schule Heiligengrabe.

Tochter Sahava Shakiv schockieren die Geschichten ihrer Mutter noch bis heute. Quelle: Christian Bark

Begleitet wurde die Zeitzeugin am Dienstag auch von ihrer Tochter Sahava Shakiv. Auch sie schilderte ihre Eindrücke um die Erlebnisse ihrer Mutter. „Meine Mutter war in der Hölle“, sagte sie. Das sei für sie bis heute noch unglaublich.

Nach dieser Geschichtsstunde der besonderen Art bedankten sich Schüler mit einem kräftigen Applaus und einem kleinen Präsent bei Zipora Feiblowitsch.

Von Christian Bark

22.03.2019