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Wittstock/Dosse Szenische Lesung im Fackelschein
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Szenische Lesung im Fackelschein
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08:36 08.09.2018
Ingrid Lucia Ernst und Kalle Mews bei ihrem Gastspiel an den Wittstocker Museen Alte Bischofsburg. Quelle: Björn Wagener
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Wittstock

Ingrid Lucia Ernsts Stimme klingt mal fest und mal brüchig, mal zurückhaltend oder auch schlicht erzählerisch. Sie spiegelt die Wandlungen eines ganzen Lebens wider – das des Simplicius, jenen in Armut und Einfalt geborenen Jungen, um dessen Leben sich der erste Bestseller im deutschsprachigen Raum dreht: „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“, der 1668, also vor 350 Jahren, erschien.

Am Freitagabend präsentierten die Regisseurin und Dramaturgin Ingrid Lucia Ernst und Schlagzeuger und Schauspieler Kalle Mews den Roman von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen in einer szenischen Lesung mit dem Titel „Simplicius Simplicissimus – von der Kunst seinen eigenen Weg zu gehen“ unter freiem Himmel auf der Bühne.

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Bühne auf dem Burghof

Sie war auf dem oberen Burghof an den Museen Alte Bischofsburg aufgebaut und wurde am Abend für eine Stunde zum Schauplatz einer Handlung, die

Blick ins Publikum. Quelle: Björn Wagener

„absolut mit Wittstock zu tun hat“, wie Museumsleiterin Antje Zeiger einleitend sagte. Denn sie spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der vor 400 Jahren seinen Anfang nahm und 1636 mit der Schlacht am Scharfenberg auch Wittstock in dramatischer Weise erreichte. Die Kriegsgräuel der Schlacht werden in dem Roman im Buch II, Kapitel 27, detailreich beschrieben.

Ingrid Lucia Ernst liest, während Kalle Mews die jeweils wechselnden Szenen ansagt oder kommentiert. Sehenswert ist dabei vor allem die Art, wie er sein Schlagzeug bearbeitet. Mal sanft, mal heftig, mal zieht er die Trommelstöcke wie Stifte über ein Blatt Papier, dann wieder rasselt, klappert oder wummert es und Mews imitiert mit seiner Stimme eine brabbelnde Kneipenatmosphäre.

„Es ist ein schwieriger Stoff“, sagt Antje Zeiger. Anerkennung bringt sie deshalb vor allem der Art entgegen, wie die beiden Akteure ihn für das Stück bearbeiteten.

Fackeln im Wind

Während der Lesung lodern Fackeln am Bühnenrand. Die rund 30 Besucher sitzen auf Holzstühlen. Der Wind wirbelt ab und an das Laub von den Bäumen und gibt dem Auftritt eine ganz eigene Dramatik. Auch Textzettel von Kalle Mews werden zuweilen vom Winde verweht.

Nach einer Stunde holt Ingrid Lucia Ernst die Besucher wieder zurück in die Gegenwart. „Wir freuen uns sehr, dass wir die wunderbare Wittstocker Altstadt kennen lernen durften“, sagt sie zum Abschied und dankt den Besuchern, dass sie „trotz des Windes und der Kühle ausgehalten haben.“

Von Björn Wagener